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Schweigen. Virgilia lächelte verträumt. »Meine Liebe, es hat keinen Sinn. Selbst wenn er direkt vor der Tür stehen und sie aufbrechen würde, hätte ich noch genügend Zeit, dir das hier ins Gesicht zu schütten.« Ihr Lächeln verstärkte sich. »Du weißt, daß ich nicht zögern würde. Ich bin eine Yankee, und ich hasse dich und deine Sorte. Also würde ich vorschlagen, du unterschreibst. In der Schachtel rechts neben dir befindet sich eine alte Feder und etwas Tinte.«

»Ein solches Papier - taugt nichts«, tobte Ashton. »Ich kann damit vor Gericht gehen. Ich kann euch vor Gericht bringen. Ich muß nur sagen, ihr habt mich gezwungen.«

»Wo ist denn hier ein Zwang«, sagte Charles sanft. »Ich bin Zeuge. Wir können zu zweit bezeugen, daß du freiwillig unterzeichnet hast. Wo sind deine Zeugen, die das Gegenteil behaupten könnten?«

»Verdammt sollst du sein. Verdammt sollst du sein!«

»Ashton, du verschwendest lediglich deine Energie«, sagte Virgilia. »Dieses Papier ist vollkommen legal, und es wird auch legal sein, nachdem du es unterschrieben hast. Wir können die besten Anwälte der Nation engagieren, um das zu beweisen. So viele Anwälte wie nötig sind. Mein Bruder George kann sich das und noch eine ganze Menge mehr leisten. Also sei vernünftig. Unterschreib.«

Wieder kreischte Ashton auf.

Virgilia seufzte. »Charles, ich fürchte, wir haben uns getäuscht. Ihr Aussehen ist ihr nicht mehr so wichtig.«

»Du meinst, ihr Gesicht?«

»Ja, ihr Gesicht.«

Virgilia ging auf Ashton zu, in der ausgestreckten Hand die offene, bernsteinfarbene Flasche. Ashton preßte ihre Hände gegen ihre Schläfen und schrie volle fünf Sekunden lang. Dann sank sie auf die Knie, begann in der Schachtel zu wühlen. »Ich unterschreibe. Tut meinem Gesicht nichts. Ich werde unterschreiben. Hier, ich unterschreibe ja schon.«

Sie kippte das Tintengläschen um, als sie die Feder eintauchte. Große schwarze Flecken breiteten sich auf ihrem pinkfarbenen Kleid von Worth's aus. Tintentropfen fielen wie schwarze Tränen auf den Rand des Papiers, das zu lesen sie sich gar nicht erst die Mühe machte. Sie legte das Papier auf einen Bücherstapel und setzte dann ihren Namen darunter.

»Da, gottverdammt noch mal. Da.« Tränen strömten über ihr Gesicht. Ihre Hand zitterte deutlich sichtbar, als sie Virgilia das Papier entgegenstreckte.

Virgilia nahm es und studierte die Unterschrift. Ashton taumelte schwankend auf die Füße; sie war bleich und atmete schwer. Sie ließ die Feder fallen, die einen weiteren Fleck auf ihrem Kleid hinterließ.

Virgilia nickte und faltete das Papier zusammen. »Ich danke dir, Ashton.« Sie schüttete Ashton den Inhalt des Fläschchens ins Gesicht.

Ashton schwankte und fuhr sich mit den Fingernägeln über die Wangen, wie eine Harpyie kreischend. »Du Yankee-Hündin!« Ihre Nägel rissen blutige Spuren in ihr Gesicht. »Du hast mich verunstaltet!«

»Mit etwas Quellwasser? Das glaub' ich kaum. Laß sie hinaus, Charles.«

Er trat beiseite und öffnete die Tür. Sonnenlicht strömte herein. Draußen sah er Madeline und Willa, deren ängstliche Blicke auf die Tür gerichtet waren. Ein Stück weiter stand Gus und zeigte dem dicken Gerichtsvollzieher etwas auf dem Fluß.

»Auf Wiedersehen, Ashton«, sagte er.

Kreischend lief sie an ihm vorbei.

Der Landauer raste den Weg noch schneller hinab, als er hochgekommen war. Die Angestellten und Favor Herrington, Es-quire, tauchten eine Stunde später auf. Der Gerichtsvollzieher war bereits mit der anderen Kutsche abgefahren. Der verwirrte Anwalt und seine Angestellten mußten zu Fuß nach Charleston laufen.

1869

Union Pacific und Central Pacific treffen sich in Utah, schaffen die transkontinentale Eisenbahnlinie.

Samuel Clemens bringt einen Bestseller heraus,

Innocents Abroad.

Jay Gould und Jim Fisk manipulieren Goldmarkt am >Schwarzen Freitag<; Tausende von kleinen Investoren ruiniert.

John D. Rockefeller organisiert Standard Oil of Ohio.

Kongreß billigt erste Gesetzesvorlage zur Garantierung der Bürgerrechte, stoppt den Anti-Neger-Terror im Süden.

Washington bekommt seinen ersten schwarzen Senator, Hiram Revels aus Mississippi, und seinen ersten schwarzen Abgeordneten, Joseph Rainey aus South Carolina.

1871

Professionelle Baseballspieler gründen die National-League.

Feuer in Chicago: 300 Tote, 17.000 zerstörte Gebäude.

Anklageschrift gegen William >Boss< Tweed, der New York City um Millionenbeträge geprellt haben soll, zurückgewiesen.

1872

Abtrünnige, mit Grant unzufriedene Republikaner, nominieren den Kreuzzugsjournalisten Horace Greeley;

Vizepräsident Schuyler Colfax der Bestechung durch Union Pacific's Credit-Mobilier-Baufirma beschuldigt.

Kongreß verweigert Gelder für das Büro für befreite Negersklaven; Büro schließt.

Präsidentenproklamation genehmigt Jahrhundertausstellung für

1876.

Weiterhin Gerüchte über Korruption in der Grant-Regierung.

Zusammenbruch des Bankhauses von Jay Cooke löst Panik aus, die zu Drei-Jahres-Depression führt.

1874

Eads' Bridge, der Welt größte Brücke, überspannt den Mississippi bei St. Louis.

General Custer bestätigt Goldfunde im Dakota-Territorium.

Cartoonist Thomas Nast zeichnet die Republikaner als Elefanten.

1875

Illegaler Sturm der Goldsucher auf das Sioux-Land in den Black

Hills.

Grants Sekretär Babcock mit >Whisky-Ring< zur Hinterziehung von Alkoholsteuern in Verbindung gebracht.

Als Gegenleistung für Bestechungsgelder gesteht Kriegsminister W.W. Belknap Armeehandelsposten Lizenzen zu.

DIE INTERNATIONALE

JAHRHUNDERTAUSSTELLUNG IN PHILADELPHIA

EIN BLICK AUF FAIRMOUNT PARK - DIE GEBÄUDE UND IHRE UMGEBUNG - SECHZIG ACRES ÜBERDACHT - DIE TROPHÄEN DER WELT LIEGEN AMERIKA ZU FÜSSEN - WAS ES ZU SEHEN GIBT UND WIE MAN ES

SEHEN MUSS:

Das größte Spektakel, das wir auf diesem Kontinent je erlebt haben - und das sich wahrscheinlich zu unseren Lebzeiten nicht wiederholen wird -, beginnt in Philadelphia und wird sechs Monate dauern. Der hundertste Geburtstag der Nation wird untrennbar verbunden bleiben mit unvergeßlichen Erinnerungen an die besten Produkte eines jeden Industriezweigs sowie kunstgewerblicher ...

Charleston News and Courier 10. Mai 1876

70

»Meine Damen und Herren, der Präsident der Vereinigten Staaten.«

Am Morgen hatte es noch geregnet, jetzt kämpfte sich die Sonne durch die Wolken. Sonderzüge aus der Innenstadt von Philadelphia fuhren nacheinander auf den neuen Pennsylvania-Bahnsteigen ein und entließen ihre Menschenmassen.

»Mitbürger. Man hat es für angebracht gehalten, anläßlich dieses Jahrhundertereignisses unsere Fertigkeiten auf industriellem und künstlerischem Sektor der Öffentlichkeit in Philadelphia darzubieten.«

Von neun Uhr an strömten Besucher mit Regenschirmen durch die Haupttore. Sie fanden imposante Gebäude vor - Maschinenhalle und Haupthalle Seite an Seite - und jenseits davon Avenue und Wege, Springbrunnen und Monumente, wunderschön und kolossal. Es gab Hallen für Agrikultur und Gartenbau; eine Halle für die US-Regierung und Hallen, in denen ausschließlich die künstlerischen Arbeiten und häuslichen Aktivitäten von Frauen zu bewundern waren. Man konnte Zeltlager von Beduinen und Armeeposten besichtigen. Es gab Blumenbeete und spiegelnde Teiche. Es gab Statuen, die Kolumbus repräsentierten, die religiöse Freiheit und Moses, der Wasser aus Felsen schlug. Dazu gab es viele Popcorn-Stände und Restaurants - aus Frankreich, Deutschland, Japan, Tunesien und noch viele mehr.