»Sie hat dich gefragt?« rief Holzfuß, als Charles ihm davon erzählte.
»Ja. Sie ist nicht, nun, konventionell. Sie ist Schauspielerin.«
»Oh, jetzt kapiere ich. Dann nütz die Sache aus, Charlie. Es heißt, Schauspielerinnen seien immer gut für einen schnellen Sprung in die Laken.«
»Die nicht«, sagte er. Das gehörte zu den wenigen Sachen, die er über Willa Parker mit einiger Gewißheit sagen konnte.
10
Wenn dieser blaue Cut bloß alt war, dann war der Atlantik nichts weiter als ein Teich. Der Cut aus zweiter Hand hatte Charles vier Dollar gekostet. »Das ist eindeutig ein Darlehen«, hatte Holzfuß gesagt. »Ich bin durchaus für Romanzen, aber ich finanziere sie nicht.« Der Trödler gab noch eine gebrauchte Krawatte dazu; Charles borgte sich einen weiteren Dollar von seinem neuen Partner und kaufte etwas Macassaröl. So herausgeputzt mit den langen, angeklebten Haaren kam er sich albern und geckenhaft vor.
Diese Meinung schienen auch zwei Neger in grüner Samtlivree zu teilen, die die Gäste am Eingang des eleganten New Plan-ter's House empfingen, dem zweiten Hotel in St. Louis, das diesen Namen trug. Charles übergab einem Stallknecht sein Pferd und stolzierte zwischen den beiden Türstehern hindurch. Sein scharfer Blick und seine düstere Erscheinung ließen ihnen jede Bemerkung über sein Aussehen in der Kehle steckenbleiben.
Willa erhob sich von einem der Plüschsitze in der weiträumigen Lobby. Ihr schnelles Lächeln dämpfte seine Nervosität ein bißchen. »Meine Güte«, sagte sie. »Für einen Indianeragenten schauen Sie aber wirklich elegant aus.«
»Besonderer Anlaß. Kommt bei mir ja nicht oft vor. Aber ich würde eher sagen, wenn hier jemand elegant ist, dann Sie.«
»Besten Dank, Sir.« Sie nahm seinen Arm und führte ihn zum Speisesaal. Durch irgendeinen weiblichen Zauber, den er nicht begriff, funkelte sie förmlich vor jugendlicher Schönheit, auch wenn sie fast vollkommen schwarz gekleidet war: ihr Reifrock, ihr Seidenumhang, ihr kleiner Hut mit einer einzigen schwarzen Feder. Weiße Spitze bauschte sich um ihre Kehle und säumte ihre Ärmel - gerade soviel, um einen aufregenden Kontrast zu schaffen.
Ein hochnäsiger Oberkellner wollte sie hinter einen Topffarn neben den Kücheneingang setzen. »Nein, danke«, sagte Willa liebenswürdig. »Ich bin Mrs. Parker von Trumps Theater. Ich schicke einen Großteil unseres Publikums zu Ihnen, damit sie Ihre Küche genießen können. Ich habe nicht die Absicht, den schlechtesten Tisch zu nehmen. Den in der Mitte, bitte.«
Es war ein Tisch für vier Personen, doch der Mann war von ihrem Charme entwaffnet. Er dankte ihr überschwenglich.
Die Verbindung von sanftem Gaslicht und den Kerzen auf den Tischen schuf trotz des vollbesetzten Saales eine intime Atmosphäre. Mehrere Gentlemen unterbrachen ihr Gespräch und warfen Willa bewundernde Blicke zu. Ihr schwarzes Kleid und ihre lebhaften blauen Augen wirkten bezaubernd, als sie Charles gegenübersaß. Die Servietten in den Weinkelchen auf dem rosa Tischtuch zwischen ihnen ähnelten rosafarbenen Blumen.
»Ich passe nicht hierher«, fing er an.
»Unsinn. Sie sind der bestaussehende Bursche weit und breit. Also bitte, angeln Sie nicht weiter nach Komplimenten.«
Er wollte protestieren, als er merkte, daß sie ihn nur neckte. Der Kellner brachte die in Leder gebundenen Speisekarten. Charles erbleichte, als er die Weinkarte aufschlug.
»Alles französisch. Zumindest halte ich es für französisch.«
»Stimmt. Soll ich für uns bestellen?«
»Wär' wohl besser. Servieren sie hier Hafergrütze oder Maisfladen?« Sie kicherte, was er auch beabsichtigt hatte. Allmählich begann er den Abend zu genießen. Sie sagte: »Ich bezweifle es. Die Kalbsmedaillons sind immer gut. Und zuvor Escargots, denke ich.« Charles studierte sein Besteck, um seine Unwissenheit über die Natur von Escargots zu verbergen.
»Mögen Sie Rotwein?« erkundigte sie sich. »Sie haben hier einen Bordeaux aus dem kleinen Dorf Pomerol, der ist ganz vernünftig.«
»Fein.« Der Kellner zog sich zurück. »Sie verstehen eine Menge von Speisen und Wein.«
»Schauspieler verbringen viel Zeit in Hotels. Ich wäre hilflos, wenn ich etwas anpflanzen oder einen Fisch fangen müßte.« Bei ihrem Lächeln fühlte er sich wunderbar entspannt. Er warnte sich selbst, auf der Hut zu sein; die Erinnerung an Gus war noch zu frisch.
»Sie sind also bereit, ins Indianerterritorium aufzubrechen. Vielleicht wird es dieses Jahr da draußen friedlich zugehen.« Er zog eine Zigarre halb aus seiner Tasche, schob sie dann wieder zurück. »Nein, rauchen Sie ruhig. Ich habe nichts gegen Zigarren.«
Er zündete die Zigarre an und sagte: »Sie halten sich über die Indianer auf dem laufenden?«
Er hatte es scherzhaft gemeint, doch ihre Antwort, »Oh, ja«, war durchaus ernsthaft. »In New York gehörte ich zu einer Gruppe namens Indian Friendship Society. Wir schickten Memoranden an den Kongreß, in denen wir die Regierung aufforderten, das Massaker von Sand Creek zu verurteilen. Sind Sie damit vertraut?« Er bejahte. »Nun, die Alleinschuld daran trägt der weiße Mann. Wir stehlen den Indianern das Land und schlachten sie dann ab, wenn sie sich dagegen wehren oder widersprechen. Die Beziehung des weißen Mannes zu den einheimischen Stämmen ist eine schändliche Geschichte des Betrugs, der Ungerechtigkeit, der gebrochenen Versprechen und mißachteten Verträge und unaussprechlicher Grausamkeiten.«
Charles bestaunte ehrfürchtig ihre Kreuzfahrerleidenschaft. »Mein Partner wäre Ihrer Meinung«, sagte er. »Er mag die Cheyenne im Süden. Jedenfalls die meisten.«
»Und Sie?«
»Ich habe nur einige Erfahrungen mit ein paar Comanchen, drunten in Texas - und die waren jedenfalls alle scharf darauf, mich zu erschießen.«
»Ich weiß, es ist unmöglich, die Expansion Richtung Westen aufzuhalten. Aber das darf nicht um den Preis der Auslöschung der Urbevölkerung geschehen. Gott sei Dank gibt es einige Anzeichen für einen Frieden. Dieser blutdürstige General Dodge wollte tausend Männer loslassen, die jeden Indianer entlang des Santa-Fe-Trails töten sollten, aber er wurde aufgehalten. Und gestern las ich in der Missouri Gazette, daß Colonel Jesse Leaven-worth, der Indianeragent, einen Waffenstillstand mit einigen der Indianer ausgehandelt hat, die zum Verwaltungsbereich seiner Upper Arkansas Agency gehören. Ist Ihnen klar, was das bedeutet?«
Sie beugte sich mit lebhaft geröteten Wangen vor. »Es bedeutet, daß William Bent und Kit Carson und Senator Doolittle von Wisconsin eine echte Chance haben, bald schon eine Friedenskonferenz einzuberufen. Vielleicht bringen wir einmal einen Vertrag zustande, den beide Seiten einhalten werden.«
Der Kellner brachte kleine Silbergabeln und merkwürdige, muschelartige Dinger, die in einem Halbkreis auf dem Teller angeordnet waren. Verblüfft hob Charles die kleine Gabel.
»Escargots«, sagte sie. »Schnecken.«
Er hustete und tastete nach seiner Zigarre in dem Kristallaschenbecher. Einige tiefe Züge ließen ihn seine erste Begegnung mit Schnecken in dieser Form überstehen.
Nachdem der Kellner den vollen, schweren Pomerol eingeschenkt und Charles ein Glas getrunken hatte, floß die Unter-haltung lockerer dahin. Er erzählte Willa einiges von seinen Kriegserlebnissen und von seinem besten Freund Billy Hazard, den er aus dem Libby-Gefängnis gerettet hatte. Er beschrieb den Offizier namens Bent, der einen unerklärlichen Groll gegen seine und Billys Familie hegte. »Der Krieg hat ihn verschlungen. Ein weiteres Opfer vermutlich. Ich kann nicht behaupten, daß es mir leid tut.«