Sie tranken noch etwas Wein, dann wurde das Kalb serviert, appetitlich garniert mit leuchtend gelben Kürbiswürfeln und großen Erbsenschoten. Mit offensichtlicher Emotion sprach er von anderen Dingen, von seiner bleibenden Liebe für Mont Royal - niedergebrannt, aber wieder im Aufbau begriffen - und der Zuneigung, die er seinem Cousin Orry entgegenbrachte, der ihn vor der Selbstzerstörung bewahrt hatte.
Plötzlich sagte er: »Und was ist mit Ihnen? Ist dies Ihr Zuhause?«
Sie konzentrierte sich darauf, mit der Gabel ein Stück Kalbfleisch zum Mund zu führen; sie hielt die Gabel in der linken Hand, was Charles bis jetzt nur bei Leuten von höchster Kultiviertheit gesehen hatte. »Nein. Ich kam auf eine Anfrage von Sam Trump her, der mich gebeten hatte, sein Theater auf eine profitable Basis zu stellen. Er ist ein alter Freund meines Vaters. Der übrigens nicht Parker hieß, sondern Potts.« Sie verzog das Gesicht, und er lachte.
Sie unterhielten sich weiter. Charles vergaß, wie bizarr sein angeklatschtes Haar aussehen mußte oder wie unbehaglich er sich in dem ausgefransten Cut fühlte. Der Wein glitt leicht die Kehle hinunter, dämpfte das Kerzenlicht und untermalte ihre Schönheit. Ein Geigenspieler und ein Cellist, feierliche bärtige Typen mit weißen Krawatten und Schwalbenschwänzen, begannen in einer Ecke pseudoklassische Stücke zu spielen.
»Wie kamen Sie als Händler nach St. Louis, Charles?«
»Eigentlich ...« Konnte er es wagen, ihr zu vertrauen? Er schaute in ihre blauen Augen. Ja. »Ich war nie zuvor draußen. Ich bin ein West-Point-Absolvent, verstehen Sie. Nach dem Krieg ging ich wieder zur Armee, aber jemand in Jefferson Barracks erkannte mich - ein Mann, der zur gleichen Zeit wie ich die Akademie besuchte. Sie gaben mir einen Tritt, im wahrsten Sinne des Wortes. Nun, irgendwie mußte ich Geld verdienen, um meinen Sohn .«
Sie ließ ihren Löffel fallen. Er klapperte gegen den Rand ihres Tellers mit Blaubeeren in Sahne und fiel zu Boden. Charles sah, daß sie verärgert war. »Oh nein, warten Sie.« Ohne nachzudenken, schoß seine Hand über den Tisch und griff nach der ihren. »Ich habe Ihnen nichts vorgemacht. Ich habe tatsächlich einen Sohn, acht Monate alt. Seine Mutter starb bei seiner Geburt in Virginia.«
»Oh. Das tut mir aufrichtig leid.« Sie entspannte sich und griff nach dem neuen Löffel, den der Kellner lautlos neben ihren Goldrandteller gelegt hatte. Den Blick auf das Dessert gerichtet, murmelte sie: »Es scheint so, als hätten wir beide eine Vergangenheit, die etwas aus dem Rahmen fällt.«
Er wunderte sich über den schmerzlichen Unterton in ihren Worten. Ein Mann gab den Musikern ein Trinkgeld, und sie spielten Lorena.
Charles und Willa sahen sich an und ließen die lieblich traurige Musik sprechen.
Die Nacht roch nach Holzrauch. Willa schlug einen Spaziergang auf dem Uferdamm vor, und sie schlenderten Arm in Arm dahin. Diesmal war sie nicht so vorsichtig; die seidene Wölbung ihres Busens drückte leicht gegen seinen Arm. Er spürte seine starke körperliche Reaktion.
Sie gingen nach rechts, zwischen den Piers und den steinernen Lagerhäusern und den Handelsgebäuden hindurch. Ein gelblicher Mond tarnte den Schmutz und milderte die scharfen Silhouetten der großen Kisten und Fässer, die auf ihre Verschiffung warteten. Ein Wachmann, der auf einer Tonne saß, nahm seine Maispfeife aus dem Mund. »Abend.« Seine linke Hand ruhte weiterhin auf seiner Schrotflinte.
»Es war ein herrlicher Abend«, sagte Willa seufzend. »Da Sie bereits wissen, daß ich sehr direkt bin, kann ich Ihnen genausogut sagen, daß ich ihn gern wiederholen würde.«
Jetzt, dachte Charles. Schluß damit. Belaß es dabei. Aber er hatte zuviel von dem üppigen Pomerol getrunken.
»Ich auch.«
»Gut. Wie lange muß ich warten?«
»Bis zum Frühjahr, schätze ich. Dann kommt Jackson mit den Pferden zurück, die er während des Winters gesammelt hat.«
»In Ordnung.« Die schwarze Feder auf ihrem Hut wippte, als sie nickte. »Ab 1. April nächsten Jahres liegt für Sie am Schalter eine Eintrittskarte bereit. Für jede Vorstellung ist ein Logensitz für Sie reserviert. Wenn ich Sie im Publikum sehe, weiß ich, die Zeit für das nächste Abendessen ist gekommen.«
»Abgemacht. Sie sind sehr zuversichtlich, daß das Theater gedeihen wird.«
»Ich werde dafür sorgen.« Es war keine Angeberei, sondern sie brachte lediglich ihre Überzeugung zum Ausdruck. »Wie so viele andere Schauspieler auch ist Sam ein liebenswerter, charmanter Mann, eitel und alles, was dazugehört. Aber er hat eine Schwäche für Alkohol. Wenn ich ihn trocken halten kann und wir drei oder vier neue Stücke in unser Repertoire aufnehmen, vielleicht eine Komödie von Moliere und noch eines dieser Melodramen, die Sam unter dem Namen Samuels schreibt - sie sind fürchterlich, wirklich, aber das Publikum liebt sie, weil er genau weiß, wie er aufwühlende Texte für sich selbst zu schreiben hat -, wenn wir all das bis zu Ihrer Rückkehr zustande bringen, dann schaffen wir es. Dann muß man dran denken, Weitere Schauspieler für eine Tourneetruppe zu engagieren.«
»Für Ihre jungen Jahre sind Sie sehr entschlossen.«
Sie beobachtete den Fluß. Ein großer, weißer Schaufelraddampfer stampfte den Missouri flußauf; ein Perlenband bernsteinfarbener Lichter kennzeichnete das Kabinendeck.
»Ist das nicht ein schöner Anblick, Charles?«
»Ja, aber diese Kabinenlichter lösen ein einsames Gefühl in mir aus.«
»Ich weiß. Ich habe so empfunden, seit ich klein war und mit meinem Vater durch fremde Städte reiste, immer von dem Wunsch beseelt, eine der Lampen wäre entzündet worden, um uns willkommen zu heißen - es ist spät«, sagte sie abrupt. »Wir sollten zurückgehen. Ich kontrolliere immer noch, ob Sam im Bett liegt, und zwar nüchtern. Wir proben morgen früh >Stra-ßen der Schande<.«
In entspanntem Schweigen gingen sie zurück, durch die nächtlichen Geräusche von St. Louis: ein Mann und eine Frau, die sich stritten; ein Banjo spielte Old Folks at Home; Straßenköter kläfften und bellten sich wegen ein paar Abfällen an. »Das ist eine hübsche Melodie«, sagte sie, als sie sich dem Theater näherten. »Wie heißt sie?«
»Was meinen Sie?«
»Die Melodie, die Sie eben gesummt haben.« Sie wiederholte einige Noten.
»Ich habe gar nicht gemerkt - das ist bloß eine kleine Melodie, die ich erfunden hab', weil sie mich an zu Hause erinnert.«
»Das ist etwas, was ich nie hatte, ein echtes Zuhause.« Sie hielt vor der Bühnentür und holte den Schlüssel aus ihrem Seidentäschchen. »Sam schläft im Büro, und ich habe mein Lager oben im Dachgeschoß aufgeschlagen. Spart die Kosten für Unterkunft, obwohl ich hoffe, in ein besseres Quartier umziehen zu können, wenn wir eine gute Saison schaffen.« Sie hob den Kopf, wartete. Charles beugte sich herab und gab ihr einen brüderlichen Kuß, wobei er kaum ihren Mundwinkel mit seinen Lippen berührte. Ihre linke Hand schoß hoch und preßte ganz kurz seinen Nacken.
»Passen Sie draußen im Westen auf sich auf. Ich möchte Sie im Frühjahr wiedersehen.«
»Willa ...« Er kämpfte mit sich, aber es mußte gesagt werden. »Sie sind offen und direkt. Ich will es auch sein. Ich lebe ein Einsiedlerleben, vor allem jetzt, wo die Mutter meines Sohnes nicht mehr ist. Ich will keine - Bindungen.«
Ausdruckslos fragte sie: »Schließt das auch Freundschaften ein?«
Das kam überraschend; er konnte nur wiederholen: »Bindungen.«
»Warum möchten Sie keine Bindungen?«
»Menschen werden dadurch verletzt. Einer Person stößt etwas zu, und die andere Person muß eine schlimme Zeit durchmachen. Ich wollte damit nicht andeuten, daß Sie und ich - das heißt .« Er räusperte sich. »Ich mag Sie, Willa. Dabei sollten wir es belassen.«