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»Ich habe nichts dagegen einzuwenden, Charles. Gute Nacht.«

Sie schloß die Tür auf und verschwand. Er blieb draußen stehen, starrte das vom Mondschein überspülte Gebäude an und gratulierte sich selbst, daß er im richtigen Augenblick den Mund aufgemacht hatte.

Aber wenn er die Sache so gut hinbekommen hatte, warum erfüllte es ihn dann mit Freude, sogar mit überraschender Sehnsucht, wenn er an ihr Gesicht dachte, an den Druck ihrer Brust gegen seinen Arm, an die Dinge, die sie gesagt hatte?

Etwas in ihm war in Bewegung geraten, etwas Gefährliches.

Du wirst viel Zeit haben, darüber wegzukommen, sagte er sich, als er sich umdrehte und auf den Hotelstall zumarschierte.

In Trumps Theater lehnte sich Willa gegen die Eingangstür. »Nun«, sagte sie, »es war ja nur ein kleiner Hoffnungsschimmer.«

Schon vor langer Zeit hatte sie erfahren, daß in dieser Welt Hoffnungen leicht und oft zerstört wurden. Sie richtete sich auf, wischte sich flüchtig über die Augen und ging dann auf den Lichtspalt zu, der sich unter der Bürotür zeigte. Sams Schnarchen riß sie aus dem Zauber der Nacht und weg von dem großen Südstaatler und den närrischen Phantasien des Abends.

MADELINES JOURNAL

September 1865. Cooper ist begnadigt.

Das habe ich von Judith. Sie fuhr mit Marie-Louise von Charleston her, um sich nach unserem Wohlergehen zu erkundigen. Ich zeigte ihnen das fast vollendete Schulhaus und stellte ihnen Prudence vor, von der siebegeistert waren. Wegen der Schule will Cooper nicht mehr herkommen. Judith sagt, er beharre darauf, daß die einzig akzeptable Gesellschaftsordnung nur darin bestehen kann, die Farbigen für immer den Weißen unterzuordnen. Er gesteht ihnen Freiheit, aber nicht Gleichheit zu. Eine Ansicht, die Judith traurig stimmt.

Judith ließ - sich unserer wachsenden Isolation wohl bewußt - einige Zeitungen aus Charleston da. Der dreizehnte Zusatz zur Verfassung ist ratifiziert und ein Minderheitsantrag von dem provisorischen Gouverneur Perry abgelehnt worden, den Sklavenbesitzern Wiedergutmachung zukommen zu lassen und den Negern nur handwerkliche Arbeiten zu genehmigen. Perry: »Nein, es ist vorbei -für immer vorbei - und darf nie wieder zum Leben erweckt werden.«

Zwei von Johnsons Bedingungen sind also erfüllt. Die dritte, Anerkennung der Kriegsschuld, noch nicht. Perry: »Es wäre ein Tadel South Carolinas, daß ihre Verfassung weniger republikanisch ist als die irgendeines anderen Staates.«

Delegierte sprachen die Empfehlung aus, James Orr zum Gouverneur zu wählen. Ein gemäßigter Mann, Gegner der Hitzköpfe und einst Sprecher des Repräsentantenhauses in Washington: ich erinnere mich, daß du ihn respektiert hast. Als Mitglied des konföderierten Senats plädierte er für Friedensverhandlungen und sagte eine sichere militärische Niederlage voraus. Niemand wollte auf ihn hören.

Bei einem Gesuch um Nachsicht gegenüber Mr. Davis prallten die Meinungen hart aufeinander. Der Delegierte Pickens drückte es sehr deutlich aus: »Es steht uns nicht an, zu prahlen und zu schwadronieren - zu drohen und uns aufzublasen. Unser Staat und die Meinung der Welt verpflichten uns, Carolinas Wunden zu verbinden und das Öl des Friedens darauf zu gießen.«

Einige pfiffen ihn aus. Sollen wir denn ewig Gefangene der alten Traditionen, der alten Leidenschaften, der alten Fehler bleiben?

In der Dämmerung bei der Einfahrt zu unserer Straße ein merkwürdiges Päckchen gefunden. Keine Ahnung, wie es dorthin gekommen ist ...

Das Maultier erkannte den zusammengesunkenen Schwarzen und stupste ihn an. Juba schleppte seinen müden, arthritischen Körper über die Veranda des Dixie Store. Schmerzerfüllt umklammerte er den Türrahmen. Die beiden weißen Männer nahmen seine Gegenwart fast eine Minute lang nicht zur Kenntnis.

Schließlich fragte LaMotte: »Hast du es dort gelassen, so wie ich es dir gesagt habe?« Seine Größe ließ den bebrillten Ladenbesitzer Gettys wie einen kleinen Jungen erscheinen.

»Yessir, Mist' Desmond. Niemand mich geseh'n, auch nicht.«

»Wart draußen«, sagte Des.

»Ich hab' gedacht, Sir - hab' nichts gegessen seit dem Morgen.«

»In ein paar Stunden sind wir wieder in Charleston. Du kannst dort essen.«

Juba wußte, daß es keinen Sinn hatte zu widersprechen. Er schob sich hinaus in die Dämmerung, mit einem elenden Gefühl im Herzen.

Des sagte: »Als ich hier darauf wartete, daß mein Nigger den Auftrag ausführt, hätte ich nie erwartet, jemanden wie Ihnen zu begegnen, Gettys.«

»Es sieht so aus, als würden wir die gleichen Überzeugungen teilen, Mr. LaMotte.«

»Was Sie über Mont Royal sagten, verblüfft mich. Ich hätte nie gedacht, daß diese schwarze Hexe so unverfroren sein könnte. Man muß sie aufhalten. Wenn Sie davon genauso felsenfest überzeugt sind, dann sollten wir uns zusammentun.«

»Jawohl, Sir, ich bin felsenfest davon überzeugt.«

Draußen in der Dunkelheit lehnte Juba seinen schmerzenden Leib gegen eine Eiche. Sein Kopf war voll von traurigen Gedanken über die Herzlosigkeit, zu der manche Menschen fähig waren.

Madeline hielt das mysteriöse Päckchen auf Armeslänge von sich, um die groben Buchstaben auf dem Packpapier besser lesen zu können. Die Brille, die sie dringend nötig gehabt hätte, konnte sie sich nicht leisten.

madeline main. Sie sah es ganz deutlich. Aus ihrem Schaukelstuhl auf der anderen Seite der Lampe sagte Prudence: »Was um alles in der Welt könnte das sein?«

»Schauen wir nach.«

Sie öffnete das flache, viereckige Päckchen. Eine alte, vergilbte Daguerreotypie kam zum Vorschein, ungefähr fünfundzwanzig Zentimeter hoch. Das Bild zeigte eine der häßlichsten schwarzen Frauen, die sie je gesehen hatte, eine Frau mit langem Unterkiefer und hervorstehenden Schneidezähnen. Die Frau lächelte zwar, aber es war ein eigenartiges, bösartiges Lächeln. Die gesamte Kleidung der Frau - Rüschenkleid, Spitzenhandschuhe, Federhut - war weiß, ebenso wie der geöffnete Sonnenschirm, den sie über die Schulter hielt.

Madeline schüttelte den Kopf. »Das muß irgendeine Anspielung auf meine Herkunft sein, aber ich kenne diese Frau nicht.«

Sie legte die Daguerreotypie auf ein kleines Bord. Beide Frauen studierten das Bild. Je länger sie schauten, desto unheimlicher wurde das lächelnde Gesicht. In dieser Nacht sah Madeline es in ihren Träumen deutlich vor sich.

Am nächsten Tag kam Lincoln wegen eines Problems in der Sägegrube ins Haus. Er begann gerade zu sprechen, da bemerkte er die Daguerreotypie und verstummte. Madeline hielt den Atem an.

»Lincoln, kennst du diese Frau?«

»Nein - ich - ja.« Er wich ihrem Blick aus. »Hab' mal für sie gearbeitet, zwei Wochen lang. Konnte ihre Gemeinheiten nicht aushalten, hab' meine Sachen gepackt und bin fortgerannt.« Er schüttelte den Kopf. »Wie kommt das fürchterliche Ding in das Haus?«

»Jemand hat es gestern abend auf den Weg gelegt. Weißt du, warum?«

Wieder wich er ihrem Blick aus.

»Lincoln, du bist mein Freund. Du mußt es mir sagen. Wer ist diese Frau?«

»Nennt sich Neil Whitebird. Bitte, Miss Madeline ...«

»Sprich weiter.«

»Nun, wo ich gearbeitet hab', bei ihr, war ein Ort, wo viel weiße Gentlemen kamen und gingen zu allen Stunden.«

Er hatte nicht das Herz, noch mehr zu sagen. Madeline legte eine Hand an die Lippen, ärgerlich, besorgt, auch verängstigt. Wer immer auch ihre anonymen Peiniger waren, sie wußten nicht nur, daß zu einem Achtel Negerblut in ihren Adern floß, sondern auch, daß ihre Mutter eine Prostituierte gewesen war.

Es hat keine weiteren >Geschenke< oder anderen Vorfälle gegeben. Prudence drängt mich, das Bild zu verbrennen. Ich beharre darauf, daß wir es behalten, eine ständige Erinnerung, daß wir auf der Hut sein müssen ...