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Ein Patient lag auf der Seite, die Knie an die Brust gezogen, von den Armen fest umklammert. Sein Feldbett stand ganz hinten in der Reihe, so daß er sein Gesicht der blanken Wand zuwenden und seine Gedanken verbergen konnte.

In dem dunklen Raum mit der hohen Decke drehten und wendeten sich die Männer und stöhnten vor sich hin. Die Lampe einer Oberin schwebte wie ein Leuchtkäfer dahin. Ein junger Mann mit einem vollständig weißen Bart richtete sich plötzlich auf. »Unionskavallerie. Sheridans Kavallerie auf der linken Flanke!«

Die Oberin eilte an sein Bett. Ihre Stimme besänftigte ihn. brachte ihn zum Schweigen. Dann schwebte ihre Lampe wieder davon.

Im Krieg war das Spital ein Krankenhaus der Konföderierten gewesen. Gegen Ende zu war es vorübergehend zum Hauptquartier für das Virginia Military Institute geworden, das durch Phil Sheridans Kavallerie vom Shenandoah vertrieben worden war. Nach der Kapitulation waren verschiedene Flügel wieder zur Aufnahme geistig gestörter Veteranen geöffnet worden, jener menschlichen Wracks, die von der Flut des Krieges an den Strand gespült und dort vergessen worden waren. Momentan beherbergte das Spital ungefähr fünfzig solcher Männer. Hunderte, vielleicht Tausende von ihnen drängten sich in den verwüsteten Städten des Südens und trieben sich ohne jede Hilfe auf den zerstörten Straßen herum.

Der Patient auf dem letzten Feldbett krümmte und wand sich. Ein vertrauter, stechender Schmerz bohrte sich tiefer und tiefer in seine Stirn. Er litt an diesem Schmerz und einem zerbrochenen, fast deformierten Körper, seit seinem fast tödlichen Sturz in ...

In ...

Gott, sie hatten auch seinen Geist zerstört. Er brauchte zehn Minuten, bloß um diesen Gedanken zu Ende zu denken.

In den James River.

Ja. Der James. Er und einige Mitverschwörer hatten geplant, die Konföderation von diesem unfähigen Jefferson Davis zu befreien. Sie waren entdeckt worden von einem Armeeoffizier namens .

Namens...

Ganz gleich, wie sehr er sich mühte, es wollte nicht zurückkommen, obwohl er wußte, daß es für ihn gute Gründe gab, diesen Mann zu hassen. In dem anschließenden Kampf nach der Aufdeckung der Verschwörung hatte der Mann ihn aus einem Fenster über dem Fluß gestoßen.

Lebhaft erinnerte er sich an den Schock des Sturzes. Nie hatte er solche Schmerzen erdulden müssen. Felsen hämmerten gegen seinen Kopf, sein Hinterteil und seine Beine, als er nach unten stürzte und schließlich auf die Wasseroberfläche aufschlug.

Er hatte einen wiederkehrenden Alptraum von dem, was dann geschah. Er versank, kämpfte gegen die Strömung an, um wieder an die Oberfläche zu gelangen, und schaffte es nicht. Im Traum ertrank er. Die Realität war anders. Irgendwie hatte er sich durch eigene Bemühung oder durch Zufall auf eine Uferbank flußabwärts geschleppt, eine Menge Wasser erbrochen und das Bewußtsein verloren.

Seit dieser Nacht war er ein anderer Mensch geworden. Der Schmerz war nun sein ständiger Begleiter. Seltsame Lichter füllten häufig seinen Kopf. Jetzt, inmitten des Unwetters, sah er sie wieder, gelbe und grüne Nadelblitze, die zu scharlachroten, blendend weißen Sternen erblühten. Als wäre das noch nicht genug des Leidens, ließ ihn auch noch ständig sein Gedächtnis im Stich.

Irgendwie hatte er Richmond erreicht und die große Feuersbrunst überlebt, die in der Nacht, als die konföderierte Regierung stürzte, einen Großteil der Stadt zerstörte. Er hatte sich durchgeschlagen, indem er nachts durch die Straßen schlich und Leute überfiel. Sein letzter Überfall hatte ihm zwei Dollar und den hübschen, wenn auch altmodischen Zylinderhut eingebracht, der jetzt auf dem Regalbrett über seinem Feldbett lag. Längere Zeitspannen mußte er ohne Nahrung auskommen -zwei, drei Tage hintereinander. Dann klaffte eine Lücke in seiner Erinnerung, und danach war er in dem Spital aufgewacht. Sie sagten ihm, er sei auf der Straße zusammengebrochen.

Warum konnte er sich zu gewissen Zeiten an manche Dinge erinnern und an andere nicht? Dann wieder tauchten klar und deutlich neue Erinnerungen auf, während die alten stunden-, manchmal tagelang für ihn nicht mehr greifbar waren. Das alles war ein Teil dessen, was ihm angetan worden war von ...

Von ...

Es wollte ihm nicht einfallen.

Es regnete heftiger, ein Geräusch wie ferner Trommelwirbel. Seine Hand kroch unter die Matratze wie eine blinde, weiße Spinne, auf der Suche nach etwas, woran er sich erinnerte. Er fühlte es, zerrte es hervor, preßte es fest gegen sein schmutziges Nachthemd. Ein zerfleddertes Magazin, das man ihm während einer seiner helleren Perioden gegeben hatte. Harper's New Monthly vom Juli dieses Jahres.

Er erinnerte sich an einzelne Absätze, Schilderungen der großen Parade der Armeen von Grant und Sherman in Washington, die zwei Tage andauerte im ...

Im ...

Mai, das war's.

Im Dunkeln ballte er seine Hand zur Faust. Ich hätte auch marschieren sollen. Man hat mich daran gehindert. Man hat mich daran gehindert, die Rolle zu spielen, für die ich geboren war.

Er konnte es deutlich vor sich sehen. Er ritt einen wunderbaren Hengst, nahm den Jubel der Menge durch eine leichte Verbeugung entgegen, salutierte mit seinem Säbel vor Präsident Lincoln, ritt dann weiter auf seinem tänzelnden Hengst, während die schwitzende, ehrfurchtergriffene Menge skandierte: »Bon-aparte. Bon-aparte.« Er war der amerikanische Bonaparte.

Nein, er hätte es werden sollen. Sie hatten ihn daran gehindert, diese Männer namens ...

Namens...

Sinnlos.

Aber eines Tages würde er sich an sie erinnern. Eines Tages. Und wenn es soweit war, dann mochte Gott ihnen gnädig sein, ihnen und all denen, die zu ihnen gehörten.

Den größten Teil der Nacht lauschte er dem Trommeln des Regens. Gegen vier Uhr schlief er ein. Um sechs erwachte er, immer noch das zerfetzte Harper's-Magazin umklammernd. Obwohl er schmerzfrei war, fühlte er sich elend und unglücklich. An den Grund dafür konnte er sich nicht erinnern.

Er konnte sich nicht einmal an seinen eigenen Namen erinnern.

Zweites Buch

Eine Winterbilanz

Es ist bedauerlich, daß der Charakter des Indianers, wie ihn Cooper in seinen interessanten Romanen beschreibt, nicht sein wahrer Charakter ist. ... Der schönen Romantik beraubt, die wir ihm so lange zugestanden haben, von den einladenden Seiten des Romanciers auf die Örtlichkeiten übertragen, wo wir genötigt sind, uns mit ihm auseinanderzusetzen, in seinem heimischen Dorf, auf dem Kriegspfad und bei Überfällen auf unsere Grenzsiedlungen und Fahrtrouten, verliert der Indianer jeden Anspruch darauf, als edler roter Mann bezeichnet zu werden. Wir sehen ihn so, wie er ist und wie er immer gewesen ist... ein Wilder im wahrsten Sinne des Wortes.

General G.A. Custer My Life on the Plains 1872-1874

Ich wurde in der Prärie geboren, wo der Wind frei weht und wo nichts das Licht der Sonne bricht. Hier möchte ich sterben und nicht innerhalb von Wänden und Mauern.

Comanchen-Häuptling Zehn Bären Mediane Lodge Creek 1867

13

Silberne Gischt sprühte hoch, als sie in der blendenden Helle W des Morgens den Fluß durchquerten. Das mit Schlamm bedeckte Tal glänzte nach dem Regen. Indianer, die auf ihren Bohnen- und Kürbisfeldern arbeiteten, winkten mit ihren Hacken und schrien Begrüßungen. Stromaufwärts, halb im Dunst verschwommen, standen die soliden, mit Rasenstücken gedeckten Holzhütten; auf ihrem Weg zu dieser Furt waren die Händler an dieser Indianersiedlung vorbeigekommen.