Unter einem häßlichen grauen, von silbernen Blitzen durchzuckten Himmel hielt Charles seinen Hut fest und betrachtete mit zusammengekniffenen Augen durch den wirbelnden Staub hindurch die acht jungen, mit Lanzen und Gewehren bewaffneten Indianer. Sie befanden sich in Rufweite, und Charles konnte sie deutlich brüllen hören: »Hundesöhne! Hundesöhne!«
Ein Krieger kniete auf dem Rücken seines Ponys, streckte ihnen sein Hinterteil entgegen und machte mit dem Daumen seiner rechten Hand die entsprechende Geste dazu. Holzfuß seufzte: »Wir bringen ihnen wirklich nur das Beste bei.«
Boy drängte sein Pferd dicht an das seines Onkels heran. Mit trockenem Mund schob Charles die Spencer auf sein rechtes Bein. Ein Blitz riß den Himmel von Osten nach Westen auf, gefolgt von fernem Donner. Hinter den Kriegern wogte eine Herde von mindestens fünfzig wilden Hengsten, Stuten und Fohlen. Die weißen Männer hatten angehalten, als sie die Indianer entdeckten, die ihre Herde über niedrige Hügel trieben.
»Das ist Geld auf Hufen, diese Pferde da«, sagte Holzfuß. »Der Reichtum des Stammes. Sie werden nicht riskieren, die Herde zu verlieren, indem sie uns angreifen. Sie attackieren meist nur dann, wenn sie in großer Überzahl sind oder man in der Falle sitzt oder sie provoziert. Sie sind nah genug, um zu sehen, daß wir die Dinger hier haben.«
Er schwenkte sein Gewehr ein paarmal über seinem Kopf. Die Krieger antworteten mit drohend geschüttelten Fäusten und weiteren Obszönitäten. Als der Wind stärker wurde und der Regen einsetzte, ritten sie mit ihrer Herde davon. Es dauerte zehn Minuten, bis Charles sich wieder beruhigt hatte. Im Krieg war er zwar auch nie frei von Furcht gewesen, aber hier draußen war sie deutlicher, existentieller. Vielleicht lag es an der endlosen Ausdehnung nach allen Seiten. All das leere, einsame, wunderschöne Land.
»Tauch weg, Charlie!« schrie Holzfuß. »Tauch weg und schieß!« Charles warf sich, die Füße in den Steigbügeln, nach links. Eine Sekunde lang war er, so zwischen Sattel und Gras hängend, während Satan weitergaloppierte, überzeugt davon, daß er sich jeden Moment das Genick brechen würde.
Er brach es sich nicht. Seine Schenkel umklammerten den Pferdeleib, seine linke Hand schoß unter dem Hals des Schecken durch und hängte sich ein. So klebte er auf der linken Seite des Schecken, geschützt von dem Pferdeleib, und versuchte die unter ihm dahinfliegende Prärie zu vergessen.
»Schieß!« bellte sein Lehrmeister. Er zog sich weit genug nach oben, um einen Schuß über den Widerrist des rasenden Pferdes hinweg abzugeben. Holzfuß brüllte seine Anerkennung. »Noch mal!«
Nach fünf Schüssen gab sein Arm nach, und er stürzte; im letzten Augenblick vor dem Aufprall erinnerte er sich daran, sich zu entspannen. Nach dem Sturz blieb er keuchend, halb bewußtlos liegen.
Fen umkreiste ihn bellend. Boy hüpfte und klatschte ihm Beifall. Holzfuß zog ihn hoch, schlug ihm auf den Rücken, um ihm beim Atmen zu helfen. »Gut, Charlie. Besser als gut. Verdammt gut. Du besitzt ein angeborenes Talent für die Überlebenskünste, die man in den Prärien braucht. Eine echte Gabe, weiß Gott.«
»Du meinst, es ist wichtig zu wissen, wie man hinter einem Pferd hervor schießt?« fragte Charles einigermaßen skeptisch.
Holzfuß zuckte mit den Schultern. »Je mehr du kannst, desto besser sind deine Chancen, deinen Skalp zu retten, wenn ein paar wilde Cheyenne hinter uns her sind. Diesen kleinen Trick mit dem seitlichen Abkippen setzen sie gern ein. Bei ihnen ist das ein Spiel zu Pferd, mit gepolsterten Lanzen. Sie versuchen sich gegenseitig runterzustoßen. Irgendjemand muß rausgekriegt haben, daß es viel sicherer ist, auch so zu schießen. Wie fühlst du dich?«
Satan kam zurückgetrottet, senkte den Kopf und blies Luft durch die Nüstern. Charles lächelte, über und über mit Staub bedeckt. »An allen Ecken und Enden zerschlagen. Ansonsten geht's mir bestens.«
»Gut. Ich denke, wir sollten es noch einmal probieren. Ich meine, schließlich bist du runtergefallen.«
An diesem Abend fügte Holzfuß ihrer Winterbilanz eine weitere bildliche Darstellung hinzu. Die Strichfigur repräsentierte Charles, der schießend auf der Seite seines galoppierenden Pferdes hing. Stolz stieg in Charles auf, als der Händler ihm das fertige Bild zeigte. Zum erstenmal seit Wochen schlief er völlig traumlos.
Sie ritten weiter nach Süden, immer noch als Schüler und Lehrer.
»Das hier bedeutet Cheyenne.« Holzfuß fuhr mehrmals schnell mit seinem rechten Zeigefinger über den linken. »In Wirklichkeit heißt das gestreifter Pfeil, aber es bedeutet Cheyenne, weil sie gestreifte Truthahnfedern für ihre Pfeile benützten.«
Charles ahmte das Zeichen einige Male nach. Dann schloß Holzfuß seine Hand, lediglich der Zeigefinger und der kleine Finger waren ausgestreckt: »Pferd.«
Und die sich mit den Fingerspitzen berührenden Hände, ein umgekehrtes V: »Tipi.«
Je eine Faust an einer Schläfe, mit ausgestreckten Zeigefingern: »Das Zeichen kannst du erraten.«
»Büffel?«
»Gut, gut. Jetzt brauchst du nur noch tausend weitere Zeichen zu lernen, vielleicht ein paar mehr, vielleicht ein paar weniger.«
Der Unterricht deckte die verschiedensten Themenbereiche ab. Holzfuß trieb sein Pferd einen leichten Abhang hinab, immer hin und her, ein ständiges Z-Muster.
»Ist ein Indianer zu weit entfernt, um dein Gesicht oder deine Waffen erkennen zu können, dann bedeutet dies, du kommst in friedlicher Absicht.«
Und während sie eine weitere wilde Pferdeherde am Horizont nach Südosten ziehen sahen:
»Da draußen, Charlie, mußt du deine Begriffe und Vorstellungen umkehren. Die Regeln und Sitten des weißen Mannes gelten da nicht. Wenn du beispielsweise in Topeka ein Pferd stiehlst, dann hängen sie dich auf. Wenn du hier zehn oder zwanzig Stück von einer fremden Herde wegtreibst, dann ist das eine ungemein tapfere Tat. Wenn wir es lernen, mit den Indianern auf der Grundlage ihrer Denkweise zu verhandeln anstatt auf unserer, dann könnte es auf den Prärien echten Frieden geben.«
In dem stahlfarbenen Morgen neben einigen Spuren kniend:
»Was liest du daraus, Charlie?«
Er studierte die Abdrücke, eine Anzahl von fast identischen Markierungen, die sich überlappten und teilweise auslöschten. Er warf einen Blick auf Fen, der vom Ziehen der Stangenbahre keuchte, schaute dann hinaus aufs flache, leere Land. »Stangenbahren. Eine ganze Menge davon, nach diesen Spuren zu urteilen. Ein Dorf.«
»Das ist es, was du denken sollst. Aber schau die zwei Meilen zurück, wo diese Spuren angefangen haben. Du wirst keine Hundescheiße seh'n. Bloß Pferdeäpfel. Keine Hunde, kein Dorf. Ein paar Krieger haben das gemacht, mit steinbeschwerten, an ihre Hüfte gebundenen Stangen. Du zwinkerst ein paarmal mit den Augen, und schon haben sie dir ein Dorf vorgezaubert, groß genug, um dich abzuschrecken. Furcht ist eine mächtige Medizin. Sie kann dich dazu verführen, das zu sehen, was du erwartest, anstatt das, was ist. Schau.«
Er stellte sich in den Steigbügeln auf und deutete nach vorn. Auf einem Hügel im Südosten sah Charles vier Reiter, so weit entfernt, daß ihre Gestalten wie Miniaturen wirkten.
»Da hast du dein ganzes Dorf. Wenn du bloß auf die Spuren achtetest, würdest du einen weiten Bogen drum machen, nicht wahr?«
Charles kam sich albern vor und ließ es sich auch anmerken. Holzfuß schlug ihm auf die Schulter, um anzudeuten, daß das alles zu seinem Lernprozeß gehörte. Dann feuerte er einen Schuß in die Luft. Der dröhnende Knall rollte bis zu den fernen Reitern, die schnell aus ihrem Blickfeld trabten. Ebenso wie die anderen Lehrstunden brannte sich das wie ein weißglühendes Eisen in Charles' Kopf.
Furcht ist eine mächtige Medizin. Sie kann dich dazu verführen, das zu sehen, was du erwartest, anstatt das, was ist.