Als er an diesem Abend am Lagerfeuer den Vorfall mit roten und schwarzen Strichen ihrer Winterbilanz hinzufügte, sagte Holzfuß mit milder Stimme: »Du vergißt sie allmählich ein bißchen? Ich meine die, die du verloren hast?«
»Ein bißchen.« Jetzt dachte er gelegentlich auch an Willa. »Dafür bin ich dir dankbar.«
Holzfuß wedelte mit dem zierlichen Pinsel. »Gehört alles zum Job. Ich wußte, ich muß dich aus deinen trüben Stimmungen reißen, wenn ich einen echten Partner haben will. Hier draußen gibt's einfach zu viele interessante Sachen und viele Gefahren, als daß ein Mann in seinen Kummer versunken bleiben könnte. Man muß auf der Hut sein, um seinen Skalp zu behalten.«
»Das glaube ich dir«, sagte Charles. Er lehnte sich auf seine Ellbogen zurück und spürte, von Feuer und Freundschaft gewärmt, eine neue, wenn auch zerbrechliche Zufriedenheit. Er begann diesem Teil der Welt die gleiche Zuneigung entgegenzubringen, wie er sie damals für Texas empfunden hatte.
Ungefähr eine Stunde vor Anbruch der Morgendämmerung weckte ihn ein vertrauter Druck. Schon wieder mal zuviel von dem verdammten Kaffee getrunken.
So leise wie möglich rollte er sich aus seinem Büffelmantel. Das schwache Licht der glühenden Asche in der Mitte des Tipis ließ seine Atemwolken sichtbar werden. Er knüpfte die Riemen los und schlüpfte lautlos durch das runde Loch.
Er hörte die Pferde und Maultiere in ihrer Reihe unruhig stampfen und fragte sich, warum. Die kalte, sternenklare Nacht lag ruhig da. Eines war sicher, Fen würde sich niemals bemerkbar machen, wenn hier irgendein Raubtier herumschlich. Er war alles andere als ein Wachhund.
Charles ging einem kleinen Bach entlang, weg von dem schwachen Schein im Inneren des Tipis. Er machte seine Hose, dann seine Unterhose auf. Über das Wasser hinweg hörte er eine Stimme.
Er hörte auf zu pinkeln, zerrte seine Kleidung zurecht und griff automatisch nach seiner Hüfte.
Der Colt war nicht da. Beim Schlafen legte er ihn neben den Kopf. Sein Bowiemesser hatte er allerdings in der Gürtelscheide stecken.
Er kroch zurück und sah die Silhouetten, die sich vor dem Feuer gegen die Tipiplane abzeichneten. Zwei Leute saßen, eine dritte Person stand zwischen ihnen, in der Hand einen stumpfen Gegenstand.
Ein Revolver.
Charles fuhr sich mit der Zunge über die aufgesprungenen Lippen, blinzelte heftig, um den Schlaf zu vertreiben, und kroch auf das Tipi zu. Der Eindringling mußte sich, ohne ihn zu sehen, in das Zelt geschlichen haben, kurz nachdem er es verlassen hatte. Jetzt sprach er gerade mit Boy.
»Du, lieg still, du faßköpfiger Idiot. Wenn du dich rührst, blas' ich dem alten Narren hier die Hirnpfanne in alle Winde.« Der Schattenriß des Mannes rammte den Revolver zur Demonstration gegen Holzfuß' Kopf. »Du verfluchter alter Kauz, ich will ein paar von deinen Waren. Und das gesamte Geld, das du hast.«
»Bißchen früh in der Saison für Aasgeier, was?« bemerkte Holzfuß. Charles vermutete, daß er nicht ganz so ruhig war, wie er tat. »Ich dachte, Kerle wie du fressen den Winter durch Armeenahrung und verschwinden dann im Frühling.«
»Halt verdammt noch mal das Maul, außer du willst, daß ich diesen schieläugigen Kretin erschieße.«
Sehr ruhig sagte Holzfuß: »Nein, das will ich nicht.«
»Dann hol mir die Waren.«
»Die sind in den Reisetaschen. Draußen.«
Der Mann stieß Holzfuß die Revolvermündung zwischen die Schultern.
»Geh'n wir.«
14
Charles zog sein Bowiemesser aus der Scheide. Sein Herz raste, als er auf das Tipi zuging. Ein paar lange Schritte brachten ihn neben das runde Loch, nur wenige Sekunden, bevor Holzfuß herauskroch.
Der Händler spürte Charles' Gegenwart, drehte aber nicht den Kopf, um ihn nicht zu verraten. Der Mann mit dem Revolver folgte ihm. Im Sternenschein erkannte Charles ein bärtiges Gesicht, dann die Ärmel mit den gelben Corporal-Streifen. Ein Deserteur, ganz klar.
»Bleib stehen, alter Mann«, sagte der Deserteur und richtete sich auf. Er war untersetzt, einen Kopf kleiner als der gewiß nicht große Holzfuß. Gott allein mochte wissen, von welchem Fort er abgehauen war. Vielleicht von Larned oder von diesem neuen, Fort Dodge.
Charles verlagerte sein Gewicht, um zuschlagen zu können. Der Deserteur mußte irgendwas gehört oder gespürt haben. Er wirbelte herum, sah Charles, feuerte.
Die Kugel versengte fast Charles' Wange und durchschlug dann die Tipiplane. Charles rammte das Messer in die blaue Bluse des Deserteurs und riß es nach unten.
»Oh nein«, sagte der Soldat, sich auf die Zehenspitzen stellend. »Nein.« Eine Sekunde später stand er noch aufrecht, war aber bereits bewußtlos. Seine Knie gaben nach, und er klatschte wie ein Lumpenbündel auf den mondhellen Boden. Charles hielt ihn für tot. Die stechenden Ausscheidungen des Todes waren gleich darauf wahrnehmbar.
Charles wischte sein Messer im Gras ab. »Was machen wir mit ihm?«
Holzfuß keuchte, als wäre er eine lange Strecke gerannt. »Wir überlassen ihn ...«, keuchende Atemzüge, »... den Geiern. Er hat nichts Besseres verdient.«
Fen kam jaulend aus der Dunkelheit getrottet; er wußte, daß irgendwas nicht stimmte. Holzfuß tätschelte ihn. »Das war saubere Arbeit mit dem Messer, Charlie. Du lernst schnell.« Er packte den blauen Uniformkragen, hob den Kopf des Toten an. Das Mondlicht ließ die leblosen Augen wie Münzen aufleuchten. »Oder wußtest du schon, wie man solche Sachen erledigt?«
Mit einem Büschel Gras beendete Charles die Säuberung seines Messers. Er schob das Bowie zurück in die Scheide; mit der Handfläche schlug er leicht gegen den Griff, der mit einem deutlichen Klicken auf die Scheide traf. Das war Antwort genug.
Im Tipi duckte sich Boy mit verschränkten Armen zusammen. Große Tränen rollten ihm übers Gesicht. Mittlerweile verstand Charles, wieso der Junge so reagierte. Es war nicht nur Furcht. Sein armer, unzulänglicher Verstand begriff manchmal, daß sein Onkel sich einer harten Aufgabe oder schlimmen Situation gegenübersah. Stets wollte er helfen, konnte aber an seine Hände oder Beine nicht die richtigen Befehle schicken.
Zweimal zuvor hatte Charles ihn in zorniger Frustration weinen sehen.
Holzfuß nahm Boy in die Arme. Er streichelte und tröstete ihn. Dann zerrte er an der Vorderseite seines eigenen Hemdes. Wieder fiel Charles das stark gerötete Gesicht des Händlers auf. Holzfuß bemerkte den prüfenden Blick.
»Ich hab? dir doch gesagt, es ist nichts«, murmelte er, fast genauso ärgerlich wie sein Neffe.
Charles verfolgte das Thema nicht weiter.
Anfang November begegnete die Jackson Trading Company einem halben Dutzend nach Norden ziehender Arapahoe. Alle hatten ihr Haar kräftig mit Fett eingeschmiert; der sichtbare Teil der Kopfhaut war rot bemalt.
Holzfuß unterhielt sich mit den Arapahoe in einer Mischung aus Zeichen, rudimentärem Englisch und deren eigener Sprache. Einige Male hörte Charles das Wort >Moketavato<, den Cheyenne-Namen für >Schwarzer Kessel<, den Friedenshäuptling, den Holzfuß bewunderte und respektierte.
Charles mußte nicht viel von Indianern verstehen, um die Feindseligkeit der Arapahoe zu spüren. Sie kam in jeder Silbe, in jeder scharfen Geste und jedem grimmigen Blick zum Ausdruck. Trotzdem hockten sie in einem Halbkreis da und unterhielten sich fast eine Stunde lang mit Holzfuß.
»Ich versteh's nicht«, sagte Charles, nachdem die Arapahoe davongeritten waren. »Denen war doch schon unser Anblick verhaßt.«
»Sicher.«
»Aber sie haben mit dir gesprochen.«
»Nun, wir haben nichts getan, was sie hätte aufbringen können, also waren sie verpflichtet, uns anständig zu behandeln.
Die meisten Indianer sind so. Allerdings nicht alle, also wiege dich nicht in Sicherheit.«