»Du hast mit ihnen über Schwarzer Kessel geredet.«
Holzfuß nickte. »Er und der Arapahoe-Friedenshäuptling Kleiner Rabe haben vor knapp zwei Wochen ihr Zeichen unter diesen Vertrag am Little Arkansas gesetzt. Der Vertrag steckt eine neue Reservation ab und gesteht jedem Cheyenne oder Ara-pahoe, der bereit ist, dort zu leben, eine Landparzelle zu. Wer bei Sand Creek einen Verwandten verloren hat, bekommt als Dreingabe hundertsechzig Acres. Die Regierung hat scharf auf jene Vorkommnisse reagiert; in diesem Winter schicken sie Bill Bent, einen guten Mann, in die Dörfer, der aufpassen soll, daß die Soldaten sich so was nicht noch mal leisten. Der Jammer dabei ist bloß, daß am Little Arkansas lediglich achtzig Cheyenne-Trupps waren; zweihundert weitere Stammesabteilungen streifen frei durch die Gegend, und denen gilt der Vertrag soviel wie einmal in den Wind gespuckt.«
Charles kratzte sich am Kinn; seine länger werdenden Bartstoppeln verwandelten sich allmählich in einen Bart. »Hast du herausgefunden, wo Schwarzer Kessel sein Lager aufgeschlagen hat?«
»Direkt vor uns am Cimarron. Genau dort wollte ich nach ihm suchen. Machen wir uns auf den Weg.«
Unter der Kante eines Steilhangs deutete Holzfuß auf die verstreuten Knochen. »Büffelsturz. Sie wenden die Herde und treiben sie über die Klippe. Dauert nicht lang, da türmen sich hier unten die Büffel mit gebrochenen Beinen, und die Krieger haben keine Mühe, sie zu töten.« Zwei Tage waren seit ihrem Zusammentreffen mit den Arapahoe vergangen. An den windstillen Nachmittagen schneite es leicht; die Flocken schmolzen auf dem abgestorbenen Gras. Charles genoß die Wärme seiner Zigarre und versuchte sich vorzustellen, wie sein Sohn auf den ersten Anblick von Schnee reagieren würde. Er wünschte sich sehr, sein Sohn könnte jetzt hiersein und das sehen ...
»Die Herde in den Abgrund treiben ist natürlich nicht so glorreich, wie den Büffel in normaler Jagd zu töten. Aber wenn der Winter vor der Tür steht und sie bis dahin nicht genügend Büffel erlegt haben, dann ist das die schnellste Methode, um ...« Er brach ab, wandte den Kopf. »Warte.«
Er rannte hoch zur Kante des Steilhangs. Dort kniete er nieder, die Handflächen gegen den Boden gepreßt.
»Was ist?« fragte Charles.
»Reiter. Kommen schnell näher. Verdammt. Zwei Dutzend oder mehr. Ich hab' so den Verdacht, wir haben unser ganzes Glück bei diesem räuberischen Aasgeier aufgebraucht, Charlie.«
Charles rannte auf Satan zu und riß die Spencer aus der Sattelhalterung. Holzfuß befahl ihm, das Gewehr wegzustecken.
»Warum?«
»Weil wir erst mal sehen müssen, wer sie sind. Wenn du si-chergeh'n willst, daß sie dich umbringen, dann brauchst du nur einen Indianer ohne vorangegangenes Palaver erschießen.«
Holzfuß marschierte oben den Rand des Steilhangs entlang, Daumen im Patronengürtel eingehakt; sein langsamer, schlendernder Gang war betont sorglos. In seinen Augen allerdings sah Charles andere Dinge. Er schob die Spencer zurück und schloß sich seinem Partner an. Holzfuß winkte Boy an seine Seite, als Reiter auf nacktem Pferderücken in weit auseinandergezogener Reihe auf sie zu galoppierten.
Die Indianer trugen Fransenhosen. Einige hatten sich scharlachrote Decken um die Hüften gebunden. Sechs von ihnen waren mit mächtigen Adlerfedern geschmückt. Mit einigem Kummer entdeckte Charles außerdem noch drei Kleidungsstücke der Armee; zwei davon waren kurze Arbeitsjacken mit den hellblauen Aufschlägen der Infanterie, das dritte Stück war ein altmodischer Schwalbenschwanzmantel, mit dem Rot der Artillerie besetzt. Die Brust des Mantelträgers schmückten Orden und Auszeichnungen.
Ein anderer Indianer, ein schlanker, dünner, deutlich dunklerer Mann Mitte Zwanzig, trug ein riesiges Silberkreuz an einer Kette um den Hals. Strähnen eines faserigen Materials hingen von seinen Ärmeln und seinem Hirschledermantel. Fast alle diese dekorativen Strähnen waren schwarz, auch wenn Charles dazwischen einige blonde und graue entdeckte. Er vermutete, daß das Kreuz ebenso wie die Armeekleidung gestohlen war.
»Oh Gott, Cheyenne«, murmelte Holzfuß. »Und obendrein noch Männer der Hundegemeinschaft. Sie tragen zwar nicht ihre Abzeichen, aber den vorn kenne ich. Schlimmer hätt's nicht kommen können.«
»Wer ist ...?«
Der Rest der Frage nach dem Anführer ging unter, als die Cheyenne ihre Pferde durchzügelten; die kleinen, runden Glöckchen, in die Mähnen ihrer Ponys geflochten, klingelten hell auf. Im Handel mit weißen Männern erworbene Glocken, was auch für die Karabiner galt, die sie auf die Jackson Trading Company richteten. Außer mit Gewehren waren die Indianer mit Pfeil und Bogen bewaffnet.
Fen zerrte knurrend an seinem Geschirr. Charles biß auf seiner Zigarre herum, die durch sein hastiges Paffen auf einen Stummel heruntergebrannt war. Boy versteckte sich hinter seinem Onkel.
Der dunkelste Indianer, der das Kreuz um den Hals hängen hatte, schlug mit der Hand durch die Luft und brüllte die Fremden in seiner eigenen Sprache an. Er hatte ein feingeschnittenes, schmales, wenn auch ungewöhnlich strenges Gesicht. Die rote Farbe, mit der er und die anderen sich Gesicht und Hände bemalt hatten, war auf seiner linken Wange mit besonderer Sorgfalt aufgetragen. Zwei breite Parallelstriche umrahmten eine langgezogene, weiße Narbe, die sich in einer weiten Kurve von der Augenbraue über den Kiefer und dann in einem kleinen Aufwärtsbogen zum linken Mundwinkel hinzog -ein Angelhaken.
Der Schnee fiel schneller. Die Cheyenne musterten Charles und seinen Partner, während ihr Anführer seine Tirade fortsetzte. Gelegentlich verstand Charles ein Wort oder ein Zeichen. Holzfuß' Unterricht machte sich bemerkbar. Aber er brauchte weder die Zeichen- noch die Cheyenne-Sprache zu beherrschen, um zu verstehen, daß fast alle Bemerkungen des Anführers zornig und bösartig waren.
Hartnäckig und ohne je die Stimme zu erheben, gab Holzfuß alle paar Sekunden eine Antwort. Der Anführer redete gleichzeitig weiter. Charles hörte, wie sein Partner erneut von Schwarzer Kessel sprach. Der junge Anführer schüttelte den Kopf. Er und seine Freunde lachten.
Holzfuß seufzte. Seine Schultern sackten herab. Er hielt die rechte Hand hoch, um eine kurze Atempause bittend. Breiter grinsend schrie der Anführer etwas, was Charles als Zustimmung wertete.
»Komm, Charlie.« Der Händler zog ihn in die Rinne. Karabinermündungen schwangen herum, folgten ihnen. Holzfuß sah so deprimiert aus, wie Charles ihn noch nie zuvor gesehen hatte.
»Nützt jetzt nicht mehr viel, aber ich habe mich geirrt. Wir hätten nicht zuerst reden sollen. Diese Jungs sind auf Blut aus.«
»Ich dachte, sie greifen nicht an, außer irgend jemand provoziert sie.«
»Davon geht man immer aus. Aber ich fürchte, wir haben mit dem Anführer dieser Bande Pech gehabt.« Er warf dem dunklen Indianer einen unfrohen Blick zu und fuhr fort: »Er ist ein Kriegshäuptling und noch dazu ein mächtig junger. Sein Name ist >Mann-bereit-für-den-Kampf<. Die Weißen nennen ihn Narbengesicht. Chivingtons Männer haben seine Mama bei Sand Creek getötet. Sie haben ihr die Haare abgeschnitten. Ich meine, sämtliche Haare.« Mit dem Rücken zu den Indianern griff er sich zwischen die Beine. »Dann haben sie das zusammen mit einer Menge anderer Skalps im Denver Theater aufgehängt, wo Chivington seine Trophäen zur Schau stellte. Weiß nicht, wie Narbengesicht davon erfahren hat - vielleicht aus dritter oder vierter Hand. Eine Anzahl zahmer alter Indianer treiben sich in Denver rum; sie leben vom Betteln oder Stehlen. Aber ich weiß mit Sicherheit, daß er von der Schande seiner Mama erfahren hat, und das wird er weder vergessen noch verzeihen. Schätze, ich würd's auch nicht. Daß wir seine Gründe verstehen, hilft uns allerdings nicht viel weiter.«
»Was ist mit dem Vertrag?«
»Glaubst du, er gibt da auch nur einen Deut drauf? Ich hab' dir doch gesagt, die Häuptlinge haben den Vertrag nur für achtzig Familien unterschrieben.«