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»Er hat eine Menge geredet. Was will er?«

»Narbengesicht und seine Freunde wollen uns ins Dorf bringen. Dann werden sie entscheiden, was mit uns geschehen soll.«

»Geht das nicht in Ordnung? Schließlich ist das doch das Dorf von Schwarzer Kessel, oder?«

Holzfuß sagte düster: »Schon, aber er ist noch nicht von der Vertragsunterzeichnung zurück. Er ist überfällig. Bis er wieder da ist, reißt Narbengesicht das Maul auf. In gewisser Weise betrachtet er die Weißen so, wie die Weißen die Indianer betrachten. Kann Freund und Feind nicht voneinander unterscheiden, doch in seinem Fall will er das auch gar nicht.«

Charles' Inneres war kälter als der fallende Schnee. »Was machen wir? Schnappen wir uns unsere Kanonen?«

Holzfuß drehte sich leicht, damit er seinen Neffen sehen konnte. Boy hatte seine Arme um seinen Brustkorb geschlungen; seine Augen waren riesig. »Wenn wir das tun, dann ist gleich alles vorbei. Im Dorf mag es auch vorbei sein, aber ich denke, wir gehen lieber mit, bevor wir uns hier eingraben. Boy kann sich gegen einen solchen Haufen nicht verteidigen. Vielleicht haben ein paar von den Frauen Mitleid mit ihm und halten die Männer davon ab, ihn aufzuschlitzen.« Er seufzte. »Ist wirklich nicht fair, daß ich dich bitte, die Sache mit mir durchzustehen. Aber genau das tue ich.«

Charles nahm einen letzten Zug und schnippte dann seinen Zigarrenstummel zu den Büffelknochen. Die Zigarre hatte besser als sonst geschmeckt. Vielleicht lag es daran, daß es womöglich seine letzte Zigarre gewesen war.

»Du weißt, daß ich bei dir bleibe.«

»In Ordnung. Danke.«

Der Händler ging, gefolgt von Charles, zu den Cheyenne zurück. Holzfuß teilte den Indianern mit schnellen Worten ihre Entscheidung mit, sie ohne Kampf zu begleiten. Die Krieger lächelten, und Narbengesicht jaulte wie ein Hund, was Fen veranlaßte, wie verrückt in seinem Geschirr herumzutanzen. Narbengesicht griff über seine Schulter in den Köcher und holte einen drei Fuß langen Stock hervor, eingewickelt in mit Stachelschweinborsten verziertes, rot gefärbtes Hirschleder. Aufgemalte Augen zierten das eine Ende, Adlerfedern das andere. Afterklauen irgendeines Tieres verwandelten den Stock in eine Rassel, die Narbengesicht schwang, als er von seinem Pony sprang.

Er sprang vor, die Rassel schüttelnd. Ehe Charles ausweichen konnte, hatte Narbengesicht ihm die Rassel gegen die Wange geschlagen. Charles fluchte und hob die Fäuste. Holzfuß hielt ihn zurück.

»Nicht, Charlie. Ich sagte, nicht. Er hat gerade einen Punkt für sich verbucht, etwas härter, als er beabsichtigte.«

Charles wußte, daß man Punkte sammeln konnte, indem man einen überwältigten Feind berührte. Das förderte die Reputation eines Indianers. Aber den Zusammenhang der Dinge zu begreifen half ihnen nun mal nicht weiter und trug auch nicht dazu bei, ihre Besorgnis zu verringern.

Der dunkeläugige Indianer warf den Kopf zurück und jaulte und bellte. Ein paar andere nahmen den Schrei auf, was Fen schier in den Wahnsinn trieb. Einer der Cheyenne zielte mit seinem Karabiner auf den Hund. Holzfuß packte Fen am Kragen und drückte ihn nieder.

Charles stand regungslos, gleichzeitig voller Angst und Wut. Boy drängte sich gegen ihn, versuchte seinen traurigen, verunstalteten Kopf in den Falten des Zigeunermantels zu verbergen. Drei Cheyenne stiegen ab und stürzten sich zwischen die Packtiere; mit ihren Messern rissen sie die Leinensäcke auf. Ein Indianer frohlockte beim Anblick von Stachelschweinborsten. Er schnitt die Halteschnüre durch und warf die Stacheln in die Luft.

Ein anderer stach in einen Beutel, aus dem sich ein diamantener Wasserfall aus Glasperlen ergoß. Der Indianer legte die Hände zusammen, fing sie auf, rannte dann zu seinen Freunden und gab jedem einige Perlen ab. Holzfuß hielt Fen zurück, biß die Zähne zusammen und sagte wieder und wieder: »Gottverflucht.«

Narbengesicht stolzierte zu dem Händler und knallte ihm die Rassel auf die Schulter; ein weiterer Punkt. Er bellte lauter denn je. Der Schnee sammelte sich auf Charles' Hutkrempe und schmolz auf seinen Augenbrauen, während ihn ein merkwürdiges Gefühl der Endgültigkeit überkam. Ähnliches hatte er zu Kriegszeiten am Vorabend einer Schlacht empfunden. Diese Vorahnung zog stets den Tod irgendeines Menschen nach sich.

»Schätze, es tut dir verdammt leid, daß du auf mich gehört hast«, murmelte Holzfuß.

»Wie meinst du das?«

»Nun, ich hab' immer gesagt, es gibt überall Ausnahmen, aber anscheinend habe ich die Lektion selber nicht richtig gelernt. Ich bin ein schöner Lehrer.«

Fröhlicher, als ihm zumute war, sagte Charles: »Jeder Lehrer kann mal einen Fehler machen.«

»Schon. Aber in dem Fall ist ein Fehler bereits ein Fehler zuviel. Tut mir leid, Charlie. Ich kann bloß hoffen, daß wir nicht in den ewigen Jagdgründen landen, noch bevor der Tag vorüber ist.«

HINRICHTUNG VON WIRZ

Die letzten Szenen im Leben des Gefängnisaufsehers von Andersonville.

Letzte Bemühung seines Anwalts, ein Gnadengesuch zu erwirken. Feste Haltung des Gefangenen bei Vollstreckung der

Todesstrafe.

Bis zum Schluß beteuert er seine Unschuld und sieht seinem Schicksal gefaßt entgegen. Aufsehenerregender Versuch, ihn zu vergiften, ans Licht gekommen. Seine Frau steckte ihm eine Strychninpille zu.

Zeitungsberichterstattung über den Tod des einzigen Amerikaners, der wegen Kriegsverbrechen hingerichtet wurde. November 1865

MADELINES JOURNAL

November 1865. Über Nacht hat der kühle Carolina-Winter den warmen, dunstigen Herbst verdrängt. Die Eichen reckten sich heute morgen aus dichtem, weißem Nebel; die Luft riecht nach den salzigen Fluten des Meeres. Diese Schönheit im Überfluß läßt mich Dich noch schrecklich vermissen. Wie sehr wünsche ich mir doch, die Realität wäre so friedvoll wie der Ausblick von meiner Türschwelle. Wir sind knapp an Bargeld. Wagenachse zerbrochen. Ehe Andy sie repariert hat, können wir kein Holz nach Walterboro oder Charleston bringen und somit auch nichts verdienen. Habe Dawkins geschrieben und ihn um ein paar Wochen Aufschub für die vierteljährlichen Zahlungen gebeten. Bis jetzt noch keine Antwort.

Auch von Brett aus Kalifornien noch nichts. Sie wird vor Weihnachten niederkommen. Ich bete, daß sie eine leichte Geburt hat.

In 30 Tagen oder weniger wird die Schule wieder aufgebaut sein. Prudence hält inzwischen auf dem Rasen vor dem Haus den Unterricht ab. Ein weiterer Rückschlag: Nach dem Feuer hat Burl Otis, Dorries Vater, ihr den Schulbesuch verboten. Er sympathisiert mit den unbekannten Brandstiftern oder hat Angst vor ihnen oder beides. Bin persönlich zu ihm gegangen, um mit ihm zu sprechen. Er verfluchte mich und nannte mich eine unruhestiftende Niggerin<.

In Gettys' Laden ist zweimal ein rothaariger Mann gesehen worden. Der Tanzlehrer aus Charleston, wie man mir sagte. Es heißt, er habe keine Schüler und lebe in kümmerlichen Verhältnissen, was seine Bitterkeit noch verstärkt. Aber wer lebt heutzutage schon anders in Carolina, von einigen Gaunern abgesehen?

... Gettys, der typische Dilettant, hält sich nun für einen Journalisten. Hier habe ich ein Exemplar seiner neuen, armselig gedruckten kleinen Zeitung namens >Der weiße Blitz<. Nur schnell einige der Schlagzeilen - die verlorene sache ist nicht verloren; kaukasi-

sche frau heiratet negerbarbier usw -, ehe ich sie verbrenne. Übles Zeug. Doppelt übel, weil Gettys die Demokraten zu repräsentieren behauptet. Wenn er es sich leisten kann, ein derartiges Schundblättchen zu drucken, dann muß sein Laden Wuchergewinne abwerfen. Ein zweiter Laden mit dem Namen Dixie hat an der Beau-fort-Charleston-Straße aufgemacht, und ich habe gehört, in Charleston solle ein dritter folgen. Gettys hat damit nichts zu tun. Kann mir nicht vorstellen, wer in South Carolina das Geld hat, um so was zu finanzieren