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.Der Verbannte reiste von Pennsylvania nach Washington, schroff und zynisch und trotz seiner Mißgeschicke zu Kriegszeiten zuversichtlich wie eh und je.

Simon Cameron, der die auf ihn entfallenen Stimmen beim Republikanerkonvent 1860 gegen einen Kabinettsposten verschachert hatte, gehörte zu jenen ehrgeizigen, kaltherzigen Halunken, denen das Wort Niederlage fremd war. Als Kriegsminister hatte er mit seiner korrupten Praxis der Vergabe von Lieferungskontrakten einen Skandal verursacht. Lincoln hatte ihn sich vom Hals geschafft, indem er ihn als Botschafter an den russischen Hof versetzte, und das Repräsentantenhaus hatte ihn wegen seiner korrupten Praktiken gemaßregelt. Doch 1863 war er wieder zurück und versuchte in seinem Heimatstaat einen Senatssitz zu ergattern.

Nachdem dies fehlgeschlagen war, zog er sich nach Pennsylvania zurück und bemühte sich, seine Staatskontakte auszubauen. »Man wird mich nicht ewig von der nationalen Regierung fernhalten können«, schrieb er an seinen Schüler und Wahlkampfsponsor Stanley Hazard, als er seinen gegenwärtigen Besuch in Washington ankündigte.

Stanley lud den Boß in den Concourse Club ein, in den er erst vor kurzem aufgrund seiner Freundschaft zu Senator Ben Wade und einigen anderen hohen Republikanern aufgenommen worden war. In den verschwenderisch ausgestatteten Clubräumen im zweiten Stock ließen sich Lehrer und Schüler in die tiefen Sessel neben einer Marmorbüste von Sokrates sinken. Ältere Schwarze, die angewiesen waren, sich unterwürfig zu benehmen, bedienten die Mitglieder. Einer von ihnen nahm Stanleys Bestellung entgegen und schlich auf Zehenspitzen davon. Cameron verlangte ohne weitere Umschweife eine Spende.

Das hatte Stanley erwartet. Er reagierte darauf mit einer Zuwendung von weiteren zwanzigtausend Dollar. Da es ihm an Talent fehlte, mußte er sich Freundschaft und Karriere kaufen.

Obwohl es erst halb zwölf vormittags war, sah Stanley bereits aufgedunsen und benebelt aus. »Fühle mich ziemlich schwach«, erklärte er.

Cameron sagte nichts darauf. »Wie gefällt Ihnen Ihre Arbeit beim Büro für befreite Neger?«

»Entsetzlich. Oliver Howard kann nicht vergessen, daß er Soldat ist. Die einzigen Männer im Büro, die sein Ohr haben, sind ehemalige Generäle. Ich habe vor, Mr. Stanton mitzuteilen, daß ich versetzt werden möchte. Der Jammer ist nur, ich weiß nicht, wohin, falls er zustimmt.«

»Haben Sie eine politische Aufgabe in Erwägung gezogen?«

Stanleys Unterkiefer sackte herab.

»Ich meine es ernst. Sie wären ein großer Gewinn für das Haus.«

Ah, jetzt begriff er. Cameron spielte nicht auf seine Fähigkeiten an. Stanley wäre nur deswegen ein großer Gewinn, weil er großzügig spendete und die Anweisungen der Parteioberen nie in Frage stellte. Und Gehorsam war für ihn erste Pflicht, da er selbst keine einzige originelle Idee hervorbrachte, was den politischen Prozeß anbelangte. Trotzdem begeisterte ihn innerhalb dieser Einschränkungen Camerons Vorschlag.

Der schwarze Kellner brachte die Drinks. Stanleys Glas enthielt die doppelte Menge von Camerons Glas. Während sich Stanleys Phantasie noch auf einem Höhenflug befand, brachte ihn Cameron wieder rauh auf den Boden der Tatsachen zurück.

»Sie wissen, mein Junge, Sie hätten eine großartige Zukunft vor sich, wäre da nicht dieser eine riskante Punkt.«

»Damit müssen Sie George meinen.«

»Oh nein. Ihr Bruder ist harmlos. Idealisten sind immer harmlos, weil sie voller Skrupel stecken. In einer angespannten Situation behindern Skrupel einen Mann und machen seine Reaktionen absolut voraussagbar.« Camerons verschlagene Augen fixierten Stanley, während er murmelte: »Ich meinte Isabel.«

Stanley brauchte einige Momente, bis er das aufgenommen hatte. »Meine Frau ist ein ...?«

»Größeres Risiko. Tut mir leid, Stanley. Niemand bestreitet, daß Isabel eine clevere Frau ist. Aber sie geht den Leuten auf die Nerven. Sie beansprucht für sich zuviel Anerkennung für Ihren Erfolg - etwas, was die meisten Männer abstoßend finden.« Taktvoll übersah Cameron das sich rötende Gesicht seines Schülers; Stanley wußte, daß diese Beschuldigungen der Wahrheit entsprachen.

»Es fehlt ihr an Taktgefühl«, fuhr Cameron fort. »Ein kluger Politiker versteckt seine Feindschaften und protzt nicht mit ihnen. Was am schlimmsten ist, Isabel besitzt in dieser Stadt keine Glaubwürdigkeit mehr. Niemand glaubt ihren Schmeicheleien, weil sie überhaupt kein Geheimnis aus ihrem Ehrgeiz nach gesellschaftlicher Bedeutung und Ansehen macht.«

Mit einem schnellen Rundblick überzeugte sich der Boß, daß keine Lauscher in der Nähe waren, dann senkte er die Stimme. »Aber falls Sie je - sagen wir: unabhängig? - werden sollten und das ohne einen Persönlichen Skandal abgeht, dann kann ich Ihnen fast die Nominierung für das Repräsentantenhaus garantieren. Nominierung ist gleichbedeutend mit Wahl, dafür sorgen wir schon.«

Verblüfft sagte Stanley: »Ich wäre begeistert davon. Ich würde hart dafür arbeiten, Simon. Aber ich bin seit Jahren mit Isabel verheiratet. Ich kenne sie. Sie ist eine sehr moralische Person. Sie würden nie erleben, daß sie in einen, äh, persönlichen Skandal verwickelt wäre.«

»Oh, das glaube ich Ihnen«, sagte Cameron aufrichtig. Er dachte an Isabels Gesicht; niemand würde sich dafür interessieren.

»Aber ein Skandal, mein Junge, ist nicht auf verbotene Romanzen beschränkt. Ich habe Gerüchte über Isabel und eine gewisse Fabrik in Lynn, Massachusetts, gehört.«

Der alte Pirat. Er wußte sehr wohl, daß Stanley gemeinsam mit seiner Frau Kriegsgewinne durch die Produktion minderwertiger Armeeschuhe erzielt hatte. Camerons Blick deutete an, daß die Wahrheit nicht unbedingt in Stein gemeißelt werden mußte.

Der Gedanke, Isabel die Verachtung und die Kränkungen zurückzuzahlen, mit denen sie ihn gewohnheitsmäßig überhäufte, war sowohl neu als auch verlockend. Auf ihren Befehl hin hatte Stanley seine Geliebte aufgegeben. Isabel hatte ihm zahllose Demütigungen angetan - und hier saß der Boß und versprach ihm auch noch eine Belohnung, wenn er sie sich vom Hals schaffte.

Er wollte nicht zu begierig erscheinen. Er übertrieb seinen Seufzer. »Boß, es tut mir leid, aber das, was Sie da angedeutet haben, wird wohl nie geschehen. Falls es sich zufällig doch ergeben sollte, werde ich Sie sofort benachrichtigen.«

»Ich hoffe es. Gute, loyale Parteimitglieder sind schwer zu finden. Frauen andererseits gibt es überall. Denken Sie darüber nach«, murmelte er und nippte an seinem Drink.

Nachdem Cameron gegangen war, konnte Stanley kaum seine Erregung verbergen. Der Boß hatte eine Tür geöffnet, und er wäre am liebsten mit einem Satz durchgesprungen. Wie ließ sich das am besten verwirklichen?

Er lehnte die Essenseinladung eines Clubkameraden ab und speiste allein, stopfte die Nahrung nur so in sich hinein und spülte sie mit großen Schlucken Champagner hinunter. Zusammen mit dem Dessert - ein ganzes Viertel Blaubeerkuchen mit Cremesauce - kam auch die Inspiration. Er hatte eine narrensichere Methode gefunden, hinter Isabels Rücken zuzuschlagen und ihren Niedergang einzuleiten.

Gleichzeitig würde ihn das aus einer Situation befreien, die zwar profitabel war, die ihn aber in steter Angst vor einer möglichen Bloßstellung hielt. Ein, vielleicht zwei Jahre konnte er weiterhin seine Gewinne einstreichen. Dann, zu einem Zeitpunkt seiner Wahl -

»Ausgezeichnet«, sagte er, womit weder der Champagner noch der Kuchen gemeint war.

Bevor er den Concourse Club verließ, setzte er den Plan in Gang. Dessen Schlichtheit verblüffte ihn, so wie ihn seine eigene Findigkeit erfreute. Vielleicht hatte er sich zu lange schon unter seinem Wert verkauft. Vielleicht war er gar nicht der Idiot, für den ihn George und Billy und Virgilia und Isabel hielten.

Dem ältlichen Weißen am Empfang des Clubs reichte er eine versiegelte Note. »Bitte, geben Sie das in sein Brieffach, damit er es erhält, wenn er das nächste Mal vorbeischaut.«