»Ist es eilig, Mr. Hazard?«
»Oh nein, ganz und gar nicht«, sagte Stanley und wedelte lässig mit seinem Stock.
Der Pförtner studierte die Schrift auf dem Briefumschlag, während Stanley pfeifend die Treppe hinabging. Mr. J. Dills, Esq. Er schob den Umschlag in das richtige Fach; in den letzten paar Jahren, so ging es ihm durch den Kopf, hatte er Mr. Stan-ley Hazard mitten am Tag niemals so gut gelaunt und so nüchtern gesehen.
Ein kurzer Brief von der Palmetto-Bank. Leverett D. schreibt, der Vorstand lasse nur dieses eine Mal eine verspätete Zahlung zu. Er redet mich mit >Mrs. Main< an und nicht wie früher mit meinem Vornamen. Ich bin mir sicher, daß da die Schulangelegenheit dahintersteckt. Wir befinden uns tatsächlich am Vorabend des Winters ...
15
Der Sergeant von Fort Marcy ging um Mitternacht.
Ashton berührte das zerwühlte Bett. Noch warm. Ihr Gesicht verzerrte sich erst vor Ekel, dann vor Kummer. Sie setzte sich hin, den Kopf zwischen den Händen, während Trostlosigkeit sie wie eine große Woge überspülte.
Sie ballte die Hände. Du bist eine rückgratlose Memme. Hör auf damit.
Sinnlos. Mit jedem Kunden heute nacht - einem Mexikaner, dem die Manieren von Don Alfredo fehlten; einem einfältigen Fuhrknecht aus St. Louis; einem Soldaten - war der Punkt näher gerückt, an dem sie am liebsten ihre Wut und ihre Frustration hinausgeschrien hätte. Jetzt war November, und sie war bereit, loszurennen, ohne sich um das Risiko zu kümmern, in der Wildnis zu verhungern oder vom Schwager der Senora eingefangen zu werden.
Sie weinte zehn Minuten. Dann, nachdem sie die Kerze ausgeblasen hatte, sprach sie zu Tillet Main; das hatte sie nicht mehr getan, seit sie vor langer Zeit zum letztenmal sein Grab besucht hatte.
»Ich wollte, daß du stolz auf mich bist, Papa. Es ist schwerer, wenn man eine Frau ist, aber mit Lamar Powell hätte ich es beinahe geschafft. Aber beinahe ist nicht gut genug, nicht wahr? Es tut mir leid, Papa. Es tut mir wirklich leid .«
Wieder flossen die Tränen. Wellen von Haß überschwemmten sie. Gegen sich selbst gerichtet, gegen diesen Ort, gegen alles und jedes.
Das war am Dienstag. Am Freitag kam ein Mann herein und engagierte sie für die ganze Nacht.
Ein alter, sehr alter Mann. Sie war ganz unten angekommen.
»Schließ das verdammte Fenster, Mädchen. Ein altes Wrack wie ich holt sich zu dieser Jahreszeit schnell was weg.«
Er stellte seinen zerbeulten Koffer mit Messingbeschlägen ab. »Ich hoffe bloß, du bist heißblütig. Ich möchte mich richtig rankuscheln und gemütlich eine Nacht durchschlafen.«
Oh Gott, was für ein widerlicher Typ, dachte Ashton. Mindestens sechzig. Ausdruckslose blaue Augen, graue Haare, die ihm kreuz und quer über Nacken und Ohren hingen, Gewicht höchstens hundertzwanzig Pfund. Wenigstens machte er einen sauberen Eindruck - ihr einziger Trost.
Der alte Mann legte seinen schäbigen Mantel ab, zerrte seine Hosenträger nach unten, zog Hosen und Schuhe aus. Er öffnete seinen Musterkoffer, wobei ein Haufen bedruckter Blätter zum Vorschein kam; auf jedem Blatt war eine fette Frau zu sehen, die an einem Flügel saß. Er wühlte zwischen Handzetteln und schmutzigen Wäschestücken herum, bis er eine Whiskyflasche gefunden hatte.
»Gegen mein verfluchtes Rheuma.« Als er sich auf das Bett setzte, knackten seine Kniegelenke wie Knallfrösche. »Ich bin zu alt für dieses Rumgereise quer durch die Hölle.« Er nahm einen Schluck Whisky.
Ashton setzte ihr schönstes professionelles Lächeln auf und sagte: »Wie heißt du, Liebling?«
»Willard P. Fenway. Sag Will zu mir.«
Sie zeigte ihre Grübchen. »Das ist süß. Bist du richtig heiß, Will?«
»Nein. Und mit dem Liebling ist es auch nicht weit her. Ich habe dich für ein vernünftiges Gespräch engagiert, ein paar Streicheleinheiten und einen ordentlichen, langen Schlaf.« Er spähte an der erhobenen Flasche vorbei. »Obwohl du ein umwerfender Anblick bist. Das gelbe Kleid, das du trägst, ist auch toll.«
»Will, soll das wirklich heißen, du willst nicht ...?«
»Ficken? Nein. Brauchst nicht rot zu werden, das ist ein gutes, aufrechtes Wort. Die Leute, die sich über unflätige Sprache aufregen, tun für gewöhnlich noch viel schlimmere Dinge, bloß heimlich.« Er streckte sich aus und nahm einen weiteren Schluck. »Wie heißt du?«
Aus einem ihr selbst unerklärlichen Grund konnte sie ihn nicht anlügen. »Ashton. Ashton Main.«
»Du kommst aus dem Süden, was?«
»Ja, aber wag bloß nicht zu fragen, wie ich an einem solchen Ort landen konnte. Das höre ich zwanzigmal die Woche.«
»Du kriegst soviel Nummern zusammen? Verdammt. Wunderbar, so jung zu sein. Bei mir ist das schon so lange her, daß ich fast die Einzelheiten vergessen hätte.«
Ashton lachte ehrlich erheitert auf. Sie fand den alten Kauz sympathisch. Vielleicht hatte sie deswegen nicht gelogen. Sie setzte sich neben ihn und sagte: »Ich erzähl' dir nur das. Ich bin hier in Santa Fe unerwartet Witwe geworden. Ich konnte nur in diesem Höllenloch hier Arbeit finden.«
»Aber du willst nicht ewig bleiben, he?«
»Nein, Sir.« Sie musterte den Koffer. »Bist du so eine Art Verkäufer?«
»Hausierer ist das richtige Wort. Ich verhungere langsam dabei. Auf den gravierten Karten in meiner Tasche steht: Willard P. Fenway, Repräsentant der Westterritorien, Hochstein-Pianowerke, Chicago.«
»Oh, das erklärt das Bild mit der dicken Lady. Sie verkaufen ein wunderbares Instrument. Ich sah Hochstein-Pianos in den besten Häusern von South Carolina. Ich bin dort aufgewachsen. Sag mal, hast du was dagegen, wenn ich mich fürs Bett fertigmache?« Er drängte sie, sich zu beeilen. »Möchtest du mich im Nachthemd oder nackt haben?«
»Letzteres, wenn es dich nicht stört. Hält einen Mann wärmer.«
Ashton zog sich weiter aus; ganz unerwartet machte ihr der Abend plötzlich Spaß. Fenway wedelte mit der leeren Flasche. »Muß eine deiner Bemerkungen korrigieren. Ich verkaufe keine Hochsteins, ich versuche, welche zu verkaufen. Auf diesem Trip bin ich erst einen >Artiste< losgeworden - so heißt das große Modell, das auf dem Verkaufsblättchen abgebildet ist. Hat ein Viehzüchter in El Paso gekauft, ein dämlicher Klotz. Seine Frau kann keine Noten lesen, sondern wollte bloß was zum Angeben haben. Wahrscheinlich ist dies das einzige Instrument, das ich in Monaten verkaufe. Der Boß hat mir ein Territorium aufgehalst, das aus der ganzen verdammten Nation westlich des Mississippi besteht, was bedeutet, daß sich meine potentielle Kundschaft aus Falschspielern, pleite gegangenen Minern, betrunkenen Soldaten, Indianern, armen Schollenbrechern, Greasern, Huren - nichts gegen dich - und ab und zu mal einer schwachsinnigen Ranchersfrau zusammensetzt. Sag mal, könntest du dich ein bißchen beeilen, dich hinlegen und mich wärmen?«
Sie blies das Licht aus, schlüpfte unter die Decke und schmiegte sich in die Beugung seines Armes. Er mochte alt und knochig sein, aber sein Fleisch war noch fest, und seine Hand auf ihrer Schulter wirkte kräftig. Das Reisen hatte ihn gehärtet, vermutete sie. Seine Haut roch angenehm nach einem Pflanzenöl.
»Hier könntest du sicher ein Piano verkaufen. Vielleicht keinen Flügel, aber ein Spinett. Unsere Kunden schreien ständig nach Musik.«
»Dafür würde ich keins von Hochstein kriegen.«
»Warum nicht?«
»Der alte Hochstein ist ein Bibelleser. Fromm wie die Sünde in der Öffentlichkeit, vor allem in Gesellschaft des alten Maultiers, das er geheiratet hat. Glaub mir, wenn man mich lassen würde, ich könnte der Hälfte aller Freudenhäuser in Illinois ein Hochstein-Piano aufschwatzen und mich zur Ruhe setzen.«