Выбрать главу

»Wir warten solange.«

Ashton holte den mehrläufigen Allen-Revolver aus dem ansonsten leeren Koffer. Sie drehte die Läufe, um zu sehen, ob sie alle geladen waren, dann legte sie ihre wenigen Kleidungsstücke in den Koffer. Sie besaß keinen Regenumhang und würde durch und durch naß werden; das ließ sich nicht ändern.

Sie spürte einen dumpfen Druck in ihrer Brust, doch gleichzeitig war sie kühl und gefaßt. Sie legte das orientalische Kästchen in den Koffer. »Wie lange haben wir?«

»Ich konnte nur für eine Stunde zahlen.«

»Das muß reichen. Wir gehen die Hintertreppe hinunter durch den Lagerraum. Hast du ...?«

»Ja. Ich habe alles«, sagte er bissig. »Die Pferde sind in dem kleinen Schuppen hinten. Aber .«

»Nichts aber.« Ashton streichelte seine Stirn. Die Haut fühlte sich nicht mehr kühl an, sondern feucht und klamm. »Setz dich, Will. Wir warten, bis es ein bißchen lauter geworden ist. Luis fängt zu lärmen an, wenn er getrunken hat. Das klappt schon, hab nur Vertrauen zu mir.«

Aus einer Tasche seines alten Mantels holte Fenway eine silberne Uhr und ließ sie aufschnappen. Er legte sie aufs Bett. Beide starrten sie auf die schwarzen Zeiger. Zehn nach neun. Der große Zeiger sprang weiter. Wieder eine Minute vergangen.

Ashton stand hinter ihm und massierte geschickt seinen verkrampften Nacken und seine Schultern. »Mach dir keine Sorgen. Wir kriegen das problemlos hin. Zwei so clevere Partner, wie wir es sind, kann niemand aufhalten.«

Vielleicht mit Ausnahme von Luis, der sich gerade so lautstark einen weiteren Drink einschenkte, daß Ashton und Fen-way die Flasche gegen das Glas schlagen hörten.

Die Zeit verrann; plötzlich schien ihnen das Glück auf geradezu wunderbare Weise hold zu sein. Mit lauter Baritonstimme begann Luis zu singen. Senora Vasquez-Reilly sagte: »No mefasti-dies«, aber er gröhlte einfach weiter. Fünf Minuten später -neun Minuten vor zehn, die Stunde, zu der die Senora die Treppe hochsteigen und Will herausholen würde - übertönte schweres Donnergrollen die immer heftiger werdenden Regenschauer.

»Wir schaffen es, Will. Wir müssen los - jetzt.« Ashton band ihre Spitzenmantilla unter dem Kinn fest, ein hauchdünnes Tuch, aber besser als nichts. Sie drückte ihm den Koffer in die Hand, griff nach dem geladenen Allen-Revolver und öffnete die Tür. Sie suchte den nur von einem Kerzenstummel in einem Halter schwach erhellten Flur ab, der direkt bis zu der dunklen Hintertreppe führte. Nichts. Ashtons Atem ging schwer, als sie sich vorwärts schob. Sie flüsterte, den Mund an seinem Ohr: »Tritt vorsichtig auf. Einige Bretter quietschen, wenn du fest drauftrittst.«

Mit fast übertriebener Vorsicht schlichen sie auf Zehenspitzen den Gang entlang, vorbei an der ersten geschlossenen Tür. Ash-ton hörte das Mädchen drinnen schnarchen. Sie kamen an der zweiten, links liegenden Tür vorbei; von Rosa war kein Laut zu hören.

Auf der Treppe wagte Ashton etwas schneller zu gehen. Alles ging glatt, bis Fenway mit seinem ganzen Gewicht auf die erste Stufe trat, die ein Geräusch von sich gab wie eine Katze, der man auf den Schwanz getreten ist.

Der Regen hatte nachgelassen. Das Geräusch hallte nach. Ihr Glück ließ sie nun im Stich.

Rosas Tür ging auf. Nackt trat sie auf den Gang hinaus, in der Hand ein Glas. Wegen des Lärms blickte sie sofort nach links - und sah sie.

Ihr Aufschrei war möglicherweise noch in Fort Marcy zu hören. »Senora! Senora! La puta Brett, se huye!«

»Das wär's«, rief Ashton und packte Fenway am Rockaufschlag. »Jetzt renn, mein Lieber.«

Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, eilte sie hinunter; bei einem Sturz hätte sie sich sicher das Genick gebrochen.

Jetzt, wo sie entdeckt waren, half ihnen das Schicksal wie zum Hohn, ohne zu stolpern bis in den Lagerraum zu kommen. Rosa kreischte jedoch weiter, und jetzt trieb auch die Stimme der Senora Luis zur Eile an, gerade als sich Ashton durch den Irrgarten aus alten, zerbrochenen Kisten wühlte.

Die Tür der Cantina ging auf. Ein bernsteinfarbenes Lichtrechteck erfaßte die Flüchtlinge nahe der Hintertür.

Luis stürmte auf sie zu. Ashton drückte ab. Durch den Rauch hindurch sah sie Luis zur Seite kippen. Dann entdeckte sie, wie sich die Senora in der Cantina das Blut von der Wange wischte. Blut, erzeugt durch herumfliegende Splitter; Ashtons Kugel hatte den Türrahmen getroffen, und Luis war lediglich weggetaucht, um sein Fell in Sicherheit zu bringen.

»Komm, Will«, schrie Ashton, riß die Hintertür weit auf und sprang hinaus in Regen und Schlamm.

Fenway folgte keuchend. Er stieß sie nach links, knallte ihr dabei den Musterkoffer heftig gegen das Knie. Sie taumelte, wäre beinahe gefallen. Fenway kriegte ihren Ellbogen zu fassen und führte sie. »Nicht mehr weit. Der kleine Schuppen. Da sind wir schon.«

Sie roch und hörte die unruhigen Tiere. Luis erschien an der Hintertür, eine Flut von Obszönitäten ausstoßend. Er sprang ins Freie, wollte ihnen nachrennen, als er mit dem rechten Fuß im Schlamm ausrutschte und der Länge nach hinfiel. Seinem Aufschrei nach hielt Ashton es durchaus für möglich, daß er sich irgendwas gebrochen hatte.

Er wälzte sich auf die Seite, griff mit der linken Hand nach den Flüchtlingen. Der schwache Schein eines Blitzes zeigte sein schlammverschmiertes Gesicht. Von der Tür aus kreischte die Senora: »Levàntate, Luis, Maldita seas. Levàntatey siguelos.«

»No puedo, puta, me pasa algo a la pierna.«

»Steig um Himmels willen auf«, jammerte Fenway. Er saß bereits im Sattel, den Griff des Koffers umklammernd. Für Ashton schienen die paar Sekunden eine Ewigkeit zu dauern, während sie auf das Bild vor sich starrte: die Senora, die Luis aufforderte, aufzustehen, Luis, dessen ausgestreckte Hand nach ihnen tastete, während sein schmerzverzerrtes Gesicht zum Ausdruck brachte, daß er nicht aufstehen konnte.

In der Ewigkeit dieses Augenblicks zuckten all die kleinen und großen Schmähungen, Beleidigungen und Unfreundlichkeiten durch Ashtons Kopf. Die Senora und Luis hatten ihr beide gleich viel angetan, aber Luis war näher. Sie trat zwei Schritte auf ihn zu, zielte mit starrem Arm mit dem Revolver und jagte ihm eine Kugel in den Kopf.

Sie ritten klappernd über die leere, vom Regen glänzende Hauptplaza. Asthons Pferd war an der Spitze. Sie hatte ihren Rock zwischen die Schenkel hochgezogen und ritt tief geduckt im Herrensitz, ständig nach Hindernissen Ausschau haltend.

Hinter ihr schrie Fenway: »Warum hast du den Mann erschossen? Es gab keinen Grund, ihn zu erschießen. Er lag schon am Boden.«

»Luis hat mich mißhandelt, ich habe ihn gehaßt«, schrie sie über die Schulter zurück. Vor ihr traten ihr zwei Soldaten aus dem Fort in den Weg; ihre Gummiponchos glänzten im Schein der zuckenden Blitze. Einer zog den anderen gerade noch im letzten Moment zurück; beide fielen hin.

Auf Fenways regennassem Gesicht zeigte sich tiefer Abscheu, während er dahingaloppierte. Er wußte, daß das kleine Flittchen aus Carolina ein Herz aus Stein besaß, aber nie hätte er gedacht, daß sie so weit gehen und einen hilflosen Mann niederschießen würde. Mit was für einer Kreatur hatte er sich da eingelassen? Vor Aufregung war ihm fast übel; jetzt fühlte er sich nicht mehr befreit, sondern hatte statt dessen das unbehagliche Gefühl, in der Falle zu sitzen.

Ashton, von Kindheit an an Pferde gewöhnt, bot ihr ganzes reiterliches Können auf; tief über den Nacken des Kleppers gebeugt, ließ sie sich nur vom gelegentlichen Schein eines Blitzes leiten. Sie ritt, als wäre der Teufel hinter ihr her und nichts vor ihr könnte sie aufhalten; ihr Partner fühlte sich mitgeschleift, gefangen, im Sog ihrer unglaublichen Willensstärke.

Er hörte sie rufen: »Wir schaffen es, Honey. Wir lassen diese mexikanischen Hunde hinter uns. Reit nur zu!«