Vielleicht konnte er wirklich alle möglichen Verfolger abschütteln, dachte er, während sein Gaul über die glitschige Straße schlitterte, doch er bezweifelte, ob er je sie abschütteln könnte. Es war zu spät; sie hatte ihn am Haken.
Und sie hatte einen Mord begangen.
Mit seiner Hilfe.
Der Deputy Marshall des Territoriums und der Kommandant von Fort Marcy befragten Senora Vasquez-Reilly, die ihnen sagte:
»Natürlich kann ich Ihnen sagen, wer meinen lieben, unschuldigen Schwager ermordet hat. Ich kann sie bis ins letzte Detail beschreiben. Ich habe immer meine Zweifel gehabt, ob sie mir ihren richtigen Namen gesagt hat. Es liegt also an Ihnen, ob Sie sie je erwischen.«
16
Im Spital in Richmond machte ein junger Doktor die Runde durch die Stationen, geführt von der Oberin, Mrs. Pember. Der Doktor war neu hier, hatte sich freiwillig gemeldet wie die anderen auch, die sich um diese traurigen Überreste menschlichen Abfalls kümmerten.
Gelegentlich warf ihm einer der Patienten einen leeren Blick zu, aber die meisten beachteten ihn nicht. Einer duckte sich neben seinem Feldbett zusammen und betastete mit den Fingerspitzen eine unsichtbare Wand. Ein anderer führte ein lebhaftes, jedoch lautloses Gespräch mit unsichtbaren Zuhörern. Ein dritter saß mit verschränkten, untergeschobenen Armen da, wie in einer Zwangsjacke, und weinte ohne einen Laut.
Der Doktor diktierte der Oberin Anmerkungen, während er von Feldbett zu Feldbett schritt. In der Nähe des Feldbetts ganz hinten saß ein Mann zusammengesunken auf einer Packkiste am offenen Fenster. Selbst zu dieser späten Jahreszeit stieg noch Rauch aus den niedergebrannten Stadtbezirken auf und verschleierte die ohnehin kümmerliche Herbstsonne.
Der Mann auf der Kiste starrte aus dem Fenster nach Südosten in Richtung des jüdischen Friedhofs, der vom Shockoe-Friedhof getrennt war. Seine Abscheu war unübersehbar. Mit gesenkter Stimme sagte Mrs. Pember: »Wurde vor einigen Wochen bewußtlos vor dem Rathaus gefunden.«
Der Doktor, blaß und von der Last seiner Besuchsrunden bereits erschöpft, musterte den Mann mit einer Mischung aus Ekel und Sorge. Früher einmal mußte der Patient eine gewisse physische Präsenz gehabt haben; groß genug war er. Nun sah er verfallen, geschrumpft aus. Hautstreifen deuteten auf eine frühere Fettsucht hin. Nahrungsmangel hatte bis auf einen beachtlichen Bauch alles Fett weggeschmolzen.
Die linke Schulter des Patienten hing tiefer als seine rechte. Er war barfuß; unter einer schmierigen, alten, dem Spital gespendeten Samtrobe trug er das grobe Nachthemd des Krankenhauses. Auf seinem Kopf saß ein zerbeulter Zylinderhut. Er funkelte Mrs. Pember und den Doktor an.
Immer noch flüsternd sagte die Oberin: »Er behauptet, ständige Schmerzen zu haben.«
»Er sieht danach aus. Irgendeine Krankengeschichte?«
»Nur das, was er uns freiwillig erzählt. Manchmal redet er davon, daß er von einer hohen Klippe in den James River stürzt. Dann wieder sagt er, sein Pferd hätte ihn bei Five Forks abgeworfen, nachdem die Yankees die Linien von General Eppa Hunton durchbrochen hatten. Er sagte, er habe zu den Verstärkungen gehört, die General Longstreet im Eiltempo von Richmond herangeführt hatte, allerdings zu spät zur Rettung von...«
»Ich weiß alles über den Fall von Richmond«, unterbrach sie der Arzt gereizt. »Besitzt er irgendwelche Papiere?«
»Sir, wie viele Männer haben schon Papiere, nachdem die Regierung alles verbrannte und sich absetzte?«
Der Doktor gab ihr achselzuckend recht. Er näherte sich dem Patienten. »Nun, Sir, wie geht's uns denn heute?«
»Captain. Es muß Captain heißen.«
»Captain wer?«
Eine lange Pause. »Ich kann mich nicht erinnern.«
Mrs. Pember trat vor. »Letzte Woche gab er als Namen Erasmus Bellingham an. Vorgestern nannte er sich Ezra Dayton.«
Der Patient starrte sie mit seinen seltsam gelbbraunen Augen an, in denen eine Spur von Tücke lag. Der Doktor sagte: »Bitte erzählen Sie uns, wie Sie sich heute morgen fühlen, Sir.«
»Kann's nicht erwarten, hier rauszukommen.«
»Alles zu seiner Zeit. Aber solange Sie hier drin sind, erweisen Sie Mrs. Pember wenigstens die Höflichkeit, Ihren speckigen Hut abzunehmen.« Er griff nach dem Zylinder. Die Oberin stieß einen Warnschrei aus, als der Patient aufsprang und mit wütender Gewalt die Packkiste nach dem Doktor schleuderte.
Die Kiste segelte über den Kopf des Doktors und knallte in den Gang. Der Patient stürmte vor. Der Arzt sprang zurück, brüllte nach den Pflegern. Zwei kräftige Landburschen in fleckigen Kitteln kamen den Gang entlang gerannt, warfen sich auf den Mann und drückten ihn auf sein Feldbett nieder. Obwohl Jugend und Kraft zu ihren Gunsten sprachen, wurden sie von den wirbelnden Fäusten des Patienten übel zugerichtet. Einen Pfleger traf er so hart, daß er aus dem Ohr blutete.
Schließlich überwältigten sie ihn und banden seine Hand-und Fußgelenke mit einem Seil an den eisernen Bettrahmen.
Mit bebenden Nerven beobachtete der Doktor sie vom Gang aus. »Dieser Mann ist ein Wahnsinniger.«
»Alle anderen Ärzte sind Ihrer Meinung, Sir. Er ist eindeutig der schlimmste Fall im Spital.«
»Gewalttätig.« Der Doktor schauderte. »Der Zustand dieses Mannes wird sich niemals bessern.«
»Es ist ein Jammer, was der Krieg diesen Männern angetan hat.«
Er sagte, noch zornig über den Angriff: »Diese Stationen sind zu überfüllt, als daß noch Raum für Mitleid wäre, Mrs. Pember. Wenn er sich beruhigt hat, geben Sie ihm zwangsweise Laudanum und ein starkes Abführmittel. Morgen setzen Sie ihn auf die Straße. Wir brauchen den Platz für jemanden, dem wir helfen können.«
Am 3. April waren die höchsten Regierungsbeamten der Konföderation geflohen; das Feuer, gelegt am Abend des 3. Aprils, war vom Capitol Square bis zum Fluß gefegt und hatte dabei das kommerzielle Herz Richmonds niedergewalzt, Banken, Geschäfte, Lagerhäuser, Druckereien, ungefähr tausend Gebäude, verteilt auf zwanzig Blöcke. Selbst der ausgedehnte Komplex der Gallego-Getreidemühlen war verschwunden, ebenso wie die Eisenbahnbrücke über den James.
Kaum einer von denen, die in den folgenden Monaten durch das verbrannte Gebiet marschierten, vergaß diesen Anblick. Es war, als würde man die Oberfläche einer Welt irgendwo im Universum durchstreifen, einer Welt, die sowohl fremd als auch quälend vertraut war. Ihre Hügel bestanden aus Bergen von Ziegeln und Kalkstein. Schwarzverkohlte Balken bildeten die Knochen fremdartiger, mächtiger Bestien. Gebäuderuinen ragten empor wie die Grabmarkierungen einer fremden Rasse.
Zwei Nächte nach dem Vorfall im Spital stolperte der Patient durch die gewaltigen Gallego-Ruinen, zwischen Mühle und Ka-nawha-Kanal. Man hatte ihm die schäbigsten Klamotten gegeben und ihn dann auf die Straße gesetzt. Hätte er sich nicht auf wichtigere Beute konzentrieren müssen, er hätte es ihnen schon heimgezahlt.
An diesem Abend sah er viele Dinge mit großer Deutlichkeit. Er erinnerte sich in allen Einzelheiten an seine Phantasievorstellung, bei der Großen Parade mitzumarschieren. Außerdem erinnerte er sich an die Namen jener, die ihn daran gehindert hatten, den ihm gebührenden Platz in der Militärgeschichte seines Landes einzunehmen.
Orry Main. George Hazard.
Oh Gott, was hatten ihm diese beiden angetan. Seit ihrer gemeinsamen Kadettenzeit in West Point hatten Hazard und Main regelmäßig konspiriert, um seine Pläne zu vereiteln. Jahr um Jahr war der eine oder der andere aufgetaucht, um ihn an seiner Karriere zu hindern. Sie waren geradezu schwindelerregend oft dafür verantwortlich gewesen, daß man ihn mit Schimpf und Schande bedeckt hatte:
Schädigung seiner Reputation im Mexikanischen Krieg. Anklage wegen Feigheit bei Shiloh Church. Strafversetzung nach New Orleans und Desertion nach Washington. Fehlschlag bei Lafayette Bakers Geheimpolizei und schließlich Desertion in den Süden, dessen Menschen und Prinzipien er stets verachtet hatte.