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Frauen und Kinder drängten vor und verlangten schreiend nach diesem oder jenem Gegenstand. Das junge Mädchen gehörte zu den wenigen, die sich zurückhielten, wie Charles im Aufstehen bemerkte. Auf einigen Gesichtern zeigte sich Abscheu über diese Gier, doch die meisten Dorfbewohner achteten nicht darauf. Holzfuß schaute sich mit einem merkwürdigen Ausdruck um, so, als hätte er nie zuvor Tipis oder Cheyenne gesehen.

Plötzlich verkündete Narbengesicht: »Diese Weißen sind Teufel, die uns übelwollen. Ihre Waren und ihr Leben gehören uns.« Seine Männer gaben grunzende, zustimmende Laute von sich.

Jetzt legte Holzfuß seine Gedankenverlorenheit ab. »Narbengesicht, das ist einfach nicht recht. Das ist nicht die Art des Volkes.«

Narbengesicht straffte die Schultern. »Es ist meine Art.«

»Nichtsnutziger kleiner Scheißkerl«, sagte Holzfuß, laut genug, daß man es hören konnte. Narbengesicht verstand die Worte. Er machte eine Geste.

»Tötet sie.«

Charles' Magen schien eine halbe Meile durchzusacken. Holzfuß warf ihm einen scharfen Blick zu, packte Boys Hand und stürzte nach vorn. Die plötzliche Bewegung überraschte alle; der Händler und Boy konnten sich zwischen zwei Kriegern durchwühlen. »Renn, Charlie. Hier entlang.«

Charles rannte.

Ein Beil mit Eisenklinge zischte an seinem Ohr vorbei. Frauen und alte Männer kreischten auf. Charles stürzte zwischen zwei verschreckten Großvätern hindurch, weg von der Menge. Er verstand Holzfuß' plötzlichen Anfall von Feigheit nicht. Wozu sollte diese Flucht gut sein? Man würde sie sowieso gleich wieder schnappen.

Holzfuß streckte einen Arm aus und deutete auf ein reichverziertes Zelt, ein Stück weiter unten auf der linken Seite. Ein kräftiger Indianer mit dunklem, zerfurchtem Gesicht stand mit verschränkten Armen vor dem Zelt; der Schnee schmolz auf seinem grauen Haar. Holzfuß tauchte, Boy hinter sich her zerrend, an ihm vorbei in das Tipi.

Charles rannte weiter. Er spürte, daß ihm Narbengesichts Männer dicht auf den Fersen waren. So ein Blödsinn, dachte er. Gleich saßen sie in einem Tipi in der Falle. Holzfuß mußte den Verstand verloren haben.

Er raste auf den alten Cheyenne zu, in der Erwartung, aufgehalten zu werden. Der grauhaarige Indianer warf einen kurzen Blick auf den Tipi-Eingang und nickte. Mit einem hoffnungslosen Gefühl im Herzen sprang Charles durch die ovale Öffnung. Augenblicklich stellte sich der Indianer davor.

Ein kleines Feuer in einer flachen Grube gab beißenden Rauch, aber wenig Wärme von sich. Charles duckte sich in der kalten Düsternis zusammen, griff nach einer steinernen Hacke.

»Leg das weg, Charlie.«

»Was zum Teufel ist mit dir los? Sie stehen direkt davor.«

Wütende Stimmen bestätigten das. Die von Narbengesicht tönte am lautesten. Während er wütend knurrte, sprach der ältere Indianer mit ruhiger, leiser Stimme. In das Knurren mischte sich ein Unterton von Frustration.

»Wir brauchen jetzt keine Waffen«, sagte Holzfuß. Er deutete über seinen Kopf. Dort hing etwas, das eine gewisse Ähnlichkeit mit einem aus einem Büffelkopf hergestellten Hut besaß. Es war mit blauen Perlen verziert, die Hörner wiesen ein Muster leuchtender Farben auf.

»Das ist der Büffelhut«, sagte Holzfuß. »Genauso heilig wie die vier Medizinpfeile. Der Hut wehrt Krankheiten ab, und wenn irgendein Narr ihn stiehlt, dann wird der Büffel für immer verschwinden. Der alte Priester draußen bewacht ihn Tag und Nacht. Keiner, der unter dem Hut Schutz sucht, darf belästigt werden.«

»Du meinst, das ist eine Zufluchtsstätte, wie eine Kirche?«

»Ja. Narbengesicht darf uns nicht anrühren.«

Charles' Schweiß trocknete, es wurde kühl, und er schauderte zusammen. Ziemlich überraschend stieg in ihm ein Gefühl der Verärgerung auf. »Hör mal, seit dem Krieg bin ich auf keinen Kampf mehr scharf. Aber wenn ein Kampf beginnt, dann renne ich nicht gern weg.«

»Du meinst, es war feig, hier Zuflucht zu suchen?«

»Nun...«

Während der Priester mit Narbengesicht diskutierte, sagte Holzfuß: »Habe ich dir nicht gesagt, daß du hier draußen deine natürlichen Empfindungen umkehren mußt? Was glaubst du, warum Narbengesicht so wütend ist? Wir haben gerade das Größte getan - und ich meine das Allergrößte -, was ein Mann der Hundegemeinschaft tun kann. Wir waren geschlagen, sollten ermordet werden und sind davongekommen. Das ist größer als der größte Coup.«

Der Priester des Büffelhutes bückte sich und betrat das Tipi. Der alte Indianer lächelte auf freundliche, bewundernde Weise.

Der Händler und der Priester begrüßten einander in der Zeichensprache. »Kleiner Bär«, sagte Holzfuß, nickte und lächelte. Der Priester sagte etwas in der Cheyenne-Sprache. Charles gegenüber erklärte der Händler: »Er hat gerade eben meinen Namen ausgesprochen, Mann-mit-schlimmem-Bein.« Er wandte sich an Kleiner Bär: »Das hier ist mein Partner Charlie, und meinen Neffen Boy kennst du ja. Du weißt, daß Narbengesicht gelogen hat, Kleiner Bär. Wir kommen immer in friedlicher Absicht, nur zum Handeln.«

Charles verstand, als Kleiner Bär sagte: »Ich weiß.«

»Wann kommt Schwarzer Kessel zurück?«

Der alte Indianer zuckte mit den Schultern. »Heute. Morgen. Ihr bleibt hier. Eßt etwas. Ihr seid in Sicherheit.«

»Nichts dagegen, Kleiner Bär.« Holzfuß schlug Boy auf die Schulter. Boy grinste. Charles gab sich Mühe, seine Einstellung neu zu ordnen, so wie Holzfuß es ihm geraten hatte.

»Mein Hund hängt noch im Zaumzeug, Kleiner Bär.«

»Ich werde ihn holen.«

»Sie haben unsere Waffen und Messer.«

»Ich werde sie finden.«

Der Priester ging. Bald lag Fen neben dem Feuer und wälzte sich glücklich im Dreck.

Charles konnte sich nur schwer damit abfinden, daß sie sich durch Weglaufen mit Ruhm bedeckt hatten. Er dachte weiter darüber nach, während Kleiner Bär ihnen Beeren und Streifen geräucherten Büffelfleisches servierte. Nach der Mahlzeit besorgte der Priester Felle und gewebte Kopfkissen.

Frühzeitig am nächsten Morgen ritt Schwarzer Kessel mit einem Dutzend Krieger in das Dorf ein. Die Mitglieder der Jackson Trading Company konnten endlich wieder ins Freie.

Nach dem Schneefall war die Sonne wieder herausgekommen. Cheyenne aller Altersgruppen umringten sie, das hübsche Mädchen eingeschlossen, das Charles aufgefallen war. Man lächelte ihm zu, schlug ihm auf die Schultern, grüßte ihn mit »How!«, was er als Ausruf der Anerkennung interpretierte. Von Narbengesicht war nichts zu sehen.

Holzfuß blies sich auf wie ein Schauspieler vor einem jubelnden Publikum. Er grinste über das ganze Gesicht.

»Darum kommen wir nicht herum, Charlie. Wir sind Helden.«

Das bessere Wetter ließ die Aktivitäten im Freien Wiederaufleben. Jungenbanden pirschten sich, mit stumpfen Pfeilen bewaffnet, an Hasen heran, als Training für die Stammesjagd im Erwachsenenalter. Frauen und Mädchen machten sich an ihre traditionellen Aufgaben und schabten Häute, spannten sie auf Rahmen und behandelten sie mit Rauch.

Charles bemerkte eine Art Schülerinnen-Lehrerin-Verhältnis bei einer Gruppe von Mädchen und Müttern, die einer viel älteren Frau aufmerksam lauschten. Wie Holzfuß ihm später erklärte, handelte es sich hier um eine Lehrstunde durch ein Mitglied der Webergemeinschaft. Für die Cheyenne besaßen dekorative Webstoffe eine große religiöse Bedeutung; man mußte sie in genau vorgeschriebener Weise herstellen. Nur Frauen, die in diese Gemeinschaft gewählt worden waren, durften diese Kunst lehren.

Eines Abends lud Schwarzer Kessel Holzfuß, Charles und Boy in seinen Wigwam ein. Aus Gesprächen mit dem Händler wußte Charles, daß die Cheyenne eine Anzahl von Friedenshäuptlingen hatten, Männer, die ihre Tapferkeit und ihre Klugheit unter Beweis gestellt hatten und die nun den Stamm berieten, wenn er sich nicht im Kriegszustand befand. Holzfuß betonte, daß die Weißen immer mit dem Häuptling verhandeln wollten, aber der existierte nicht. Es gab Häuptlinge für den Frieden und für den Krieg, ebenso wie einen Häuptling für jedes Camp - Schwarzer Kessel hatte diese Position auch in seinem Dorf inne -, und es gab die Anführer der Kriegergemeinschaften. Sie alle regierten im Kollektiv den Stamm, der seit ewigen Zeiten ungefähr dreitausend Seelen zählte. Der Stamm war nicht gewachsen, aber er war auch nicht durch Katastrophen, Hunger oder durch seine Feinde dezimiert worden. Charles' Respekt vor den Cheyenne wuchs weiter.