Der Friedenshäuptling Moketavato war ein gutgebauter Mann von ungefähr sechzig, der seine Haarflechten mit Otterfellstreifen umwickelt hatte. Er hatte ernste Augen und ein lebhaftes, intelligentes Gesicht. Er trug die üblichen Leggings mit Lendenschurz und Hirschlederhemd mit zahlreichen Verzierungen; sein Kopfschmuck bestand aus Adlerfedern und drei gehämmerten Silbermünzen an einem Lederriemen. Nachdem sie sich alle gesetzt hatten, reichte er den weißen Männern eine lange Friedenspfeife. Schon ein paar Züge machten Charles schwindelig. In seinem Kopf tauchten phantastische Farben und Formen auf, und er fragte sich, was für ein Kraut wohl in dem Pfeifenkopf brennen mochte.
Die stille, ruhige Frau des Friedenshäuptlings servierte eine herzhafte Schildkrötensuppe und anschließend Schüsseln mit einem wohlschmeckenden Stew. Während sie aßen, entschuldigte sich Schwarzer Kessel für Narbengesichts Taten. »Der Verlust seiner Mutter hat ihm die Vernunft geraubt. Wir versuchen ihn im Zaum zu halten, aber es ist schwer. Doch eure Handelswaren und eure Tiere sind in Sicherheit.«
Holzfuß bedankte sich, und Charles schob sich, den Gebräuchen entsprechend, mit den Fingern einen weiteren Fleischbrocken in den Mund. »Ein köstliches Stew«, sagte er.
Schwarzer Kessel nahm das mit einem Lächeln zur Kenntnis. »Das beste Gericht meiner Frau, nur für Ehrengäste.«
»Junger Hund«, sagte Holzfuß.
Um ein Haar hätte sich Charles übergeben. Er preßte die Lippen zusammen und bemühte sich um ein ausdrucksloses Gesicht, während er den Fleischbrocken gegen einige Widerstände hinunterwürgte. Danach aß er nichts mehr, rührte nur in seiner Schüssel herum.
»Ich hoffe, der Vertrag, den du unterzeichnet hast, bedeutet für eine Weile Frieden«, sagte Holzfuß.
»Das ist auch meine Hoffnung. Viele vom Stamm glauben, Krieg wäre besser. Sie glauben, nur Krieg kann unser Land retten.« Er wandte sich leicht zur Seite, um Charles einzuschließen, und sprach noch langsamer. »Ich habe den Frieden stets für den besten Weg gehalten, und ich habe mich bemüht, den Versprechungen des weißen Mannes Glauben zu schenken. Dieser Weg ist immer noch mein Weg, obwohl mir seit Sand Creek immer weniger auf diesem Weg folgen wollen. Ich brachte den Stamm nach Sand Creek, weil der Soldatenhäuptling in Fort Lyon sagte, uns würde nichts geschehen, wenn wir uns dort friedlich niederließen. Wir taten das, und dann kam Chiving-ton. So habe ich jetzt keinen Grund, den Versprechungen zu glauben, keinen anderen Grund als meinen eigenen brennenden Wunsch nach Frieden. Deshalb habe ich die Feder wieder in die Hand genommen. Aus der Hoffnung heraus, nicht aus Vertrauen.«
»Ich verstehe«, sagte Charles. Schwarzer Kessel war ihm sympathisch, und er spürte, daß dies auf Gegenseitigkeit beruhte.
Draußen vor dem Tipi glühte das Lagerfeuer, und festliche Musik ertönte. Charles neigte den Kopf. »Ist das eine Flöte?«
»Ja, die Flöte der Werbung«, sagte Schwarzer Kessel. »Sie wird vor dem nächsten Tipi gespielt. Also muß es Narbengesicht sein. Außer dem Krieg hat er auch noch einige andere Interessen, was für uns andere ein Segen ist. Laßt uns schauen.«
Sie traten hinaus in das Zwielicht und sahen Narbengesicht neben dem angrenzenden Tipi; er spielte auf einer handgefertigten Holzflöte, während seine Füße sich in einer Art Tanz vor-und zurückbewegten. Schwarzer Kessel grüßte. Narbengesicht wollte den Gruß erwidern, sah die Händler und machte ein mürrisches Gesicht. Er blies mehrere falsche Töne, bis er wieder die richtige Melodie erwischte.
An seinem Leibriemen trug Narbengesicht eine Quaste aus weißem Fell. Holzfuß deutete darauf. »Von einem Hirsch mit weißem Wedel. Ist ein großer Liebeszauber.«
Ein gelblicher Hund rannte bellend vorbei. Fen machte sich, ebenfalls bellend, an die Verfolgung. Aus dem Tipi, vor dem Narbengesicht sein Ständchen brachte, tauchte ein junges Mädchen auf - das gleiche Mädchen, das Charles am ersten Tag aufgefallen war. Er sah, wie eine Hand von innen das Mädchen stieß. Offensichtlich zwangen ihre Eltern sie, hinauszugehen, um den Freier zu begrüßen.
»Sie ist das Kind meiner Schwester, Grünes Gras«, sagte Schwarzer Kessel zu Charles. »Sie zählt jetzt fünfzehn Winter. Narbengesicht wirbt seit zwei Wintern um sie und muß das noch zwei weitere tun, bevor sie eine seiner Frauen werden kann.«
Die sanften Rundungen der Brüste des Mädchens zeigten, daß sie die Bezeichnung Frau durchaus schon verdiente. Sie trug Leggings und ein langes, geschmücktes, kittelartiges Kleidungsstück, das bis zu ihrer Hüfte hochgezogen war und sich vorne und hinten mittels eines zwischen den Beinen durchgezogenen Strickes bauschte. Faserbüschel des Strickes umschnürten sie von der Taille bis zu den Knien; sie hoppelte mehr, als daß sie ging.
Schwarzer Kessel sah Charles' verwirrtes Gesicht. »Sie ist kein Kind mehr, aber noch nicht verheiratet. Bis sie Narbengesichts Frau ist, bindet ihr Vater ihr nachts den Strick zur Wahrung ihrer Unschuld um.«
Grünes Gras mühte sich, Narbengesicht zuzulächeln, aber ihr Herz war deutlich erkennbar nicht dabei. Narbengesicht schaute unglücklich drein und stampfte schneller mit seinen Mokassins. Dann bemerkte sie die Zuschauer. Ihre Reaktion auf Charles war unmittelbar und offensichtlich.
Seine ebenfalls. Die Plötzlichkeit überraschte ihn. In der Hoffnung, daß man ihm nichts anmerkte, drehte er sich zur Seite, beunruhigt darüber, sich von einem so jungen Mädchen angezogen zu fühlen. Er beruhigte sein Gewissen damit, daß er sich einredete, daß es nur an der Schönheit des Mädchens lag; seine relativ lange Enthaltsamkeit hatte diese Reaktion ausgelöst.
Schwarzer Kessel bemerkte den Blickwechsel und gluckste. »Ich hörte, daß Grünes Gras dich mit Wohlgefallen betrachtet hat, Charles.«
Auch Narbengesicht bemerkte es. Er funkelte Charles an, trat zwischen die weißen Männer und das Mädchen, ihnen den Rücken zuwendend. Hastig redete er auf sie ein. Sie antwortete mit gleicher Geschwindigkeit und Schroffheit, irritierte und reizte ihn. Er überschüttete sie mit weiteren Bitten. Sie warf den Kopf zurück, griff nach den Rändern des Tipi-Eingangs und trat ein. Bevor sie verschwand, warf sie Charles einen weiteren liebes-trunkenen Blick zu.
Narbengesichts Züge verzerrten sich, eine schwarzkupferne Maske im Lichte des nahen Feuers. Mit einer Hand die Flöte umklammernd, stampfte er davon.
Fen schoß ins Blickfeld, verfolgt von dem gelblichen Hund. Ein Baby brüllte. Holzfuß seufzte.
»Naja, ich weiß, daß es nicht deine Schuld ist. Aber jetzt hat dieser Schlagetot einen weiteren Grund, uns zu hassen.«
Am nächsten Tag begannen sie mit dem Handel. Das Wetter wurde für die Frühwinterzeit ungewöhnlich warm und machte es möglich, daß Holzfuß Boy in der Dämmerung zum Fluß führen konnte. Dort verpaßte der Händler, außer Sicht der Tipis, seinem Neffen ein Bad, das dieser dringend nötig hatte. Charles legte seine Kleider ab, watete in den Fluß und wusch sich ebenfalls von Kopf bis Fuß. Er fühlte sich wie neugeboren.
Das Handeln besorgte einzig und allein Holzfuß. Charles holte die Waren, stellte sie zur Schau und kümmerte sich um die Pferde, die sie dafür bekamen. Je mehr Einzelheiten er über die komplexen Zusammenhänge der Cheyenne-Gemeinschaft erfuhr, desto größer wurde sein Respekt vor dem Stamm. In gewissen Dingen blieben die Indianer primitiv; sanitäre Angelegenheiten wurden im Dorf sehr nachlässig gehandhabt. In anderen Bereichen fand Charles die Cheyenne bewundernswert; beispielsweise wenn es um die Erziehung der Jungen ging.