Die Cheyenne betrachteten das Mannesalter nicht als etwas Unvermeidliches, sondern als ein Privileg, das mit großer Verantwortung verbunden war. Abends wurden gelegentlich die Seiten des einen oder anderen Tipis hochgerollt; drinnen versammelten sich die Mitglieder einer der Kriegergemeinschaften in voller Bemalung und mit den Insignien ihrer Gemeinschaft geschmückt um das Feuer. Wie beabsichtigt, drängten sich dann stets eine große Anzahl Jungs um das jeweilige Tipi und sahen zu, wie die Männer sprachen und tanzten und ein paar ihrer weniger geheimen Rituale durchführten.
Acht Tage lang wurde flott und profitabel gehandelt. Am neunten Morgen erwachte Charles frühzeitig; drohende Regenwolken hingen am Himmel. Holzfuß wollte aufbrechen. Sie brachen ihr Tipi in sechs Minuten ab - Charles genoß das Spielchen, ihren eigenen Rekord zu schlagen -, und nach einem ausgedehnten Abschied von Schwarzer Kessel und den Dorfältesten ritten sie, vierzehn neue Ponys vor sich her treibend, nach Süden.
Der Wind roch warm und feucht. Die Tipis am Cimarron verschwanden hinter ihnen, ebenso wie die aufsteigenden dünnen Rauchsäulen. Charles saß locker auf Satan und dachte an Grünes Gras, der er in dem kleinen Dorf häufig begegnet war. Ihr hübsches Gesicht brachte bei jedem Zusammentreffen ihre Gefühle deutlich zum Ausdruck. Sie war verliebt. Das schmeichelte einerseits seiner Eitelkeit, machte aber andererseits sein Eremitenleben noch schwerer erträglich. Eines Nachts hatte er einen erotischen Traum, in dem er bei dem Mädchen lag. Doch jedesmal, wenn er sie traf, tippte er lediglich an seinen Hut, lächelte und murmelte einige Freundlichkeiten auf englisch. Er fragte sich, ob bei seiner Rückkehr nach St. Louis Willa Parker vielleicht ...
»Paß auf, Charlie.« Holzfuß' plötzliche Warnung riß ihn aus seinen Tagträumen. Er zog seinen Colt, als ein berittener Indianer zwischen einigen Pappeln an einem Bachlauf hervorgesprengt kam. Einen Augenblick lang rechnete Charles damit, daß ein ganzer Trupp Krieger folgen würde, doch es kam kein weiterer Reiter mehr.
Der einsame Krieger galoppierte auf sie zu. Charles erkannte Narbengesicht.
Düster sagte Holzfuß: »Er muß mächtig schnell und weit geritten sein, um vor uns hier zu sein. Den muß ja ordentlich was zwacken - aber das ist wohl kaum eine Überraschung, he?«
Narbengesicht ließ sein Pony auf sie zutraben. Seine dunklen Augen richteten sich auf Charles. »Ich habe etwas zu sagen.«
»Nun, wir haben auch nicht angenommen, daß du hier rausgekommen bist, um dich an den Heilwassern zu laben«, sagte Holzfuß. Der Sarkasmus war bei dem Indianer fehl am Platz, der vom Pferd sprang und sich mit gespreizten Beinen in Positur stellte.
»Steig ab, Charlie«, sagte Holzfuß und kletterte vom Pferd. »Müssen die Formalitäten beachten, verdammt noch mal.«
Als die beiden Händler auf dem Boden standen, stampfte Narbengesicht mit dem Fuß auf.
»Ihr habt mich vor meinem Volk beschämt.«
»Oh, Scheiße.« Holzfuß seufzte. »Du hast dich selbst beschämt, Narbengesicht. Wir haben dir keinen Anlaß gegeben, uns zu töten. Du weißt es, und Schwarzer Kessel wußte es, und wenn das deine Klage ist, warum .«
Wütend packte ihn Narbengesicht. »Wir treffen uns unter einem Strick. Du wirst dran hängen.« Sein Blick richtete sich auf Charles. »Und du.«
Mit dunkelrotem Gesicht sagte Holzfuß: »Laß mein Hemd los.«
Narbengesicht verdrehte es noch mehr. Die eine Hand des Händlers schoß vor, erwischte den Riemen von Narbengesichts Lendenschurz und zerriß ihn. Narbengesicht schrie auf, ließ ihn los und sprang zurück, als hätte ihn eine Schlange gebissen.
»Ja, was ist denn das?« rief Holzfuß in gespielter Überraschung. Er deutete auf Narbengesichts entblößte Genitalien. »Ein Mann ist das bei Gott nicht.«
Narbengesicht kreischte auf und sprang Holzfuß an die Kehle. Charles riß seinen Colt aus dem Gurt. »Stopp!«
Der Ruf ließ Narbengesicht erstarren, seine Finger nur Zentimeter von Holzfuß' Hals entfernt. Der Händler hielt Narbengesicht den Lendenschurz hin. »Wirst Schwierigkeiten haben, dem Mädchen ohne das hier den Hof zu machen.« Er stopfte sich den Schurz unter den Gürtel. »Jawohl, Sir, eine Menge Schwierigkeiten.«
Es war deutlich zu sehen, daß Narbengesicht um seinen Schurz kämpfen wollte, doch Charles' Colt, auf seinen Kopf gerichtet, hielt ihn davon ab. Sehr ruhig sagte Holzfuß: »Und jetzt verschwindest du, bevor mein Partner eine Kugel dorthin jagt, wo mal deine Eier waren.«
Waren? Was zum Teufel ging hier vor?
Zum Beispiel Narbengesichts Rückzug. Sein verzerrtes Gesicht wirkte eher scharlachrot als braun. Er schien kurz vor einer Explosion zu stehen, als er in die Luft sprang, ein Bein über den Pferderücken schleuderte und davongaloppierte.
Charles atmete tief aus, als die Spannung nachließ. »Erklär mir jetzt mal, was du getan hast.«
Holzfuß zog den Lendenschurz aus dem Gürtel. »Erinnerst du dich, was ich dir übers Haareschneiden bei den Cheyenne erzählt habe? Das hier ist so ähnlich. Wenn du einem Mann den Schurz nimmst, dann verliert er sein Geschlecht. Er glaubt, er sei kein Mann mehr.«
Charles sah dem nach Norden galoppierenden Indianer nach. »Nun, jetzt sind wir quitt. Du hast ihm auch einen Grund gegeben, uns zu hassen.«
»Stimmt«, sagte der Händler, während die Röte aus seinem Gesicht wich. »Ziemlich dämlich, nehme ich an.« Er schnüffelte. »Hab's allerdings genossen.«
»Ich auch.«
Die beiden Männer grinsten. Holzfuß schlug Charles auf die Schulter, streckte dann die flache Hand aus.
»Wird bald regnen. Machen wir uns auf die Socken, Boy.« Er stieg auf, meinte dann mit einem Schuß Ernsthaftigkeit: »Schätze, daß wir mit einiger Sicherheit den Bastard nicht zum letztenmal gesehen haben. Paßt auf eure Haare auf.«
MADELINES JOURNAL
Dezember 1865. Keine Nachricht von Brett. Und einen Mord im Bezirk.
In der vorletzten Nacht wurde Edward Woodvilles ehemaliger Sklave Tom mit drei Pistolenkugeln im Leib an der Uferstraße unterhalb von Summerton gefunden. Col. O.C. Munro vom Büro kam mit einem kleinen Trupp Männer von Charleston, um die Sache zu untersuchen, aber ohne Ergebnis. Falls jemand im Bezirk den Täter kennt, dann schweigt er. Eine wirkliche Tragödie. Letzte Woche war Tom hier zu Besuch, immer noch überglücklich, von Woodville, einem üblen Herrn, befreit zu sein.
Munro und seine Männer blieben über Nacht auf. M.R. Munro inspizierte die neue Schule und notierte sich das bißchen, das ich ihm über das Feuer sagen konnte. Er ist verpflichtet, Berichte über alle derartigen Schandtaten - sein Ausdruck - an seine Vorgesetzten nach Washington zu schicken. Er wird auch über den Mord an Tom berichten. Er bot mir an, für eine Weile zwei Soldaten zur Bewachung der Schule abzustellen. Ich lehnte ab, sagte aber, ich würde mich an ihn wenden, wenn wir wieder Schwierigkeiten bekämen ...
... Für nächsten Samstag ist auf Six Oaks ein Turnier angekündigt, dort, wo Charles als junger Mann sein Duell austrug. Ich werde nicht gehen; Prudence konnte ich erst nach langer Diskussion dazu überreden. Vor dem Krieg besuchte ich mit Justin einige Turniere - das heißt, ich wurde mehr oder weniger hingeschleppt - und hielt sie stets für pompöse Angelegenheiten. Junge Männer zu Pferd, mit Federhüten in Samt und Seide, die versuchen, die aufgehängten Ringe mit ihren polierten Lanzen aufzuspießen. Alle gaben sich hochtönende mittelalterliche Namen. Sir Dies. Lord Das. Mit ihren gestreiften Pavillons und den gewaltigen Völlereien schienen diese Turniere typisch zu sein für die Gesellschaft, die der Krieg weggefegt hat.