Und wo, mein Liebster, wollen sie jetzt ihre jungen Ritter finden, wo so viele ebenso wie Du gefallen sind, in den Wäldern und auf den Feldern von Virginia ...?
Ungefähr fünfzig Ladys und Gentlemen aus dem Bezirk versammelten sich auf der Lichtung bei Six Oaks, nahe am Fluß. Kutschen standen herum, Pferde wurden angebunden. Die weißen Zuschauer beanspruchten zwei Drittel der offenen Fläche für sich; der feuchte Grund direkt am Fluß war für die schwarzen Kutscher und Diener, die alle Arbeitsverträge mit ihren Herren abgeschlossen hatten, abgeteilt worden.
Es war ein warmer Wintertag. Lange Lichtstreifen warfen Muster auf den braunen Boden, über den mittelalterliche Reiter in einer Linie galoppierten; ihre Lanzen waren auf die kleinen Holzringe gerichtet, die an Stricken von Baumästen hingen.
Hufe donnerten. Der erste Reiter verfehlte alle Ringe. Der zweite ebenfalls. Der dritte, ein Graubart, spießte erst einen, dann noch einen Ring auf. Ein altes Horn mühte sich um die Imitation der Trompete eines Herolds. Die Menge bedachte den Sieger mit sporadischem Beifall.
Während sich zwei weitere Reiter fertig machten, beklagte sich eine fette Frau, die den Sitz einer schäbigen offenen Kutsche vollkommen ausfüllte, bei einem neben dem Vehikel stehenden Gentleman.
»Ich wiederhole, was ich schon Cousin Desmond in meinem letzten Brief schrieb, Randall. Es ist ein Wort, eine Frage. Wann?«
Ihre roten Lippen spuckten die Frage voller Gehässigkeit aus. Mrs. Asia LaMotte, eine der unzähligen Cousinen von Francis und Justin, schwitzte trotz der milden Temperatur heftig und hätte ein Bad dringend nötig gehabt. In den Falten und Runzeln ihres Specknackens hatte der Schweiß den Puder zu winzigen Kügelchen gehärtet. Randall Gettys hielt sie für eine widerliche alte Frau, ließ sich aber wegen der sozialen Stellung ihrer Familie und seiner Freundschaft zu Des nichts anmerken. Der arme Des, der in den Docks von Charleston Schauerarbeit -Niggerarbeit - leisten mußte, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können.
Gettys überzeugte sich, daß ihn niemand belauschen konnte, bevor er sagte: »Asia, wir können nicht einfach am hellichten Tag nach Mont Royal marschieren und losschlagen. Das Feuer hat sie nicht in Angst und Schrecken versetzt. Diese Pest von einer Schule ist wieder geöffnet. Natürlich wollen wir, daß die Schule vernichtet und diese Schlampe bestraft wird, aber wir wollen doch deswegen nicht ins Gefängnis. Diese verfluchten Yankees vom Büro schnüffeln wegen des Mordes herum.«
Asia LaMotte war nicht überzeugt. »Ihr seid alle Feiglinge. Hier fehlt ein Mann mit Courage.«
»Pardon, aber wir haben Courage - und damit meine ich deinen Cousin Des ebenso wie mich selbst. Was wir brauchen, ist ein Mann, der nichts mehr zu verlieren hat. So einen müssen wir finden, anheuern und ihn für uns die Kastanien aus dem Feuer holen lassen. Das bedeutet lediglich eine Verzögerung, aber keine Aufgabe des Plans. Des ist so versessen darauf wie eh und je, Mrs. Main loszuwerden.«
»Dann soll er die Familie davon überzeugen, indem er was unternimmt«, sagte Asia naserümpfend.
»Ich sag' dir doch, wir brauchen ...«
Er kam nicht weiter. Ein Weißer hatte sein Pferd nahe der Straße angebunden und schlenderte nun auf die schwarzen Zuschauer zu. Er war ein junger, gewalttätig wirkender Bursche, mit dunklem Bart, der sogar noch nach einer frischen Rasur zu sehen war, und einer Narbe auf der Stirn. Er sah selbstbewußt, aber sehr ärmlich aus in seiner groben, grauen Kleidung, den alten Kavalleriestiefeln und einem breitkrempigen Hut. In seinem Hosenbund steckte ein Paar Leech-&-Rigdon-Revolver Kaliber 36.
Lächelnd baute er sich vor einem der Schwarzen auf; es war Asia LaMottes Fahrer Poke. Der alte Poke trug eine Stoffmütze auf seinem grauen Kopf. Der Fremde zog seine Revolver und richtete sie auf Poke.
»Ich hasse es einfach, wenn ein Nigger Höherstehenden nicht den nötigen Respekt erweist. Nimm diese Mütze ab, Boy.«
Die Leute um Poke herum wichen zurück, ließen den alten Mann isoliert und verängstigt stehen. Die beiden neuen Wettkämpfer hielten ihre Pferde zurück, wie alle anderen auch von dem kleinen Schauspiel fasziniert.
Sichtlich erheitert spannte der Fremde beide Schlagbolzen. »Ich sagte, nimm die Mütze ab.«
Zitternd gehorchte Poke.
»In Ordnung. Und jetzt erweise deinen aufrichtigen Respekt. Knie nieder.«
»Ich bin ein freier Mann«, fing Poke an.
Eine Revolvermündung berührte Pokes Stirn. »Jawohl, Sir, frei genug, um zur Hölle zu fahren, wenn ich bis fünf gezählt habe. Eins. Zwei. Drei.«
Als der Fremde vier sagte, kniete Poke nieder.
Der Fremde lachte, steckte seine Revolver weg. tätschelte Pokes Kopf und nahm den Applaus von einigen der Zuschauer entgegen. Er schlenderte auf einen weißhaarigen Mann in schäbiger Kleidung zu. Vor Überraschung drückte es Randall Gettys fast die Augen heraus, als der junge Mann den älteren in ein Gespräch verwickelte.
»Ich möchte wetten, das ist er«, flüsterte Gettys. »Ich wette hundert Dollar.«
»Wer?« fragte Asia schmollend.
»Das Rauhbein, das Woodville angeheuert hat. Schau, die beiden tun ganz vertraut.« Er hatte recht; freundlich plaudernd hatte der Fremde dem alten Farmer einen Arm um die Schultern gelegt. Gettys sagte: »Jeder wußte, daß Tom nicht mehr für Edward arbeiten würde, weil das Büro Edwards Arbeitskontrakt abgelehnt hatte. Edward schwor, er würde jedem Weißen fünfzig Dollar geben, der den Nigger ordentlich bestrafte. Ich bin gleich wieder da.« Er eilte davon. Asia schaute ihm verwirrt nach.
Mit einem großen, weißen Taschentuch aus seiner Brusttasche wischte sich Gettys die Stirn. Trotz des milden Wetters war er in schweren, dunkelgrünen Samt gekleidet. Er näherte sich Woodville und dem Fremden, der zu reden aufhörte, seinen Daumen neben dem rechten Revolver einhakte und Gettys einen starren Blick zuwarf, der dessen Magen in einen Eisklumpen verwandelte.
Schwitzend und kriecherisch sprudelte Gettys hervor: »Wollte nur mal guten Tag sagen, Sir. Willkommen in unserem Bezirk. Ich bin Mr. Gettys. Ich führe den Laden an der Kreuzung und gebe unsere kleine Zeitung heraus, den >Weißen Blitz<.«
»Sie können Randall vertrauen«, sagte Woodville. »Er ist ein braver Bursche.«
»Ich nehme Sie beim Wort«, sagte der Fremde. Er gab Gettys die Hand, fand dessen Hand weich und feucht und wischte sich die Handfläche an seiner Hose ab. »Captain Jack Jolly. Übriggeblieben von General Forrests Kavalleriebataillon.«
Die beiden berittenen Männer trieben ihre Pferde auf die aufgehängten Ringe zu. Die Menge brüllte, doch Gettys hatte nur Augen für den Fremden. »General Nathan Bedford?«
»Forrest. Hören Sie schlecht, oder was?«
Gettys zuckte zurück und rang entschuldigend die Hände.
Captain Jolly, vierundzwanzig Jahre, aber offensichtlich zäh und erfahren, keckerte. »Dieser Teufel Forrest, wie die verfluchten Yankees ihn nannten. Ich habe für ihn Nigger bei Fort Pil-low umgebracht und bin den Rest des Krieges an seiner Seite geritten. Der beste Soldat der Konföderation, hat Joe Johnston gesagt. Er meinte, Forrest wäre die Nummer eins in der Armee geworden, wenn es ihm nicht an der formalen Ausbildung gefehlt hätte.«
Gettys geriet in höchste Erregung. »Haben Sie Verwandte in dieser Gegend, Captain Jolly?«
»Nein. Gibt nur meine Brüder und mich; wir treiben uns rum und schlagen Profit heraus, wo immer es möglich ist.« Er lä-chelte Woodville an, der zu Boden schaute. Auch der Farmer lächelte.
»Nun, das hier ist ein feiner Bezirk«, rief Gettys. »Eine Menge Möglichkeiten für Männer mit Mut und Prinzipien. Vielleicht trinken Sie nach dem Turnier einen Schluck in meinem Laden, da kann ich Ihnen mehr erzählen. Wir brauchen Leute von Ihrem Kaliber, die uns gegen die verdammten Soldaten und das verdammte Büro helfen und vor allem gegen die verdammten Niggerfreunde unter unseren eigenen Leuten, die sich auf deren Seite schlagen.«