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»Stürmisch, eh?« sinnierte Dills. »Ein reichlich dramatisches Wort.« Er dachte melodramatisch.

»Aber vollkommen angebracht«, sagte der Kongreßabgeordnete. »Schauen Sie sich nur mal die bereits in Aktion befindlichen Kräfte an.« Er zählte sie an den Fingern auf. »Sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat haben wir den gewählten Vertretern der Verräterstaaten die Sitze mit Erfolg verweigert. Die Befolgung der wenigen Forderungen des Präsidenten reicht als Wiedergutmachung für das Verbrechen der Rebellion nicht aus. Das reicht nicht annähernd aus. Zweitens haben wir das Vereinigte Komitee für den Wiederaufbau gegründet.«

»Das Komitee der Fünfzehn. Ein direkter Affront für Mr. Johnson. Doch sehen Sie es wirklich nur als einen radikalen Apparat? Die meisten der Mitglieder sind gemäßigt oder konservativ. Senator Fessenden, der Vorsitzende, ist weit davon entfernt, radikal zu sein.«

»Oh, kommen Sie, Jasper. Mit Thad Stevens und Sam Stout im Komitee, haben Sie da noch irgendwelche Zweifel an der Richtung? Um fortzufahren«, er kippte einen weiteren Finger nach unten weg, »Lyman Trumbull bringt gerade ein Senatsgesetz zur Verlängerung und Ausweitung des Büros für befreite Negersklaven ein. Wenn das den Präsidenten nicht provoziert, dann bin ich Marse Bob Lee.«

»Da gebe ich Ihnen recht«, sagte Dills nickend. Johnsons Opposition gegen das Büro - auf der Basis, daß es die Rechte der einzelnen Staaten beeinträchtigte - gehörte zu den großen ewigen Streitpunkten seiner Regierung. Durch einen Klienten, einen reichen politischen Mitläufer namens Stanley Hazard, war Dills mit dem Büro bestens vertraut. Dieser Mann war ein Angehöriger der Pennsylvania-Familie, zu der auch George Hazard gehörte, der zweite von Elkanah Bents erklärten Feinden. Stan-ley hatte Dills für juristische Geheimarbeiten engagiert, unter anderem dafür, das Eigentumsrecht an einigen höchst zweifelhaften Besitztümern abzuklären.

»Ein Freund von mir«, fuhr Dills fort, »der dem Büro nahesteht, erzählt, daß sie alle möglichen Horrorgeschichten aus dem Süden zu hören bekommen. Geschichten von Negern, die man mit Arbeitskontrakten hereinlegt, die in Wirklichkeit auf nichts anderes als auf Sklavenarbeit hinauslaufen.«

»Ja, genau«, sagte Wadsworth. »In Mississippi ist der Kodex für Schwarze in Kraft getreten. Neben anderen Dingen steht dort, daß ein Neger verhaftet, sogar geschlagen werden kann, wenn man ihn der Landstreicherei beschuldigt. Und wer bestimmt, was das ist? Wenn man den gleichen Gehsteig benutzt wie ein weißer Mann? Oder nur durch eine Stadt kommt? Da unten, Jasper, das sind Narren, arrogante Narren. Anscheinend hat der Krieg sie nichts gelehrt. Jetzt müssen wir im Kongreß ihren weiteren Unterricht übernehmen.«

»Johnson wird nicht aufhören, Widerstand zu leisten.«

»Selbstverständlich. Und wenn man auf ihn zu sprechen kommt, dann erhebt sich auch gleich die zentrale Frage, mit der alle anderen verbunden sind. Wo ruht die politische Staatsgewalt? Meiner Meinung nach nicht beim Präsidenten oder seiner Armee. Militärische Eroberungen der Vereinigten Staaten, ganz gleich, ob ausländischer oder inländischer Natur, können nur vom Kongreß geleitet und beaufsichtigt werden. Ich glaube das, Thad Stevens glaubt das, Ben Wade glaubt das. Und wir haben im Kongreß eine Dreiviertelmehrheit, um unsere Ansicht durchzusetzen. Falls es sein muß, auch über die Leiche von Mr. Johnsons politischer Zukunft«, schloß Wadsworth mit selbstzufriedenem Lächeln.

»Dann reicht vielleicht Ihre Bezeichnung >stürmisch< kaum aus. Sollen wir es Umsturz nennen?«

Wadsworth zuckte mit den Schultern. »Nennen Sie es, wie Sie wollen. Andrew Johnson steuert jedenfalls auf eine Katastrophe zu.«

Das Thema war erschöpft. Wadsworth erhob sich und warf einen Blick auf seine Taschenuhr. »Mein lieber Jasper«, sagte er trocken, »ich habe vorhin gerade den Aushang am Schwarzen Brett gelesen. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.«

Wadsworth brach auf; seine letzten Worte waren in diesem Jahr das einzige Geburtstagszeremoniell für Jasper Dills. Aber ganz egal, Dills war mit seinem Club, seinem Whisky und den Zahlungen von Bents Mutter zufrieden - und mit seinem Logenplatz für den anstehenden Kampf.

>Umsturz< mochte keine Übertreibung sein, dachte er. Wie Wadsworth gesagt hatte, man mußte nur die beteiligten Kräfte und die Einsätze berücksichtigen. Sie waren gewaltig. Nicht weniger als die Legislatur und die Stimmen der Südstaaten standen auf dem Spiel, was wiederum Kontrolle über Land und Reichtum des Südens bedeutete. Im Rahmen von Dills Arbeit für Stanley Hazard hatte ihm sein einfältiger Klient einige Zahlen gezeigt, die sehr deutlich illustrierten, wie üppig die Beute war.

Der zweite Drink beflügelte seine Phantasie; Dills versuchte, die Ereignisse vorauszusehen. Die Sache mit dem Büro für befreite Negersklaven konnte an den Rand eines neuen Bürgerkriegs führen, doch der arme Tölpel aus Tennessee würde von einem Stevens, einem Wade, einem Stout, einem Sumner ausmanövriert werden. Johnson wollte sich lediglich fair und der Verfassung entsprechend verhalten; die anderen wollten eine Minoritätspartei in eine Regierungspartei verwandeln, wobei die Neger die entscheidenden Stimmen lieferten. Johnson kämpfte, ebenso wie einige wenige der Radikalen, um Prinzipien. Doch die Radikalen als Gruppe kämpften um eine lohnendere Sache: Sie wollten ihr eigenes Verlangen nach Macht befriedigen.

Plötzlich murmelte Dills lächelnd: »Ein Zirkus. Das ist eine bessere Metapher als Wetter oder Krieg.« Sofort verfeinerte er es zu einem römischen Zirkus: Mr. Johnson, der Christ, umgeben von hungrigen Löwen.

Der Kongreß legte ein Gesetz vor; der Präsident verweigerte die Zustimmung, setzt dann aber durch Proklamation soviel davon in Kraft, wie ihm gerade zusagt ... Niemals ist die legislative Autorität des Volkes schlimmer verletzt worden ... Die Autorität des Kongresses steht an oberster Stelle und muß respektiert werden.

Aus dem Wade-Davis-Manifest.

August 1864

19

Die Stimme drang bis in die entferntesten Ecken des Kongreßsaals, bis zu den Sitzen auf der überfüllten Galerie, einschließlich Virgilia Hazards Sitz in der vordersten Reihe. Es war der Morgen des 8. Januars 1866.

Virgilia hatte dem Sprecher schon oft zugehört, doch auch jetzt noch brachte er es fertig, daß ihr ein Schauer über den Rücken lief. Jene, die den Kongreßabgeordneten Sam Stout, Republikaner aus Indiana, zum erstenmal hörten, wunderten sich stets, daß eine so wunderbare Stimme aus einem so unansehnlichen Körper kommen konnte.

Der Abgeordnete Stout war Virgilias Geliebter. Eine Zeitlang hatte er sie in einem Vier-Zimmer-Häuschen in der Thirteenth Street untergebracht. Er weigerte sich, mehr für sie zu tun, weigerte sich, sich in der Öffentlichkeit mit ihr sehen zu lassen, weil er mit einer flachbrüstigen Schlampe namens Emily verheiratet war und weil er von einem gewaltigen Ehrgeiz besessen war. Heute morgen befand er sich an der Schwelle zu einem großen Sprung nach oben. Seine Rede zielte darauf ab, jeden Zweifel an seinen Qualifikationen zu zerstreuen.

Während der ersten zehn Minuten hatte er die vertrauten radikalen Positionen wiederholt. Es war ein Faktum, daß der Süden abgefallen war, und Lincoln hatte sich getäuscht, als er diesen Akt als verfassungsgemäße Unmöglichkeit bezeichnete. Durch den Abfall hatten die konföderierten Staaten Selbstmord begangen< und unterlagen nun den Bestimmungen, die für >eroberte Provinzen< galten. Virgilia kannte dieses Argument und die Schlüsselphrasen auswendig.

Die geballten Fäuste auf das Podium gestemmt, so strebte Stout dem Höhepunkt seiner Rede entgegen. »Eine philosophische Kluft trennt diese beratende Versammlung vom Präsidenten. Diese Kluft ist so breit und tief, daß man sie nicht überbrücken kann, ja vielleicht gar nicht soll. Die Ansichten unseres Gegners, was die Verfassung und die damit verbundenen Prozesse anbelangt, drücken all das aus, was wir schärfstens zurückweisen - vor allem Nachsicht genau jenen Leuten gegenüber, die um ein Haar diese Republik zerstört hätten.«