An der Stelle erwartete er eine Reaktion und bekam sie auch. Mehrere Senatoren klatschten.
»Ich habe eine Vision für diese Nation«, sagte er, nachdem der Beifall abgeflaut war. »Eine Vision, die, wie ich fürchte, der Präsident nicht teilt. In dieser Vision sehe ich ein starrsinniges, arrogantes Volk gedemütigt und entmachtet, ich sehe, wie diese korrupte Gesellschaft gestürzt wird, während ein anderes Volk, eine ganze Rasse, von erzwungener Ungleichheit zu einer neuen, rechtmäßigen Position der vollen Bürgerschaft erhoben wird. Es ist eine Vision, die unter Führung dieses Kongresses erfüllt werden wird und muß; jede Gruppe oder jedes Individuum, das dagegen zu opponieren wagt, soll mit Schimpf und Schande bedeckt werden. Der Fehdehandschuh ist hingeworfen worden. Gott segne und fördere den edlen Kreuzzug dieses Kongresses. Er wird uns sicher den Sieg schenken. Ich danke Ihnen.«
Virgilia klatschte stehend Beifall. Die Rede hatte nicht nur ihr Herz erwärmt; sie konnte es kaum erwarten, mit Sam zu sprechen und ihn zu loben. Seit er ihr letzten Samstag den Entwurf vorgelesen hatte, war die offene Feindseligkeit gegen Johnson noch deutlicher zum Ausdruck gekommen. Sie klatschte so heftig, daß ihre Hände schmerzten.
Georges Schwester war mittlerweile einundvierzig; sie besaß die weibliche, vollbusige Figur, die von der Mehrheit der Männer als Idealfigur angesehen wurde. Der monatliche Unterhalt von ihrem Liebhaber versetzte sie in die Lage, sich gut zu kleiden. Sie hatte es gelernt, sich so zu schminken, daß die Gesichtsnarben, die von einer Pockenerkrankung aus ihrer Kindheit zurückgeblieben waren, kaum noch zu sehen waren.
Eine Woge von Bewunderern drohte Stout zu überschwemmen. Während sie ihn beobachtete, überkam Virgilia eine vertraute Sehnsucht. Sie liebte Sam und hegte immer noch den Wunsch, ihn zu heiraten und ihm Kinder zu schenken, auch wenn ihr Alter und sein Ehrgeiz diesen Traum zur Aussichtslosigkeit verurteilten. Schlimmer noch, in letzter Zeit hatte sie einigen Klatsch gehört, daß er mit einer anderen Frau gesehen worden war. Sie versuchte, die Existenz dieses Gerüchts zu leugnen, indem sie ihn nicht zur Rede stellte. Ein ziemlich mißglückter Versuch.
Der Sprecher schlug mit dem Hammer zu und verkündete eine Unterbrechung. Virgilia kämpfte sich nach unten, wo sie einige begeisterte Worte mit Senator Sumner austauschte. »Brillant«, erklärte er. »Trifft genau ins Schwarze.« Wie üblich verbot sein Tonfall jede abweichende Meinung.
Stout kam durch die Tür, die Kollegen hinter ihm, während sich vor ihm Journalisten und Gratulanten drängten. Virgilia wollte mit den anderen zusammen auf ihn zustürzen, hielt aber plötzlich mit hämmerndem Herzen inne. Stouts Blick hatte sich kurz mit dem ihren getroffen und war dann ohne jedes Erkennen abgeglitten. Sie preßte ihre behandschuhten Hände zusammen und sah zu, wie ihr Geliebter in der Menge untertauchte.
Eine Stimme erschreckte sie. »War das nicht eine Alarmglocke, Virgilia? War das nicht ein Aufruf zum Krieg?«
Sie wandte sich um, mühte sich ein Lächeln ab. »Und ob es das war, Thad. Wie geht's dir?«
»Viel besser, seit ich Sams Rede gehört habe. Die Spaltung zwischen Kongreß und Präsident liegt jetzt offen zutage. Johnson wird bald auf der Flucht sein.«
Virgilia hatte Thad Stevens bei einem Treffen im Frühjahr kennengelernt. Er kannte ihre Familie, und sie hatten gemeinsame Ideale. Bald schon war er ihr Vertrauter geworden; er war der einzige Mensch, dem sie von ihrer Beziehung zu Stout und ihrem früheren Verhältnis zu Grady, einem entsprungenen Sklaven, erzählt hatte. Stevens hatte aufgrund seiner Prinzipien und seiner großen Zuneigung zu Lydia Smith, seiner Mulattenhaushälterin, großes Verständnis dafür.
Er führte sie nach draußen in den kühlen, blassen Sonnenschein. Am anderen Ende der schlammigen Promenade erhob sich das unfertige Monument von George Washington. Stevens sagte: »Es ist weise von Gouverneur Morton, daß er Sam diesen Posten anvertraut.«
Freude belebte Virgilias Gesicht. »Du meinst, es ist endgültig?«
»Heute abend wird es das sein. Sam muß das Komitee der Fünfzehn verlassen, weil wir neun Kongreßmitglieder brauchen, aber er wird unsere Arbeit weiterhin aus dem Hintergrund leiten.«
»Ich kann es kaum erwarten, ihm zu gratulieren.« Stout hatte versprochen, heute abend mit ihr zu essen.
»Ja, nun«, Stevens hüstelte; in seinen Augen lag eine merkwürdige Verlegenheit. »Es wäre klug, von Sam in der nächsten Zeit nicht zuviel zu erwarten. Die Einzelheiten der neuen Berufung werden ihn vollkommen beanspruchen.«
Virgilia hörte die Warnung, war aber zu aufgeregt und ihrem Geliebten zu innig verbunden, um ernsthaft darauf zu achten.
Bei Kriegsausbruch hatte sich Virgilia, emotionell erschöpft, treiben lassen. Der Kummer über ihren Verlust, verbunden mit zwanzig Jahren der Aktivität für die Abolitionistenbewegung, hatte sie ausgehöhlt.
Kurz nach Beginn des Krieges war Virgilia in das Schwesterncorps der Union eingetreten. In einem Feldhospital hatte sie, getrieben von ihrem Wunsch nach Rache für Grady, einen verwundeten konföderierten Soldaten verbluten lassen. Nur Sam Stouts verdeckte Intervention hatte ihr einen fast sicheren Gefängnisaufenthalt erspart. Danach waren sie ein Liebespaar geworden.
Zur damaligen Zeit hatte Virgilia geglaubt, daß ihre Handlungsweise gerechtfertigt sei. Sie hatte sich selbst als Soldat im Krieg gesehen, nicht als Mörderin. Erschöpft von Reue und dem stärker werdenden Wunsch, die Tat ungeschehen machen zu können, hatte sie in letzter Zeit zu einem neuen Idealismus gefunden; ein Idealismus, gereinigt durch die Schuld, mit der sie den Rest ihres Lebens verbringen mußte.
Sie verachtete ihren Bruder George nicht länger wegen seiner Freundschaft zu Orry Main, auch nicht ihren Bruder Billy, weil er Brett geheiratet hatte. Sie hegte nicht mehr den Wunsch, den Süden zu strafen, so wie es Sam und andere Republikaner wollten. Es wäre schon Strafe genug, wenn einige der republikanischen Schlüsselgrundsätze Gesetz würden. Das ließ sich am sogenannten Schwarzen Kodex ablesen, den einige Staaten in Kraft gesetzt hatten, um die Arbeit des Büros für befreite Negersklaven zu durchkreuzen.
Über all das dachte Virgilia nach, während sie auf dem Eisenofen in ihrem kleinen Häuschen eine Sauce anrührte. Bei Anbruch der Dämmerung hatte ein feiner, kalter Regen eingesetzt, gerade als ihre Uhr auf dem Kaminsims halb sechs geschlagen hatte. Nun schlug sie halb sieben. Immer noch kein Zeichen von .
Moment. Durch den klatschenden Regen hindurch hörte sie das Knirschen von Rädern und das Geräusch von Pferdehufen im Schlamm. Sie rannte zur Hintertür, schob den Vorhang beiseite und beobachtete, wie Sams überdachter Buggy in den kleinen Schuppen hinter dem Haus fuhr, sicher vor jeder Entdeckung von der Thirteenth Street aus. Einen Moment später kam der Kongreßmann auf das Haus zu. Virgilias Lächeln verblaßte. Er hatte das Pferd nicht ausgespannt.
Sie öffnete die Tür, während er nach seinem Schlüssel suchte. »Komm rein, Liebling. Gib mir deinen Hut. Was für eine scheußliche Nacht.«
Er trat ein, ohne sie anzuschauen. Sie schloß die Tür und schüttelte das Wasser von der Krempe seines Hutes. »Zieh deinen Umhang aus. Das Essen ist fertig in ...«
»Ist egal«, sagte er, immer noch ihrem Blick ausweichend. Er ging durch das kleine Speisezimmer nach vorn. Auf dem polierten Fußboden blieb eine nasse Spur zurück. »Ich habe eine dringende Verabredung mit Ben Butler.«
»Heute abend? Was kann denn so dringend sein?«
Seine Verärgerung zeigte sich, als er sich die Hände am Kamin im Wohnzimmer wärmte. »Meine neuen Verantwortlichkeiten.« Er drehte sich um, als sie sich ihm näherte; was sie in seinen dunklen Augen sah, ließ sie innehalten - genauer gesagt das, was sie nicht sah.