»Da Senator Ivey aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes seine Amtszeit nicht ableisten kann«, sagte Stout, »hat Gouverneur Morton meine Ernennung als Ersatz für Ivey verkündet. In zwei Jahren werde ich um meine Nominierung für eine volle Amtsperiode nachsuchen. In der Zwischenzeit werde ich in der Lage sein, unser Programm durchzusetzen und diesen verdammten Schneider aus Tennessee zu Fall zu bringen.«
Sie packte ihn an den Schultern und rief: »Senator Stout! Thad deutete es schon an. Oh, Sam, ich bin so stolz auf dich.«
»Es ist eine sehr große Ehre. Und eine große Verantwortung.«
Virgilia preßte sich gegen ihn, genoß den Druck seines festen Körpers gegen ihre Brüste. Als sie die Arme um seine Taille schlang, spürte sie, wie er zurückwich.
Die wunderbare Stimme senkte sich. »Das verlangt natürlich nach gewissen Änderungen in meinem Leben.«
Langsam zog sie ihre Hände zurück. »Was für Änderungen?« Er räusperte sich und beobachtete das Feuer. »Hab wenigstens den Mut, mich dabei anzusehen, Sam.«
Er tat es; im Widerschein des Feuers sah sie seinen aufsteigenden Zorn. »Eine Beendigung dieser Treffen, zum Beispiel. Die Leute haben Wind davon bekommen, frag mich nicht, wie. Wahrscheinlich war es unvermeidlich. Klatsch ist Wasser auf die Mühlen dieser Stadt. Hier kann man nicht mal Zahnschmerzen für sich behalten. Wie auch immer, wenn man über den Senat hinaus auf ein höheres Amt abzielt - eine Ambition, die ich, wie du dich erinnern wirst, niemals verborgen habe ...«
In das Schweigen hinein flüsterte Virgilia: »Nur zu, Sam. Sprich weiter.«
»Um dieser Zukunft willen muß ich die öffentliche Seite meines Lebens mehr herausstellen. Ich muß mich öfter mit Emily sehen lassen, so abscheulich das auch sein mag.«
»Ist es Emily?« unterbrach ihn Virgilia. »Oder jemand anderes? Auch ich habe Gerüchte gehört.«
»Diese Bemerkung ist deiner unwürdig.«
»Vielleicht. Ich kann es nicht ändern.«
»Ich habe es nicht nötig, dir gegenüber Erklärungen über mich oder meine Handlungen abzugeben. Das war Teil unserer Vereinbarung. Deshalb ziehe ich es vor, deine Frage nicht zu beantworten.«
Sie hörte das Geräusch des auf dem Eisenofen verbrutzelnden Schmorfleisches. Sie roch das verbrannte Fleisch und achtete nicht darauf. Stout reihte seine kurzen, kalten Worte aneinander.
»Diese Art von Reaktion habe ich fast von dir erwartet. Deshalb beschloß ich, die Trennung so kurz wie möglich zu gestalten. Ich werde den Gegenwert von sechs Monaten Unterhalt auf dein Konto überweisen. Danach wirst du selbst für dich sorgen müssen.«
Er ging davon. Einen Augenblick später riß sie sich selbst aus ihrer Erstarrung. »Und so endet es? Ein paar Worte und Schluß?«
Er ging weiter, durch den Rauch des verkohlenden Fleisches hindurch. Virgilias Finger zerrten an ihrem Haar, lösten Nadeln. Die Haare fielen ihr über die linke Schulter. Sie bemerkte es nicht.
»So behandelst du also jemand, der dir geholfen und dich beraten hat, Sam? Jemand, der sich um dich sorgte?«
Mit dem Hut in der Hand drehte er sich an der Hintertür noch einmal um. In seinen Augen sah sie offene Feindseligkeit.
»Ich bin jetzt Senator der Vereinigten Staaten. Andere Leute haben größeren Anspruch auf mich.«
»Wer? Diese Varieté-Hure, von der die Leute reden? Gehst du jetzt dorthin, zu dieser Miss Canary? Sag's mir, Sam.« Kreischend rannte sie auf ihn zu. Ihre Fäuste flogen nach oben. Stout erwischte ihre Handgelenke und zwang ihre Arme nach unten.
»Du schreist laut genug, daß man dich noch bei Willard hören kann. Ich kenne die Person nicht, von der du sprichst.« Sie verzog höhnisch das Gesicht; die Lüge stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. »Und obwohl es dich nichts angeht, ich verbringe den Abend, wie ich dir sagte, mit Butler und einigen anderen Gentlemen. Es geht darum, wie wir Mr. Johnson außer Gefecht setzen können.«
Er riß die Tür auf. Der Regen war jetzt so stark, daß man den Schuppen hinten im Hof fast nicht mehr sehen konnte. »Und jetzt, Virgilia, läßt du mich vielleicht gehen, nachdem ich dir ausreichende Erklärungen geliefert habe. Ich wollte nicht auf diese Weise gehen. Unseligerweise hast du mich dazu gezwungen.« Er drückte sich den Hut auf den Kopf und marschierte die Stufen hinab.
»Sam«, schrie sie, und noch einmaclass="underline" »Sam!«, als er den Buggy bereits die Straße neben dem Haus entlangrattern ließ. Der Buggy bog nach rechts ab und war verschwunden.
»Sam ...« Das Wort löste sich in einem Schluchzer auf. Sie warf beide Arme um den Verandapfosten, umarmte ihn, als wäre er ein lebendes Wesen.
Frühzeitig am nächsten Nachmittag erkundigte sich Virgilia bei ihrer Bank nach ihrem Kontostand. Er hatte sich genau um den Betrag von sechs Monatszahlungen erhöht.
Wie betäubt ging sie wieder hinaus in die kalte Wintersonne und lief, mit der Bürde der Gewißheit belastet, den ganzen Weg zu Fuß nach Hause. Sie hatte Senator Samuel G. Stout, Republikaner aus Indiana, zum letztenmal gesehen - außer natürlich, sie schloß sich der allgemeinen Menge an, wenn er sprach, und hörte ihm zu, wie jeder andere Bürger auch.
MADELINES JOURNAL
Februar 1866. Heute ein weiteres Paket mit alten >Couriers<. Das ist Judiths Freundlichkeit - und meine einzige Verbindung zur Welt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht gern auch darauf verzichten würde, so schlecht sind die Nachrichten - nichts als Streit und Bosheit, selbst im höchsten Amt im Land. Vor einigen Abenden brachte eine Menschenmenge vor dem Weißen Haus ein Ständchen dar. Mr. Johnson ging hinaus, um ihnen zu danken, und hielt ganz impulsiv eine freie Rede, ein gefährliches Unterfangen für ihn. Er nannte Stevens, Sumner und den Abolitionisten Wendell
Phillips seine verschworenen Feinde. Kann derartige Unbesonnenheit etwas anderes als neue Feindseligkeit erzeugen?
März 1866. Immer noch viel Unruhe im Bezirk; und Menschenmassen auf den Straßen, vor allem am ersten Montag im Monat, der zum >Verkaufstag< geworden ist, an dem beschlagnahmtes Land unter den Hammer kommt, und zum >Verlosungstag<, an dem befreite Neger nach Charleston und anderen Städten fahren, in der Hoffnung das Büro werde Kleidung, Schuhe und Maisrationen verteilen. Sie kehren mit leeren Händen zurück, wenn der leitende Beamte zu wenig Vorräte hat oder die Menge für zu groß oder >un-wert< erachtet.
Die Menge setzt sich aus Armen, Alten, Verkrüppelten und Frauen ohne Männer, aber mit Kindern zusammen, jedoch auch aus Weißen, zu wertlos oder zu faul, um sich durch ehrliche Arbeit zu ernähren. Wir haben auch solche Leute im Bezirk, ein jämmerlicher Haufen namens Jolly. Ich habe ein paarmal ihre zerfetzten Zelte und ihre Lagerfeuer in den Wäldern nahe Summerton gesehen, als mich die verzweifelte Notwendigkeit zu Gettys Laden getrieben hat...
Captain Jolly und seine Familie ließen sich in einem Eichenhain nahe dem Dixie-Laden nieder. Die Familie bestand aus ihrem Patriarchen, dem jungen Jack, und seinen beiden verheirateten Brüdern, zwanzig und einundzwanzig Jahre alt, aber bereits mit viel Erfahrung, wie man ohne Arbeit überleben konnte. Die Frau des Älteren war eine Hure aus Macon; die Frau des Jüngeren, fünfzehn Jahre älter als ihr Mann, stammte aus Böhmen, verstand kein Englisch und hatte Arme wie ein Kohlenarbeiter. Drei dreckverkrustete Kinder lebten bei den Jollys - keiner der Erwachsenen wußte genau, wer der Vater welchen Kindes war -, und mehrere wilde Hunde trieben sich bei ihrem mit Abfall übersäten Camp herum.
Die Decken für ihre Zelte hatten sie mit gezogenem Revolver aus den Heimen befreiter Negersklaven geholt. Außerdem besaßen sie ein Muli und einen Karren, beides auf die gleiche Art erworben. Vorräte holten sie sich einfach aus Gettys Laden.