Egal, dachte Stout, seinen Ärger hinunterschluckend. Er und Stevens und der Kern der republikanischen Idealisten im Kongreß waren sehr zufrieden mit den Zeugenaussagen, die vor dem Komitee gemacht worden waren. Aus einem Staat nach dem anderen waren die Zeugen - Schwarze und Beamte des Büros - aufmarschiert und hatten von körperlichen und rechtlichen Mißhandlungen befreiter Neger berichtet, während der Präsident weiterhin darauf beharrte, daß der Kongreß nicht das Recht zur Intervention besitze.
Doch der Schneider aus Tennessee lieferte Rückzugsgefechte, während die Sache der Republikaner durch Vorfälle wie den Aufruhr in Memphis Auftrieb erhielt. Außerdem hatte man bereits gegen einen möglichen Gerichtshofentscheid vorgesorgt, der die Bürgerrechtsresolution für nicht verfassungsgemäß erklären könnte, indem man einen vierzehnten Zusatz zur Verfassung vorbereitete, der die wesentlichen Garantien dieses Gesetzes rechtmäßig machen würde: Vollbürgschaft für alle Schwarzen und die Verweigerung der offiziellen Anerkennung eines jeden Staates, der berechtigten Männern über einundzwanzig das Wahlrecht vorenthielt.
Der ältere Zeuge hatte erneut die Fassung verloren. Er schluchzte in seine Hände, trotz Munros Bemühungen, ihn zu beruhigen. Stevens verließ den Tisch. Stout erhob sich. Er und Stevens tauschten einen Blick aus, als letzterer hinüberging und dem Zeugen mitfühlend eine Hand auf die Schulter legte.
Senator Johnson ließ sich deutlich anmerken, daß er Stevens Benehmen mißbilligte. Reporter im Hintergrund des Sitzungssaals kritzelten schnell mit. Gut, dachte Stout, während er auf die Tür zueilte. In den ihnen freundlich gesinnten Zeitungen würden sie morgen lesen können, daß Stevens und damit alle Republikaner den Kampf zur Unterstützung der Unterdrückten fortsetzen sollten.
Juli 1866. Weitere Aufstände. Diesmal in New Orleans. Der Courier behauptet, mindestens 200 Tote.
Andrew J. legte sein Veto gegen Gesetzesvorlage ein, das Büro für befreite Negersklaven fortzuführen. Es heißt, das Veto werde sich nicht halten können, und so wird J. nach Mitteln und Wegen suchen, um zurückzuschlagen.
... Er hat was gefunden. J. wies den vierzehnten Verfassungszusatz zurück und drängte unseren Staat und die gesamten Südstaaten, ihn nicht zu ratifizieren. Tennessee hat ihn daraufhin sofort ratifiziert, und Gouv. Brownlow - der >Pastor< - ließ in Washington ausrichten: »Meine besten Empfehlungen dem toten Hund im Weißen Haus.«
Was kommt nun?
ERMORDUNG EINES NEGERS DURCH GEN. FORREST
In einem Bericht aus Sunflower County, Miss., heißt es, ein auf der Plantage von Gen. forrest beschäftigter Neger habe gestern seine kranke Frau geschlagen und sei daraufhin von forrest zurechtgewiesen worden. Der Neger zog ein Messer und versuchte forrest zu töten, der nach einer Verwundung an der Hand eine Axt ergriff und den Neger umbrachte. Gen. forrest stellte sich anschließend dem Sheriff. Die Neger auf der Plantage rechtfertigen den Mord.
20
Holzfuß bereicherte die Winterbilanz um ein weiteres Bild: die Jackson Trading Company im Inneren eines Tipis unter einem winzigen Büffelhut; davor malte er zwei Beile schwingende Strichmännchen, dazu ein drittes, das mit beiden Hän-den seine Lendengegend bedeckte. Wann immer Boy diesen Teil des Bildes betrachtete, legte er nach Art der Indianer die Hände vor den Mund und kicherte.
Als der Schnee zu schmelzen begann, ritt ein weißer Besucher in das Cheyenne-Dorf, in dem die Händler überwintert hatten. Er wurde mit Rufen und breitem Lächeln begrüßt. Mütter hoben ihre Babys hoch, damit sie den unter dem Büffelfell sichtbaren schwarzen Rock berühren konnten. Holzfuß stellte Charles dem verwitterten, grauhaarigen Jesuitenmissionar vor.
Pater Pierre-Jean DeSmet war jetzt fünfundsechzig, eine legendäre Gestalt. In Belgien geboren, war er als junger Mann nach Amerika emigriert. 1823 verließ er das katholische Novizenhaus in der Nähe von St. Louis und begann seine bemerkenswerte Karriere in der Wildnis. Er bekehrte die Indianer nicht nur, er wurde auch ihr Anhänger. Einige seiner Reisen führten ihn bis ins Willamette Valley. Für die Sioux, die Schwarzfußindianer, die Cheyenne und andere Stämme war er >Schwarzkittel<, ein Beichtvater, ein Vermittler, ein Fürsprecher in den Ratsversammlungen des weißen Mannes, ein Freund.
Am abendlichen Lagerfeuer zeigte DeSmet viel Humor und ein umfassendes Wissen, was Indianerangelegenheiten betraf. Es gab keinen Zweifel, wem seine Loyalität gehörte:
»Mr. Main, ich sage Ihnen, wenn die Indianer sich gegen die Weißen versündigen, dann nur, weil die Weißen sich in großem Ausmaß an ihnen versündigt haben. Wenn sie zornig werden, dann nur, weil die Weißen sie provoziert haben. Eine andere Erklärung akzeptiere ich nicht. Erst wenn Washington seine grausame Politik aufgibt, wird in den Prärien Frieden einkehren.«
»Wie stehen die Chancen, daß es so kommen wird, Pater?«
»Jämmerlich«, sagte DeSmet. »Gier ist oft stärker als ein göttlicher Impuls. Aber das entmutigt mich nicht. Ich werde nach einem friedvollen Königreich streben, bis Gott mich zu sich ruft.«
Der größte Teil des Verkehrs westlich des Missouri spielte sich auf drei Straßen ab. Der alte Overland Trail nach Oregon folgte dem Platte-Tal; eine neuere Verbindung, der Bozeman's Trail, zweigte hier zu den Goldfeldern von Montana ab. Der Santa Fe Trail verlief in südöstlicher Richtung nach New Mexico. Zwischen der nördlichen und der südlichen Route führte die Smo-ky Hill Road am Fluß entlang in allgemein westlicher Richtung zu den Colorado-Minen.
Im Mai 1866 traf die Jackson Trading Company, immer noch dreißig Meilen südlich von Smoky Hill, auf einen anderen Weißen. Der Mann fuhr einen Planwagen, hatte das Haar geflochten und vorn so geschnitten und eingefettet, daß es in Borsten nach oben stand. Er war fett, mit einem Gesicht, das Charles an einen Weihnachtsmann erinnerte, der gerade von einer wochenlangen Sauftour zurückgekommen war. Er begrüßte die Händler herzlich und lud sie ein, die Nacht in seinem Camp zu verbringen.
»Nein, danke. Wir sind in Eile, Glyn«, sagte Holzfuß, ohne zu lächeln. Er gab seinen Gefährten ein Zeichen, weiterzureiten. Als sie an dem Wagen vorbei waren, blickte Charles über die Schulter zurück und sah zu seiner Verblüffung hinten aus dem Wagen ein Indianermädchen gucken, vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Er hatte den flüchtigen Eindruck eines ehemals hübschen Mädchens, dessen Schönheit durch zuviel Essen zerstört worden war; jetzt besaß sie die zahlreichen Kinne einer Frau in mittleren Jahren.
»War ja deutlich zu sehen, daß du den Mann nicht magst«, sagte Charles. »Konkurrenz, was?«
»Nicht für uns. Er handelt mit Schnaps und Waffen. Heißt Septimus Glyn. Hat mal eine Zeitlang für die Upper Arkansas Agency gearbeitet. Selbst die Indianeragentur konnte ihn nicht ertragen. Er schleicht sich rum und verkauft lauter verbotene Sachen. Jede Saison sucht er sich ein junges Mädel raus, verspricht ihr den Himmel auf Erden, gibt ihr Alkohol, bis sie sich daran gewöhnt hat, dann nimmt er sie mit. Wenn sie nur noch zum Huren taugt, verkauft er sie.«
»Ich habe ein Mädchen in dem Wagen gesehen.«
»Wundert mich nicht.« Angeekelt beschloß Holzfuß, sich gar nicht erst umzudrehen. »Muß eine Crow sein. Er hat sich die Haare im Crow-Stil geschnitten. Sie sind ein gutaussehendes Volk, aber bevor er mit ihr fertig ist, hat er sie längst ruiniert, dieser elende Hurentreiber.«
Charles sah zu, wie der Wagen hinter einem Hügelkamm verschwand, und war froh, daß er nicht gezwungen war, mit Septimus Glyn nähere Bekanntschaft zu schließen. Wenn er Willa Parker wiedersah, mußte er ihr erzählen, daß nicht alle Weißen die Indianer ausbeuteten. Jackson tat es nicht, ebensowenig wie der Jesuitenpater. Er hoffte, daß diese kleine Information sie erfreuen würde. Er selbst wurde ihr gern eine Freude machen.