Mit ihren sechsundvierzig Ponys erreichten sie die Smoky Hill Route; sie hatten sämtliche Waren verkauft. Holzfuß sagte wiederholt, sein neuer Partner habe ihm Glück gebracht.
Südlich von Smoky Hill hatten sie bis auf Glyn keinen Weißen mehr zu Gesicht bekommen. Auf dem Trail jedoch mußten sie sich durch eine Flut von Kavallerietruppen, Überlandkutschen und Auswandererwagen nach Osten durchkämpfen. Ein Zug von Wagen, die zu zweit und zu dritt nebeneinanderher fuhren, ließ ihnen keinen Spielraum, und so mußten die Händler staubschluckend ihre Packmulis und ihre Ponys zwischen den Wagen hindurchtreiben. Zweimal hätten Ochsen Fen um ein Haar niedergetrampelt. Zwei wertvolle Ponys rannten davon.
Die Händler stoppten, nachdem sie zwischen den Wagen durch waren. Sie sahen aus, als hätten sie ihre Gesichter in gelbes Mehl getaucht. Der verkrustete Staub ließ ihre Augen um so größer und weißer erscheinen.
»Ich schwör's bei Gott, Charlie, so früh in der Saison habe ich noch nie so viele Greenhorn-Wagen gesehen.«
»Und die Wagenzüge werden die Sioux und die Cheyenne verrückt machen, nicht wahr?«
»Da hast du recht«, sagte Holzfuß.
Charles beobachtete, wie die Planen gen Westen schwankten. »Ich hatte ein merkwürdiges Gefühl, als diese Wagen uns keinen Platz machten. Ganz plötzlich begriff ich, wie sich die Indianer fühlen.«
Dreißig Meilen außerhalb von Fort Riley, Kansas, sahen sie die ersten Markierungen für die Route der im Bau befindlichen Eisenbahn. Ein paar Meilen weiter kamen sie an Stapeln von Telegraphenstangen vorbei, die darauf warteten, eingegraben zu werden. Ein Stapel bestand nur noch aus Asche und verkohltem Holz. »Die Stämme mögen den sprechenden Draht ungefähr genauso gern wie die Siedler«, bemerkte Holzfuß.
Sie ritten weiter. Das Leben in der freien Natur hatte Charles wieder gegerbt und zäh gemacht; er fühlte sich gut in Form und in Einklang mit seiner Umgebung. Das ausgebrannte, leere Gefühl in seinem Inneren machte allmählich neuerwachter Energie und Lebenslust Platz. Wenn er noch nicht geheilt war, so hatte die Heilung doch schon begonnen.
Der Morgen war warm. Er zog seinen Zigeunermantel aus, rollte sich die Ärmel hoch und zündete sich eine Zigarre an.
Acht weitere Fahrzeuge näherten sich ihnen; es waren planenbedeckte US-Ambulanzen mit hohen Rädern, jeweils von zwei Pferden gezogen. Berittene Soldaten bildeten einen Verteidigungsring um die Wagen.
»Was zum Teufel ist das?« sagte Holzfuß.
Sie trieben ihre Maultiere und Ponys im Kreis zusammen und warteten. Die Ambulanzen stoppten. Ein Colonel sprang ab und begrüßte sie. Ein zweiter Offizier sprang aus dem führenden Wagen, ein sehniger Kerl mit einem scharfgeschnittenen Gesicht und borstigen roten, mit Grau vermischten Haaren. Sein Gesicht überraschte Charles mehr als seine drei Sterne.
»Morgen«, sagte der General. »Wo kommen die Gentlemen her?«
»Aus dem Indianerterritorium«, sagte Holzfuß.
»Wir haben bei den Cheyenne überwintert«, sagte Charles.
»Ich bin auf Inspektionstour. In was für einer Stimmung sind sie?«
»Nun«, sagte Holzfuß vorsichtig, »wenn man berücksichtigt, daß kein Häuptling oder Repräsentant des Dorfes für alle sprechen kann, dann würde ich sagen, die Stimmung des Stammes ist schwankend. Schwarzer Kessel, der Friedenshäuptling, hat uns erzählt, daß er nicht weiß, wie lange er seine jungen Männer noch zurückhalten kann.«
»Oh, tatsächlich?« sagte der General auffahrend. »Dann rede ich besser mit dieser Rothaut. Wenn hier draußen noch ein einziger Weißer skalpiert wird, dann kann ich meine Männer auch nicht mehr zurückhalten.«
Danach beruhigte er sich wieder. Charles paffte seine Zigarre. Der General warf ihm einen scharfen Blick zu. »Habe ich da einen Hauch von Südstaatenakzent entdeckt, Sir?«
»Mehr als nur einen Hauch, General. Ich bin für Wade Hampton geritten.«
»Ein tüchtiger Soldat. Sie mögen Zigarren, Sir.« Charles nickte. »Ich ebenfalls. Rauchen Sie eine von meinen, während wir kochen.«
»Nein, danke, General. Ich kann's kaum erwarten, weiter nach Osten zu kommen und meinen Sohn zu besuchen.«
»Dann gute Reise.« Der sehnige Offizier salutierte lässig; er und der Colonel sprangen wieder auf die Wagen.
Kaum hatten sich die Pferde in Bewegung gesetzt, da sagte Holzfuß: »Du kennst den General?«
»Sicher. Das heißt, ich habe Bilder gesehen. Seine Landstreicher haben ein ganz schönes Stück meines Heimatstaates niedergebrannt.«
»Guter Gott, du willst doch nicht sagen, das war Uncle Billy Sherman?«
»Und ob ich das will. Möchte mal wissen, was der hier draußen verloren hat.«
In Riley erhielten sie darauf eine Antwort. Seit dem Zeitpunkt, als Charles durch Chicago gekommen war, hatte Sherman die Mississippi-Division kommandiert. Er hatte sein Hauptquartier nach St. Louis verlegt und im März dann Grant überredet, ein Platte-Departement zu schaffen, um das sperrige Missouri-Departement zu begrenzen und so für beide innerhalb der Division eine bessere Verwaltung zu schaffen. Das mißfiel allerdings John Pope, dem Kommandeur des Missouri-Departements.
Zu den reinen Fakten gab es natürlich die unvermeidlichen Gerüchte. Die größere Verwaltungseinheit würde bald in Missouri-Division umbenannt werden. Sherman hielt den Kommandeur des Platte-Departements, St. George Cooke, mit seinen sechsundfünfzig Jahren für zu alt. Er wünschte, daß Pope durch Winfield Hancock, >Superb< Hancock von Gettysburg, ersetzt wurde. Er wünschte, daß der Kongreß neue Infanterie- und Kavallerieregimenter genehmigte und sie in die westlichen Prärien abkommandierte, auch wenn sie zur Unterstützung der diesjährigen Wagenzüge zu spät kommen würden.
Charles gelangte zu dem Schluß, daß Sherman feste, hauptsächlich negative Ansichten über die Indianer hegte, jedoch in die sie betreffende Politik nicht verwickelt werden wollte. Sheriffs der Nation<, das war Shermans Definition der Rolle der Armee. Pope war da schon emsiger. Er hatte darauf bestanden, daß sich die Auswandererzüge organisierten, bevor sie solche Ausgangspunkte wie beispielsweise Leavenworth verließen. Andernfalls, sagte er, lehnten seine Regimenter jede Verantwortung ab.
Beim Marketender nahm Charles einen Brief von Duncan in Empfang. »Was denn, er ist ja jetzt viel näher als bei meiner Abreise. Sie haben ihn im Januar nach Fort Leavenworth versetzt. Beeilen wir uns, und verkaufen wir die Pferde.«
Am 1. Juni hatten sie alle Tiere weg, was der Company etwas mehr als zweitausend Dollar eingebracht hatte. Die Händler ritten nach Osten und brachten in Topeka ihr Geld auf die Bank; jeder von ihnen behielt fünfzig Dollar für persönliche Ausgaben. Für die Winterbilanz malte Holzfuß drei Säcke mit dem Dollarzeichen. Er und Charles gaben sich die Hand, Charles umarmte Boy, und dann verabredeten sie sich für den 1. September.
Mit einem listigen Seitenblick sagte Holzfuß: »Gehst du noch irgendwo anders hin als nach Leavenworth? Bloß für den Fall, daß ich dich brauche.«
»Oh«, Charles schwang sich in Satans Sattel, »vielleicht St. Louis. Laß mich mal richtig von einem Barbier bearbeiten.«
Sein Bart war lang und dicht gewachsen. »Sehe mir eine Show an. Erinnerst du dich, ich habe doch diese Schauspielerin kennengelernt.«
»Mmm, richtig. Hätt' ich beinah vergessen.« Charles lächelte. »Diese leckere Freidenkerin, die sich den Teufel drum schert, was die Leute von ihr halten, wenn sie einen Burschen zum Abendessen einlädt.«
»Genau die.«
»Du bist so ungeduldig gewesen, da dacht' ich mir schon, daß du was vorhast. Also um diese Augusta geht's.«
Plötzlich wieder schwermütig, sagte Charles: »Augusta war die Mutter meines Sohnes. Sie ist tot. Ich hab' ihren Namen niemals erwähnt.«