»Wach nicht, aber du redest im Schlaf, Charlie. Ich dachte, es sei ein angenehmer Traum. Tut mir leid.«
»Schon gut.«
»Ich möchte, daß du dich gut fühlst. Du bist mein Freund. War schon verdammtes Glück, daß wir uns bei Jefferson Barracks getroffen haben.«
»Das denk' ich auch.«
»Sag deinem Jungen guten Tag und laß dich nicht bei einem Kneipenstreit umbringen.«
»Ich doch nicht«, sagte Charles und ritt davon.
Von Leavenworth City führte eine Straße nach Norden zum Militärbezirk. Charles trabte die zwei Meilen, vorbei an sauberen Farmen und dem Hauptquartier von Russell, Majors und Waddell, einer riesigen Enklave abgestellter Wagen, aufgetürmter Fracht, eingepferchter Ochsen, lärmender Kutscher.
Der zehn Quadratmeilen umfassende Posten enthielt das Departement-Hauptquartier, Baracken und Unterkünfte für sechs Kompanien und das große Depot des Quartiermeisters, aus dem die Forts im Westen versorgt wurden. Col. Henry Leaven-worth hatte das ursprüngliche Quartier 1827 am rechten Ufer des Missouri gegründet, nahe dem Kaw-Zufluß.
Jack Duncans Quartier war für Militärposten im Westen typisch. Spartanische Räume mit einem alten Eisenofen und was immer auch der Bewohner für Möbel mitgebracht, gekauft oder aus Kisten und Brettern gebastelt hatte.
Charles konnte es nicht fassen, wie groß sein Sohn seit dem letzten Herbst geworden war. Der kleine Gus marschierte so schnell und schwankend in Duncans Wohnzimmer herum, daß Charles ständig auf dem Sprung war, um den Jungen aufzufangen, wenn er stürzte. Duncan amüsierte sich darüber.
»Ist nicht notwendig. Er steht verdammt fest auf den Beinen.«
Das war Charles schnell klar. »Er kennt mich nicht, Jack.«
»Natürlich nicht.« Duncan streckte die Arme aus. »Gus, komm zum Onkel.« Der Junge kletterte, ohne zu zögern, auf seinen Schoß. Duncan deutete auf den Besucher. »Das ist dein Vater. Willst du zu deinem Vater?«
Charles griff nach ihm. Gus brüllte.
»Ich glaube, es liegt an deinem Bart«, sagte Duncan.
Charles fand das nicht lustig. Eine Stunde lang mühte er sich, Gus auf seine Knie zu locken. Als er es dann endlich geschafft hatte, klammerte sich sein Sohn kurz darauf schon an seine Daumen und lachte, als er Hoppe-hoppe-Reiter mit ihm spielte. Maureen kam aus der Küche und brachte ihre Mißbilligung zum Ausdruck. Charles hörte nicht auf.
Duncan lehnte sich zurück und zündete seine Pfeife an. »Du schaust gut aus, Charles. Das Leben bekommt dir.«
»Ich vermisse Augusta, daran wird sich nie etwas ändern. Ansonsten bin ich nie glücklicher gewesen.«
»Dieser Adolphus Jackson muß ein feiner Kerl sein.«
»Es gibt keinen besseren.« Charles räusperte sich. »Jack, ich muß noch was über Augusta sagen. Na ja, eigentlich über eine Frau, die ich in St. Louis kennengelernt habe. Eine Schauspielerin in einem der Theater dort. Ich möchte sie gern besuchen. Aber ich möchte auch die Erinnerung an Gus nicht entehren.«
Nüchtern sagte Duncan: »Du bist ein anständiger, rücksichtsvoller Mann. Es gibt viele, die keine Gedanken daran verschwenden würden. Ich erwarte nicht von dir, daß du dein restliches Leben wie ein Einsiedler verbringst. Auch Augusta würde das nicht wollen. Ein Mann braucht eine Frau, das ist eine feste Tatsache im Leben. Geh nach St. Louis, sobald du willst.«
»Ich danke dir, Jack.« Er strahlte Maureen an, die immer noch stirnrunzelnd seine zerlumpte Garderobe betrachtete, seinen zerzausten Bart und die Art und Weise, wie er mit seinem Sohn umging. Charles ignorierte sie einfach.
»Das Leben ist zu schön, um wahr zu sein«, sagte er und schaute seinen Sohn an, der allmählich seiner Mutter ähnlich zu sehen begann.
Duncan lächelte. »Das freut mich. Lange genug traf genau das Gegenteil zu.«
Der Vorhang hob sich. Die Schauspieler reichten sich die Hände und traten vor. Trump zog die anderen mit sich; er riß sich die Holzfällermütze vom Kopf, winkte damit dem Publikum zu und warf dann die glücksbringende Chrysantheme, die er an seinem schlichten Kittel getragen hatte, den Leuten zu. Ein fetter Mann fing sie auf, untersuchte sie und ließ sie dann zu Boden fallen.
Das Ensemble verbeugte sich erneut. Trump machte ganz allein eine dritte Verbeugung. Die Frau, die seine Gattin spielte, tauschte einen leidenden Blick mit Willa aus, die für ihre Rolle als jugendliche Liebhaberin eine hübsche Robe mit hochange-setzter Taille trug. Das Stück war Molieres >Der eingebildete Kranke<, >erweitert und verbessert von Mr. Trump<, wie es auf den Plakaten draußen hieß.
Charles war es ziemlich egal, inwieweit Moliere von Trump umgeschrieben worden war. Wie die meisten anderen auch war er von Willa Parkers Bühnenpräsenz gefesselt. Von ihrem ersten Auftritt an hatte sie alle in Bann geschlagen, nicht mit konventioneller Schönheit, sondern mit einer nicht greifbaren Kraft, die das Auge fesselte. Vielleicht besaßen alle großen Darsteller diese Eigenschaft.
Charles streckte, immer noch klatschend, seine Hände über das Geländer. Durch die Bewegung richtete sich Willas Aufmerksamkeit auf die Loge. Charles hatte sich ein Bad geleistet und sich den Bart stutzen lassen; außerdem hatte er sich einen billigen braunen Gehrock und dazu passende Hosen gekauft. Willa sah ihn, erkannte ihn und reagierte, wie er glaubte, mit Überraschung und dann mit Freude.
Charles nickte lächelnd. Plötzlich glitt Willas Blick zu der Loge auf der gegenüberliegenden Seite. Eine leere Loge, obwohl sich der Vorhang noch bewegte; offensichtlich mußte jemand gerade gegangen sein.
Der Bühnenvorhang senkte sich, enthüllte aufgemalte Werbeschriften über Restaurants und Geschäfte. Der Applaus erstarb. Das Publikum, bestehend aus Männern und einigen wenigen Damen in Begleitung, begann hinauszudrängen. Charles fragte sich, was oder wer diesen Ausdruck von Besorgnis auf Willas Gesicht hervorgerufen hatte.
Nervös eilte er auf den Bühneneingang zu, vor dem er letztes Jahr den Kutscher daran gehindert hatte, weiter auf sein Pferd einzuschlagen. Er gab dem Pförtner einen halben Dollar, wurde von hinten von anderen Gentlemen gestoßen, die ebenfalls hinein wollten. Wegen seiner Größe konnte Charles über die meisten Gratulanten, Bühnenarbeiter und Darsteller hinwegschauen.
Er sah Trump vor einem Korridor stehen, der zu den Garderoben führte. Wer zu einem der anderen Schauspieler wollte, mußte an Trump vorbei und ihm Komplimente machen.
Charles tat es mit übertriebener Begeisterung. Mit vor Freude glasigen Augen sagte Trump: »Ich danke Ihnen, mein lieber Junge, ich danke Ihnen.« Braunes Färbemittel sickerte hinter seinen Ohren hervor. »Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor. War es Boston? Ich hab's! Cincinnati.«
»St. Louis. Ich trage jetzt einen Bart.« Er streckte die Hand aus. »Charles Main.«
»Natürlich. Jetzt erinnere ich mich.« Was selbstverständlich nicht stimmte. »Freut mich wahnsinnig, daß Sie unsere Vorstellung heute besucht haben. Ab morgen erwarte ich ausverkauftes Haus.« Sein Blick wanderte bereits auf der Suche nach dem nächsten Bewunderer über Charles' Schulter. Charles schlüpfte vorbei; Trump roch nach Schweiß, aber nicht nach Alkohol. Willa mußte ihn mit Erfolg ausgetrocknet haben. Bis auf die letzte rechts standen alle Garderobentüren offen. Er vermutete, daß es sich dabei um ihre Tür handelte, denn ein kleiner, adrett gekleideter Mann wartete bereits davor.
Als Charles sich näherte, drehte der Mann sich um. Charles erkannte sofort die unnatürlich steife Pose, den getrimmten Kinnbart und die gewachsten Schnurrbartspitzen, die hochglanzpolierten Schuhe, die Kleidung ohne eine Knitterfalte.
Willas Bewunderer war der Mann, der ihn aus der Armee geworfen hatte: Captain Harry Venable.
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Charles' Nerven waren zum Zerreißen gespannt, als er auf V.> Harry Venable zuging. Der elegante Offizier erkannte ihn offensichtlich nicht, bekam aber sofort Charles' Absicht mit. Charles studierte die auf der Tür aufgemalten Lettern, mrs. Parker. Er trat vor, um an die Tür zu klopfen, und Venable verstellte ihm den Weg.