»Entschuldigen Sie. Mrs. Parker ist beschäftigt.«
Charles schaute hinunter in die eisigen Augen, neigte den Kopf, um den Größenunterschied zu betonen. »Fein. Das soll sie uns doch selbst sagen, ja?« Er langte über Venables Schulter und klopfte.
Venable lief scharlachrot an. Von drinnen rief Willa, er solle sich noch einen Moment gedulden. Venable sagte: »Worüber zum Teufel grinsen Sie?«
»Der hübsche Harry Venable«, Charles begann die Knöchel seiner linken Hand zu reiben, »West Point, Jahrgang '59.«
Verwirrt bemühte sich Venable, den bärtigen Fremden zu identifizieren. Charles fuhr fort: »Als wir uns das letztemal be-gegneten, hatten Sie einige Helfer dabei. Wie ich sehe, haben Sie jetzt keine. Falls es gewisse Meinungsverschiedenheiten gibt, können wir die diesmal vielleicht fair regeln.« Seine Zähne glänzten zwischen seinem Bart, aber sein Lächeln war alles andere als freundlich. Er rieb sich weiter die Knöchel. Venable erkannte ihn.
Dann flog die Tür auf. Willa stürzte heraus und umarmte ihn schwungvoll. »Charles! Ich wollte meinen Augen nicht trauen, als ich dich in der Loge sah!« Sie trat zurück, hielt ihn an den Armen fest und musterte ihn. Sie trug einen pastellfarbenen Überwurf, dekoriert mit durchsichtigen Schmetterlingen. Obwohl fest gegürtet, verbarg er doch nicht ganz den Ansatz ihrer Brüste. Ein Cremefleck glänzte auf ihrer Nase. Mit den silberblonden Haarsträhnen sah sie ungekämmt und wunderschön aus.
»Komm doch rein, während ich mir das restliche Make-up entferne.« Damit zog sie ihn in die Garderobe.
Venable hatte währenddessen stocksteif mit gestrafften Schultern dagestanden, unfähig, seine Wut zu verbergen. Willa, ganz erstklassige Schauspielerin, lächelte ihm zu und sagte anmutig: »Colonel, es tut mir leid, Ihnen wieder einen Korb geben zu müssen. Mr. Main und mich verbindet eine langjährige Beziehung. Ich bin sicher, Sie haben Verständnis dafür.«
Sie schloß die Tür.
»Ich habe den langjährigen Wunsch, dieser kleinen Kröte die Seele aus dem Leib zu prügeln. Er ist derjenige, der mich in Jef-ferson Barracks erkannt hat.«
»Nun, er ist immer noch hier stationiert.« Willa nahm Nadeln vom Schminktisch und begann sich das Haar hochzustecken. In dem kleinen Raum herrschte ein wirres Durcheinander aus Kostümen, Straßenkleidern, Make-up-Töpfen und Bürsten, Manuskripten, alles zusätzlich reflektiert durch den Tischspiegel. »Er hat das Stück vor vier Abenden gesehen und ist seitdem hinter mir her. Oh, Charles, du warst so lange weg.«
»Es ist ein weiter Weg ins Indianerterritorium.« Er merkte, daß er intensiver in ihre blauen Augen schaute, als er geplant hatte.
»Ich weiß. Ich dachte schon, du würdest nie zurückkommen. Als ich dich mitten im ersten Akt sah, wäre ich beinahe gegen diese Bank gerannt.«
»Ich nahm an, du habest mich erst beim Schlußvorhang gesehen.«
»Oh, schon lange vorher. Ich habe ganze Zeilen ausgelassen.«
»Ist mir nicht aufgefallen.«
»Soll dir auch nicht auffallen.« Auf Zehenspitzen stehend gab sie ihm einen Kuß auf die Wange, umarmte ihn dann noch mal. Unter dem dünnen Stoff fühlte sich ihr Körper weich und warm an. »Gehen wir vielleicht zusammen essen?«
»Unbedingt.« Er grinste. »Diesmal keine Schnecken.«
»Gut. Warte im Vorraum auf mich. In zwei Minuten bin ich fertig.« Erregung schwang in ihrer Stimme mit.
In der Halle war nichts von Venable zu sehen. Er fühlte sich erleichtert; er war zu gut aufgelegt, um den Abend durch eine Schlägerei zu zerstören. Er wußte, daß er den kleinen Mann leicht verprügeln konnte, also würde er nach einem Kampf unvermeidlich Schuldgefühle bekommen.
Als Charles und Willa das Theater verließen, winkte sie Sam Trump zu, der in der Seitenkulisse stand, die Theaterkatze auf dem Arm. Trump unterbrach sein Gespräch mit einem Bühnenarbeiter und nickte ihnen zu. Er warf Charles einen merkwürdigen Blick zu und sah ihnen nach, als sie durch die Tür auf die Olive Street hinausgingen.
Draußen auf dem Bürgersteig blieb Charles aus irgendeinem Grund stehen. Sie sagte: »Was ist? Oh.« Jetzt sah sie ihn auch, auf der anderen Straßenseite im Schatten des hölzernen Indianerhäuptlings vor einem Tabakladen. Venable sah sich entdeckt, machte auf dem Absatz kehrt und eilte um die Ecke.
Willa schauderte. »Was für ein seltsamer Mensch.«
»Vielleicht läßt er sich nicht mehr blicken, jetzt, wo ich da bin.«
»Vorhin vor der Garderobe sah er einen Moment lang so aus, als wollte er dich umbringen, Charles.«
»Einmal hat er es versucht, es aber nicht geschafft.« Er tätschelte die behandschuhte Hand auf seinem rechten Arm. »Ich bin fürs Essen. Das New Planter's House?«
»Warum nicht? Es ist bequem. Ich bin dorthin gezogen. Jawohl, ich habe die Bühnenräume verlassen.« Arm in Arm schlenderten sie durch die nächtlichen Straßen. »Das Theater schreibt seit Februar schwarze Zahlen. Nicht überragend, aber schwarz. Die Truppe hat eine lokale Anhängerschaft gewonnen, und so bot mir das Hotelmanagement Räume zu ermäßigtem Preis an. Offensichtlich sind Mr. Trump und Mrs. Parker nun in der ganzen Stadt willkommen.«
Er gluckste; der leichte Zynismus, den er aus ihren Worten herausgehört hatte, brachte ihm ihre Reife zu Bewußtsein. Er machte eine diesbezügliche Bemerkung, als sie in dem vertrauten Speisesaal vor saftigen Wildbretsteaks saßen. Diesmal hatte er bestellt.
»Du schmeichelst mir«, sagte sie.
»Nein. Ich sage die Wahrheit. Du bist nicht nur sehr - nun ja - weltgewandt für jemand deines Alters, sondern auch intelligenter als die meisten Männer, die ich kenne.«
Mit einer kleinen Geste nahm sie das Lob zur Kenntnis. »Wenn das alles stimmt, wovon ich keineswegs überzeugt bin, dann liegt es vielleicht daran, daß ich im Theater aufwuchs. Die Theaterstücke, die ich kannte, machten mir Appetit auf andere Bücher. Und mein Vater war sehr liberal, was die Ausbildung von Mädchen anbelangte.«
Sie begannen darüber zu sprechen, was sie alles seit ihrer letzten Begegnung erlebt hatte. Trumps St.-Louis-Theater hatte nun sein ständiges Ensemble zusammen. »Die Schauspieler sind nun bereit, Verträge für eine ganze Saison zu unterschreiben, weil ich sie davon überzeugt habe, daß Sam nicht mehr den gesamten Gewinn versäuft.« Die Truppe hatte nun ein Repertoire von vier Stücken und dachte über eine Tournee nach. »Wußtest du, daß es zwischen hier und Salt Lake City kein einziges anständiges Theater gibt? Ich könnte mir vorstellen, daß all diese neuen Städte, die entlang der Eisenbahn hochschießen, geradezu ideal für eine Truppe mit eigenem Zelt wären.«
»Die Armeeposten ebenfalls«, sagte er. Ein Kellner schenkte duftenden schwarzen Kaffee aus einer Silberkanne ein. »Du liebst dieses Leben, nicht wahr?«
»Ja, das tue ich. Aber - jetzt werde ich schon wieder schamlos.« Ihre Wangen röteten sich, als sie ihn anschaute. »Während des Winters habe ich oft an dich gedacht.«
Dieser Blick entzündete etwas in ihm. Er wußte, daß er nun den Rückzug antreten sollte, konnte es aber nicht.
»Ich habe an dich gedacht, Willa.«
Sie legte ihre Hände in den Schoß. Sehr ruhig sagte sie: »Ich weiß nicht, was du mit mir machst. Ich zittere wie das Mädchen in der Rolle der Naiven vor ihrem ersten Auftritt. Ich kann den Kaffee nicht trinken. Ich will nichts mehr.« Eine lange Pause. »Würdest du mich in meine Räume begleiten?«
»Ja. Sehr gern.«
Und so geschah es, viel früher, als er erwartet hatte, in dem kleinen, von dem Gaslicht im angrenzenden Wohnzimmer schwach erhellten Schlafzimmer. Voller Erwartung stöhnte sie ein bißchen auf, als ihre Hände sich auf die Suche begaben, überall