Kleidung verstreuten. Während sie ihr silbernes Haar löste und es ausschüttelte, berührte Charles zart und sanft erst die eine, dann die andere ihrer kleinen, festen Brüste. »Oh, ich bin so froh, daß es dich in dieser Welt gibt, Charles«, sagte sie, bewegte sich unter ihm, zog ihn zu sich herab. Sie streichelte seine Brust, küßte seinen Hals, suchte seinen Mund. Er fühlte Tränen des Glücks auf ihren Wangen.
»Ich bin gar kein richtig schamloses Frauenzimmer«, flüsterte sie. »Es hat nur einen Mann gegeben, und da ist's auch nur zweimal passiert, aus Neugier. Es war nichts Halbes und nichts Ganzes, ich besitze also keine Erfahrung. Ich hoffe, das -«
»Psst«, sagte er und küßte sie. »Psst.«
Sie war weich und warm - dort, wo er in sie eindrang. Sie bog sich ihm entgegen, als sie ihren gemeinsamen Rhythmus fanden. Ihre Fersen und Waden hielten ihn fest, und er vergaß jeden Gedanken an Verstrickungen. Er dachte an nichts weiter als an die offene Wärme dieser einzigartigen, leidenschaftlichen jungen Frau, die in seinem Körper und seinem Geist das Licht der Liebe entzündet hatte.
Abrupt erwachte er. Er wußte nicht, wo er war, schlug mit den Armen um sich, drehte sich um; durch die halboffene Tür sah er das vom Gaslicht erleuchtete Wohnzimmer. Seine Bewegungen weckten sie.
»Alles in Ordnung mit dir?«
»Ich hatte einen Traum.«
Zart drückte sich ihre warme Nacktheit gegen ihn. Sie küßte seine Schulter. »War er schlimm?«
»Ich glaube schon. Habe ihn bereits vergessen.«
Nach einer Pause sagte sie: »Du hast ein paarmal was gerufen. Einen Namen.« Eine weitere Pause. »Nicht meinen.«
Erregt stützte er sich auf einen Ellbogen. »Nein, nein«, sagte sie, »es ist schon gut, Charles. Du mußt darüber sprechen. Es gibt auch etwas, worüber ich sprechen muß. Morgen«, murmelte sie, zog seinen Rücken gegen ihre nackten Brüste, schlang die Arme um ihn und strich ihm sanft über die Augen.
Aus Gründen der Schicklichkeit kleidete er sich in den frühen Morgenstunden an und verließ das Hotel. Er marschierte tollkühn, sogar ziemlich lärmend von der Treppe durch die Hotelhalle. Der Portier öffnete ein Auge und schloß es gleich wieder, da Charles offensichtlich nichts zu verbergen hatte.
Charles nahm sich ein Zimmer in einem billigeren Hotel und fuhr am späteren Morgen in einem gemieteten Buggy bei Willa vor. Sie hatte einen Lunchkorb gepackt. Sie fuhren flußaufwärts und picknickten in einem hübschen Ulmen- und Platanenwäldchen. Das Wäldchen roch nach Minze.
»Eine Frage, die mir ein bißchen peinlich ist«, sagte Charles, während er half, den Korb auszupacken: dicke Wurstscheiben zwischen frischem Brot aus einer der örtlichen deutschen Bäckereien, ein verkorkter Krug mit schäumendem Ingwerbier. »Letzte Nacht, war da mein Bart ...? Das heißt ...«
»Jawohl, so stachlig wie die Disteln dort drüben«, sagte sie neckend. »Fällt dir nicht der viele Puder auf? Du hast untilgbare Spuren deines skandalösen Verhaltens hinterlassen.«
Sie drückte sich an ihn, gab ihm einen kleinen Kuß. »Was ich ungemein genossen habe und nicht im geringsten bedaure.« Sie breitete im Schatten ein kariertes Tuch aus. Das Pferd ihres Einspänners zuckte mit dem Schwanz, um die Fliegen zu vertreiben. Ein stattlicher Heckraddampfer tauchte im Norden auf, mit Zielrichtung St. Louis. »Ich möchte dir etwas mitteilen, damit wir keine Geheimnisse voreinander haben. Ich bin nicht ganz freiwillig zu Sams Theater gestoßen, obwohl ich jetzt sehr froh darüber bin. Ich war auf der Flucht vor einem Mann namens Claudius Wood.«
Sie erzählte die Geschichte von New York, dem Dolch von >Macbeth<, von Edwin Booths Freundlichkeit. Das gab ihm Gelegenheit, ihr von Augusta Barclay zu berichten und daß sie ein Liebespaar, aber nie verheiratet gewesen seien. Zum Schluß blieb er ein bißchen vage und sagte bloß, der Krieg habe sie getrennt, bevor sie starb. Er erwähnte nichts davon, daß er die Trennung herbeigeführt hatte, um ihr Kummer und Schmerzen zu ersparen, falls er getötet wurde. Ironischerweise war er derjenige, der kummerbeladen zurückgeblieben war, auf der Hut vor weiteren emotionalen Verstrickungen.
Und doch saß er nun hier.
Während sie picknickten, wanderte die Sonne weiter. In dem Wäldchen wurde es warm. Schweiß lief Charles über den Nacken.
Willa zog seinen Kopf auf ihren Schoß. Er fragte sie, ob er eine Zigarre rauchen dürfe, zündete sich eine an und sagte dann: »Sag mir, wie du wirklich bist, Willa. Sag mir, was du magst und was nicht.«
Sie streichelte sanft seinen Bart und dachte darüber nach. »Ich mag den frühen Morgen. Ich mag die Art, wie sich mein Gesicht anfühlt, nachdem ich es geschrubbt habe. Ich mag den Anblick schlafender Kinder und den Geschmack wilder Beeren. Ich mag Edgar Allan Poes Verse und Shakespeares Komödien. Paraden. Das Meer. Und ich liebe es ganz schamlos, auf der Bühne zu stehen, wenn das Publikum klatscht.« Sie beugte sich herab, um ihn auf die Stirn zu küssen. »Ich habe gerade entdeckt, daß ich gerne einschlafe, meine Arme um einen Mann geschlungen. Allerdings nicht irgendeinen Mann. Was die Dinge anbelangt, die ich nicht mag - nun, Dummheit zum Bei-spiel. Unnötige Unfreundlichkeit in einer Welt, in der es bereits hart genug zugeht. Angeberei. Leute mit Geld, die glauben, ein Mensch werde durch Geld allein wertvoll. Aber vor allem anderen«, wieder ein sanfter Kuß, »mag ich dich. Ich glaube, ich liebe dich. Bei dir habe ich die Maske fallen lassen, die mein Pa mich aufzusetzen gelehrt hat, damit einem das Leben weniger Wunden schlägt. Ich glaube, ich habe dich vom ersten Augenblick an geliebt.«
Er sagte nichts, hielt den Blick auf den Fluß gerichtet. Er fühlte sich, als schwankte er am Rande eines tiefen Abgrunds entlang und könnte jeden Moment abstürzen.
Sie küßten sich, murmelten Unverständliches, streichelten sich, bis ihr Atem so heiß wurde wie der strahlende Sommertag. »Liebe mich, Charles«, sagte sie, ihren Mund an seinem Ohr. »Jetzt und hier.«
»Willa, einmal ist einigermaßen sicher, aber - was ist, wenn du schwanger wirst?«
»Was bist du doch für ein merkwürdiger Mann. Viele würden sich überhaupt keine Gedanken darüber machen. Es gibt viel schlimmere Dinge. Ich würde dich nicht mit einem Baby in die Falle locken.« Sie bemerkte seine Reaktion. »Das sorgt dich.«
»Es ängstigt mich. Ich könnte es nicht ertragen, jemanden zu verlieren, der mir am Herzen liegt. Einmal war genug.«
»Besser, es liegt einem niemand am Herzen?«
»Das habe ich nicht gesagt.«
»Gut. Also keine Schuldgefühle. Was immer geschieht, es geschieht für den Moment.« Wieder küßte sie ihn.
Als er sie sanft nach hinten drückte, auf die weiche Matte aus braunem Gras und Platanenblättern, da wußte er, daß sie schon zu weit gegangen waren, als daß noch einer von ihnen unverletzt hätte entrinnen können.
Bis auf Proben oder Aufführungen verbrachten sie jede Stunde der nächsten vier Tage gemeinsam.
Er berichtete ihr von seinen Erlebnissen bei der Jackson Trading Company und was er über Sitten und Gebräuche der südlichen Cheyenne gelernt hatte; wie sein Respekt vor ihnen gewachsen war, ebenso seine Bewunderung vor Führern wie Schwarzer Kessel. Sie freute sich, daß er nicht mehr die typisch feindselige Haltung des weißen Mannes einnahm, eine aus Gier und Mißtrauen erwachsene Einstellung.
»Wir fürchten immer das, was wir nicht verstehen«, sagte sie.
Sie fanden ein Fotoatelier und nahmen für ein Porträt Platz. »Schaut freundlich - freundlich!« schrie der Mann unter der schwarzen Kameraabdeckung hervor. Charles stand neben ihr, eine Hand auf ihre Schulter gelegt; sein Gesicht nahm einen feierlichen Ausdruck an. Willa kicherte aus Nervosität und Freude, und der Fotograf mußte zehn Minuten warten, bis sie sich beruhigt hatte.
Sie wollte wissen, was für eine Sorte Mann er war, was er mochte. Nach der Samstagabendvorstellung von >Richard III.< lag er mit ihr im Bett, dachte eine Weile darüber nach und sagte: