»Ich mag Pferde, gute Zigarren, einen Sonnenuntergang mit einem Glas Whisky in der Hand. Genaugenommen mag ich alles, was ich bis jetzt vom Westen gesehen habe.
Ich mag die Kraft, die man in den meisten Schwarzen findet. Sie sind Überlebende, Kämpfer. Yankees würden nicht glauben, daß ein Südstaatler so was sagt.
Ich liebe meine Familie. Ich liebe meinen Sohn. Ich liebe meinen besten Freund Billy, der mit seiner Frau nach Kalifornien gegangen ist.
Ich haßte die letzten beiden Kriegsjahre und was sie den Menschen, mich eingeschlossen, angetan haben. Ich hasse die Politiker und die Salonpatrioten, die die Trommel schlugen, bis der Kampf begann. Sie mußten nie die Tage und Nächte der Schlacht durchleben, sie mußten nie über eine offene Wiese auf die feindlichen Stellungen vorstürmen, sie mußten nie mit ansehen, wie ihre Freunde um sie herum fielen, pißten nie vor Angst in die Hosen - entschuldige«, sagte er, seine Stimme plötzlich leise und heiser.
Sie küßte seinen Mundwinkel. »Schon gut. Ich möchte gern deinen Sohn kennenlernen. Darf ich Fort Leavenworth besuchen? Ich könnte mit einem Missouri-Dampfer kommen, vielleicht im August. Der August ist der schlechteste Theatermonat. Ich bin mir sicher, daß Sam mit einem Ersatz für mich einverstanden ist.«
Er fürchtete die weiteren Verwicklungen, sagte aber trotzdem: »Ich würde mich freuen.«
Am Tag danach umarmte und küßte er sie am Bühneneingang und schwang sich dann auf Satan. Plötzlich tauchte Amerikas Schauspieleras auf und scheuchte Willa hinein, damit er vertraulich mit Charles sprechen konnte. Trump trat dicht an den tänzelnden Schecken heran. »Was ich Ihnen zu sagen habe, Sir, ist ganz einfach. Sie mögen vielleicht glauben, ich sei ein kraftloser Schwächling, weil ich Schauspieler bin. Ganz im Gegenteil. Ich bin erst fünfzig und im besten Alter.«
Er streckte mit geballter Faust seinen Unterarm empor. Charles hätte gelacht, wäre nicht der ernste Gesichtsausdruck des Schauspielers gewesen. Trump packte Satans Zaumzeug und schob das Kinn vor.
»Willa hat sehr viel für Sie übrig, Mr. Main. Eine Marmorstatue könnte das sehen. Schön und gut. Sie ist ein wunderbares Mädchen und ich liebe sie wie meine eigene Tochter. Wenn Sie also nur mit ihr herumspielen - wenn Sie sie in irgendeiner Weise verletzen sollten und Gott sei mein Zeuge«, wieder die geballte Faust, »dann werde ich Sie zerschmettern, Sir. Ich werde Sie finden und zerschmettern.«
»Ich habe nicht vor, sie zu verletzen, Mr. Trump.«
Der Schauspieler ließ das Zaumzeug los. »Dann wünsche ich Ihnen eine gute Reise. Mit meinem Segen.«
Aber in irgendeiner Weise würde er sie verletzen müssen, das wurde Charles klar, als er in westlicher Richtung aus der Stadt trabte. Er war in sie verliebt, und das verwirrte ihn; auf eine vage, verschwommene Art war er ärgerlich mit sich, daß er es soweit hatte kommen lassen, daß er gewollt hatte, daß es soweit kam. Doch das war nun der Fall. Also mußte er es rückgängig machen, und zwar schon bald.
22
Äls Charles in Fort Leavenworth angekommen war, erzählte ihm Duncan, daß Johnson Ende Juli ein Gesetz unterzeichnet habe, durch das die Anzahl der Infanterieregimenter von neunzehn auf fünfundvierzig angehoben würde; und was für den Westen mit seinen gewaltigen Entfernungen noch wichtiger war, die Kavallerieregimenter waren von sechs auf zehn verstärkt worden.
Der Brigadier, der nun den olivgrünen Besatz der Divisionsabteilung des Zahlmeisters trug, befand sich wegen der Neuigkeiten in heller Aufregung. »Das bedeutet, daß wir nächstes Jahr gegenüber den feindlichen Stämmen mächtig auftrumpfen können.«
Charles kaute auf einer kalten Zigarre herum und sagte nichts. Wie Sherman, so glaubte auch Jack Duncan, daß die Stämme unweigerlich in Reservation getrieben werden mußten, wenn man den Westen für Siedler und den Handel sichermachen wollte. Duncan sah in dieser Besetzung von Indianerland nichts Unrechtes, und da Charles wußte, daß er Duncans Einstellung nicht ändern konnte, versuchte er es gar nicht erst. Statt dessen kündigte er Willas bevorstehenden Besuch an.
»Ah«, sagte Duncan lächelnd.
»Was soll das heißen - ah? Sie kommt nicht bloß mich besuchen. Sie möchte sich Hallen anschauen, die die Truppe für eine Tournee mieten könnte.«
»Oh, natürlich«, sagte Duncan nüchtern. Es freute ihn, wie Charles auf jede Neckerei reagierte. Vielleicht wich die Verzweiflung allmählich von dem jungen Mann, die ihn so lange bedrückt hatte.
Willa kam Ende August an. Sie hatte bereits Kansas besucht -einige nannten die Stadt Kansas City -, das am gegenüberliegenden Ufer des Missouri lag. Sie meinte, Frank's Hall in Kansas gäbe einen idealen Zuschauersaal ab.
Duncans Residenz im Offiziersquartier enthielt einen zusätzlichen Raum, den Maureen benützte. Hier schlief auch der kleine Gus in einem selbstgebastelten Kinderbettchen. Sie lud Willa ein, das Bett mit ihr zu teilen, was die junge Schauspielerin sofort akzeptierte. Maureen fand lobende Worte über Willas Anpassungsfähigkeit; tatsächlich fügte sie sich auch nahtlos ein. Sie plauderte locker über Sam Trump und das Theater und lauschte aufmerksam den Erzählungen über das Armeeleben und das Indianerproblem. Sie verbarg nicht, daß sie auf Seiten der Indianer stand, gegen die große Mehrheit der Siedler und der Berufsoffiziere der Armee. Es reizte Duncan nicht so sehr, wie Charles erwartet hatte. Der Brigadier diskutierte mit Willa, respektierte sie aber eindeutig als intelligenten Kontrahenten.
Am ersten Abend schenkte Duncan, nachdem sich die Frauen zurückgezogen hatten, zwei Whiskys im Wohnzimmer ein. Durch das offene Fenster drang der kräftige Sauerteiggeruch von der nahegelegenen Bäckerei. Ein paar Minuten lang beklagte sich Duncan über die Zahlmeisterabteilung. Es war eine undankbare Aufgabe; die Offiziere, die mit den Löhnen der Soldaten von Fort zu Fort unterwegs waren, konnten nie schnell genug reiten, um die Männer zufriedenzustellen.
Unvermittelt sagte er: »Das ist eine nette junge Frau. Ein bißchen sehr offen in ihren Vorstellungen, das ist klar. Aber sie wäre eine großartige .«
»Freundin«, sagte Charles, auf seine Zigarre beißend.
»Genau.« Duncan beschloß, Willas Sache im Augenblick nicht weiter zu fördern. Charles schaute wild und grimmig drein. Vielleicht war er doch noch nicht bereit für das normale Leben.
Am letzten Tag ihres Besuchs spazierten Charles und Willa im Schatten von Eichen und Pappeln an der Klippe oberhalb der Dampferanlegestelle des Forts entlang. Gus ritt auf den Schultern seines Vaters und betrachtete von seinem Thron aus mit glücklichen Augen die Welt. Sanfte Laute trieben durch die sonntägliche Luft: die fernen Anfeuerungsrufe der baseballspielenden Soldaten; das Klatschen der Wasserpumpe des Postdampfers.
Willa war nervös und ein bißchen unglücklich. Hier im Fort war Charles weniger offen als in St. Louis. Sie liebte ihn, aber sie wußte auch, daß sie es besser nicht so oft aussprach. Der düstere, erschöpfte Blick, der gelegentlich in seinen Augen auftauchte, besagte deutlich, daß er für eine tiefe emotionale Bindung noch nicht bereit war.
Doch sie war einfach nicht in der Lage, selbst Desinteresse vorzutäuschen. Im Schatten der in der leichten Brise raschelnden Blätter nahm sie Charles' Sohn in die Arme. Da ruhte er zufrieden, schaute über ihre Schulter auf die Eichhörnchen in den Ästen.
»Gus ist ein wunderbarer Junge«, sagte sie. »Du und seine Mutter, ihr habt einen feinen Sohn in die Welt gesetzt.«
»Danke.« Charles starrte auf den glitzernden Fluß, hundertfünfzig Fuß unter ihnen. Der gesunde Menschenverstand sagte Willa, sie solle ihn nicht weiter bedrängen. Aber sie liebte ihn so sehr.