»Das war ein großartiger Besuch. Ich hoffe, ich werde wieder eingeladen.«
»Aber sicher, wenn es dir paßt.«
Gus legte seinen Kopf auf Willas Schulter und steckte seinen Daumen in den Mund. Er schloß die Augen, und sein Gesicht nahm einen weichen, glückseligen Ausdruck an. Willa berührte Charles' Ärmel. »Du behandelst mich, als hätten wir uns eben erst kennengelernt.«
Er runzelte die Stirn. »Das wollte ich nicht, Willa. Ich habe bloß so das Gefühl, als wollten Jack und Maureen uns - na ja -zusammenbringen. Das ist nicht gut. Übernächste Woche treffe ich mich mit Holzfuß in Fort Riley. Ich habe es zuvor schon gesagt: Der Handel ist nicht gerade die sicherste Arbeit, auch wenn die meisten der südlichen Cheyenne Freunde meines Partners sind. Ich möchte mich nicht binden. Angenommen, wir ziehen in einer Saison los und kommen nie zurück. Es wäre dir gegenüber nicht fair.«
Ihre blauen Augen funkelten. »Oh, komm, Charles. Das Leben steckt voller Risiken. Wen willst du wirklich schonen, mich oder dich?«
Er sah sie an. »Also gut. Mich. Ich möchte nicht noch mal das durchmachen, was ich durchgemacht habe.«
»Glaubst du, ich bin so zart? Krank? Glaubst du, ich werde morgen zusammenbrechen und du verlierst mich? Übrigens, ich bin nicht schwanger.« Der Gebrauch dieses unaussprechlichen Wortes schockierte ihn. »Ich habe schon einiges mitgemacht. Deine Ausrede taugt nichts.«
»Ich kann nicht anders.«
»Und ich dachte immer, Frauen seien das wankelmütige Geschlecht.«
Er wandte sich ab, starrte wieder auf den Fluß. Die kühle Brise fächelte seinen Bart. Die tiefstehende Sonne ließ Willas Haare wie feines Weißgold aufglühen. »Charles, was um Gottes willen hat dir der Krieg angetan?«
Er gab keine Antwort.
Seine steinerne Haltung brachte sie aus der Fassung, machte sie aber auch zugleich zornig. »Wir können Freunde sein gelegentlich mal ein Liebespaar -, sonst nichts?«
Er schaute sie an. »Ja.«
»Ich bin mir nicht sicher, wie ich dazu stehe und ob es mir gefällt. Ich werde es dir sagen, wenn du von deinem nächsten Trip zurückkommst. Wenn du nichts dagegen hast, würde ich jetzt gern zum Quartier des Brigadiers zurückgehen. Es ist kühl geworden.« Sie hob Gus hoch, reichte ihn seinem Vater und ging davon.
Sie haßte es, daß der Besuch mit einem solchen Mißton enden sollte, aber das tat er. Als sie sich auf dem Landesteg verabschiedeten, küßte er sie auf die Wange, ein gutes Stück entfernt von ihrem Mund. Er sagte nichts davon, ob er im Frühjahr zu Besuch nach St. Louis kommen würde, sondern dankte ihr lediglich für ihren Besuch. Der kleine Gus winkte und winkte, als sie an Bord des Heckraddampfers ging.
Der Dampfer wühlte sich in die Strömung, und Willa sah zu, wie Mann und Junge immer kleiner wurden. Charles schaute unglücklich und verwirrt drein. Genau so fühlte sie sich auch.
Doch es ließ sich nicht leugnen, daß sie verliebt war. Sie würde also nicht aufgeben.
Es würde ein langer Winter werden.
Der August schwand dahin, und Charles wurde immer ungeduldiger. Er brach einen Tag zu zeitig auf; sein einziges Bedauern galt Gus. Der Junge nannte ihn nun Pa und kam bereitwillig in seine Arme. Charles war traurig, daß sich der ganze Prozeß wiederholen würde und er sich im nächsten Frühjahr erst wieder mit dem Jungen vertraut machen mußte. Was Willa anbelangte, so versuchte er seine Gefühle für sie zu unterdrücken und hoffte, daß er ihr klargemacht hatte, daß jede engere Beziehung unmöglich war.
An einem sonnigen Nachmittag sagte er dem Brigadier und Maureen auf Wiedersehen. Maureens letzte Worte klangen scharf: »Sie sollten das Mädchen heiraten, Sir. Sie sagte, es gebe keinen Mr. Parker mehr, und sie ist eine großartige Person.«
Ziemlich schroff erwiderte Charles: »Händler geben keine guten Familienväter ab.«
Am ersten Tag kam er nicht so weit, wie er geplant hatte. Am späten Nachmittag, während er durch Salt Creek Valley, Kicka-poo Township, ritt, verlor Satan ein Hufeisen. Als der örtliche Schmied es ersetzt hatte, ging die Sonne unter. Charles logierte im Golden Rule House, über das Duncan voller Begeisterung gesprochen hatte:
»Es hat erst vor kurzem eröffnet, aber es ist schon den ganzen Fluß rauf und runter berühmt. Der Besitzer ist ein großzügiger junger Bursche. Wenn er sich selbst ein paar hinter die Binde gegossen hat, berechnet er dir für deine Mahlzeit den halben Preis und schenkt dir den Whisky umsonst aus. Wenn er so weitermacht, wird er bald pleite sein. Aber solange es anhält, ist es ganz großartig.«
Es stimmte. In dem Haus herrschte eine lärmige, gesellige Atmosphäre. Der Besitzer, obwohl erst zwanzig, gehörte zu jenen Originalen, die dem Westen sein Flair gaben. Der junge Mann aus Kansas, der gegen sechs Uhr schon ganz ordentlich unter Alkoholeinfluß stand, unterhielt seine Gäste mit einer langen Geschichte, in der es darum ging, daß er einmal eine Überlandkutsche gefahren hatte und plötzlich von einer gewaltigen Sioux-Bande angegriffen worden war. Er behauptete, er habe sie mit einer Mischung aus gebrüllten Drohungen und Gewehrfeuer vertrieben und so die Kutsche mitsamt den Fahrgästen gerettet.
Charles teilte sich einen Tisch mit einem riesigen, freundlichen Mann in seinem Alter, der sich als Henry Griffenstein vorstellte. Er sagte, er stamme aus einer der deutschen Siedlungen oberhalb des Missouri, bekannt als Kleines Rheinland.
»Meine Freunde nennen mich deshalb Dutch Henry. Momentan führe ich Wagen nach Santa Fe. Wer weiß, was ich nächstes Jahr machen werde?«
Charles kaute an einem Stück Büffelsteak, deutete dann mit der Gabel auf den redefreudigen jungen Mann hinter der Bar. »Ich glaub' die Story zwar nicht, vor allem, daß er einen Haufen Sioux in die Flucht geschlagen hat, aber er ist ein verdammt guter Geschichtenerzähler.«
»Und auch ein verdammt guter Kutschenfahrer«, sagte Dutch Henry. »Außerdem hat er Frachtwagen gefahren und war Scout für die Armee. Mit vierzehn Jahren ist er Pony Express geritten - behauptet er.«
»Wie ist er ins Hotelgeschäft gekommen?«
»Er und Louisa eröffneten das Haus hier, nachdem sie sich im Januar zusammengetan hatten. Ich glaube nicht, daß er so lange durchhält. Er ist zu voll mit Ingwerbier. Von der Gabe des Mundwerks mal ganz abgesehen.«
»Kommt her, Jungs«, brüllte der junge Mann und winkte seine Gäste heran. »Ich erzähle euch, wie's im Krieg bei der Se-venth Kansas Cavalry war. Jennison's Jayhawkers. Wirklich schwere Kaliber. Wir - wartet, erst noch eine Runde.«
Sichtbar schwankend schenkte er seinen Zuhörern großzügig Drinks ein. So wie er seinen Whisky kippte, schätzte Charles ihn selbst als schweres Kaliber ein.
»Wie war doch gleich sein Name?« fragte er Dutch Henry.
»Cody. Will F. Cody.«
Ein Packmuli hinter dem anderen, so ritt die Jackson Trading Company über die herbstliche Prärie, auf das Land hinter dem dunstigen blauen Horizont im Süden zu. Sie ritten neben dem gleichen zertrampelten Büffelpfad, dem sie schon im letzten Jahr ins Indianerterritorium gefolgt waren. Im Nordwesten rasten dunkelgraue Wolken über den Himmel. Ungefähr jede halbe Minute blitzte es in den Wolken weiß auf.
Das Land hier zog sich wellenförmig hin, eine Reihe sich erhebender Hügel, keiner höher als sechs Fuß. Es war später Nachmittag. Vor zwei Tagen hatten sie ungefähr zur gleichen Zeit die Smoky Hill Road überquert, auf der immer noch Wagen nach Westen polterten, so schnell es ihre Fahrer schafften. In der kühlen Septemberluft konnte man den Winter riechen. In Fort Riley hatte ein Offizier Charles erzählt, daß den Sommer über so ungefähr hunderttausend Auswandererwagen durchgekommen sein mußten.
Der Wind wurde stärker. Das trockene, spröde Gramagras, das Satan bis an die Knie reichte, wogte und brodelte. Charles merkte, daß der Schecke nervös war. Die anderen Tiere ebenfalls, Fen eingeschlossen. Der Collie rannte ständig bellend in Kreisen vor ihnen herum.