Der Hund verschwand hinter dem nächsten Hügelkamm. Nur die Bewegung des Grases markierte seine Spur. Charles stoppte, bemerkte noch mehr Bewegung im Gras. Es wogte, als würde ein unsichtbarer Mann auf sie zugerannt kommen.
»Es ist Fen«, sagte Holzfuß. »Möchte wissen, was zum Teufel er hat?« Er griff nach seinem Gewehrfutteral. »Boy, halt dich dicht an mich.«
Boy drängte sein Pferd näher an den Händler heran. »Ich schaue mal nach«, sagte Charles und berührte Satan mit seinen Stiefelabsätzen.
Der Schecke trottete ungefähr fünfzig Fuß bis zum Hügelkamm. Dreck und vom Wind gepeitschte Grashalme flogen Charles in die Augen. Er kniff sie zusammen und schützte sie mit einer Hand, als er über den Kamm ritt.
Unten saßen neun Männer in einer Linie auf ihren Ponys und warteten.
Von der Mitte her starrte Narbengesicht zu ihm hoch. Er und die anderen trugen mit roter Farbe bemalte Leggings; auf Ge-sicht, Arme und nackte Brust hatten sie ebenfalls rote Farbe aufgetragen. Jeder trug eine Kappe der Hundegemeinschaft, mit einem schmalen, perlenbesetzten Band und den Federn eines Adlers und eines Raben; die Federn waren gebündelt und zusammengeschnürt, so daß sie steil nach oben ragten. Jeder Mann hatte eine Pfeife aus Adlerknochen an einem Lederriemen um den Hals hängen und war mit Pfeil und Bogen sowie einem Gewehr oder einer Muskete bewaffnet, über und über mit Kriegsinsignien bemalt.
Narbengesicht sah, wie in Charles die Erkenntnis aufdämmerte. Er grinste und schwenkte sein Gewehr auf und nieder. Die anderen bellten und heulten.
Holzfuß und Boy schlossen zu Charles auf. »Oh, mein Gott, Charlie, das ist kein Zufall. Ich hätte ihm den Lendenschurz nicht abreißen sollen. Er hat den ganzen Sommer auf uns gewartet. Er wußte, daß wir wahrscheinlich auf diesem Weg zurückkehren würden.«
Charles wollte gerade fragen, ob sie eine Unterredung signalisieren sollten. Der Knall eines Indianergewehrs ließ allein die Idee schon närrisch erscheinen.
DIE TOUR DES PRÄSIDENTEN
Auf dem Weg von Buffalo nach Cleveland.
Ein freudiges Auf-Wiedersehen von den Einwohnern von Buffalo.
Begeisterte Demonstrationen in Silver Creek und Erie.
Große Feier bei den Western-Reserve-Radikalen.
Sondermeldung an die New York Times Cleveland, Ohio, Montag, 3. September
Die Begeisterung der Menschen wächst, je länger die Tour der Truppe des Präsidenten dauert ...
MADELINES JOURNAL
September 1866. Sims Junge Pride brachte mir einen weiteren dieser übelriechenden Felsbrocken, diesmal von seinem eigenen Land. Ich sagte ihm, ich wisse nicht, was es sei. Muß Cooper fragen, falls er sich je wieder herabläßt, uns zu besuchen ...
Judith und Marie-Louise sind heute hier. M.-L. blüht und gedeiht! Sie ist jetzt schon stattlicher als ihre Mutter. Judith meint, sie sei in einen Jungen aus Charleston verknallt, aber C. hält sie für zu jung und erlaubt dem Jungen nicht, sie zu besuchen oder ihr kleine Geschenke zu schicken. Wenn M.-L. etwas älter und selbstsicherer ist, dann werden sie und C. sicherlich miteinander Streit bekommen, wenn es um ihre Verehrer geht.
Judith sagt, C. lobe den Präsidenten, seit dieser beschlossen hat, sich gegen seine bei der Gesetzgebung erlittenen Niederlagen zu wehren und den Fall dem Volk vorzutragen. Johnson macht momentan gerade eine >Goodwilltour<, mit Grant und anderen Generälen und Würdenträgern im Schlepptau.
Andrew Johnson und seine Truppe fielen in Ohio ein, dem Heimatstaat von Ben Wade, Stanleys mächtigem Freund und zeitweiligem Wohltäter. In Cleveland, das zu den großen Stationen der Tour zählte, wurde der Präsident von einer großen, freundlichen Menschenmenge am Bahnhof begrüßt. Draußen drückte eine spezielle Dekoration über der Straße Unterstützung für seinen Besuch aus. >die verfassung<, hieß es da, Washington GRÜNDETE SIE. LINCOLN VERTEIDIGTE SIE. JOHNSON WIRD SIE BEWAHREN^
Johnson zeigte sich erfreut. Von da an begann die Wende zum Schlechteren.
In der Dämmerung eilte der Boy General zusammen mit Außenminister Seward den Korridor des Kennard-Hotels in Cleveland entlang. Am Nacken des Ministers waren immer noch die roten Narben von der Messerattacke zu sehen, die einer von John Wilkes Booths Mitverschwörern gegen ihn geführt hatte, am gleichen Abend, an dem Lincoln erschossen worden war.
Der Boy General war nervös. Das hier war Ben Wades Land; Radikalenland. Der Präsident hatte sich für den Schienenweg entschieden, weil er den Grundstein für ein Stephen-DouglasDenkmal in Chicago legen wollte. Hier stoppte er eigentlich nur, um die Republikaner zu attackieren.
Die Strategie hätte womöglich funktioniert, hätte nicht ein großes Pressekontingent, einschließlich Mr. Gobrights von Associated Press, den Präsidenten begleitet. Die Reporter wollten bei jedem Stopp einen neuen Bericht losjagen, deshalb war es für Johnson unmöglich, jedesmal die gleiche vorbereitete Rede zu halten. So war er gezwungen, das zu tun, was er so schlecht konnte - aus dem Stegreif reden.
Die Spannung des Boy General zeigte sich in seinem federnden Schritt und den huschenden Blicken seiner blauen Augen. George Armstrong Custer, hager und von einer Aura schwung-voller Energie umgeben, trug einen gutgeschnittenen Zivilanzug, der seine schlanke Figur vorteilhaft zur Geltung brachte. Kleine, goldene Sporen klingelten an seinen polierten Stiefeln. Libbie drängte ihn stets, Sporen zu tragen, um die Leute an seine Kriegserfolge zu erinnern.
Seine Heldentaten waren eine Zeitlang das Tagesthema im ganzen Land gewesen - ein verwegener Kavalleriegeneral mit einem bemerkenswerten Siegestalent. Custers Glück, so hatte es jemand getauft. Wie ein Zauberstaub hatte es ihm während des ganzen Krieges angehangen und ihm Erfolg auf dem Schlachtfeld und Ruhm in der Presse eingebracht.
Dann kam der Friede, die Armee schrumpfte, und er verschwand in der Versenkung. Als er vor einigen Monaten aus der Armee ausgetreten war, hatte er den Rang eines Captain innegehabt.
Jetzt stand er am Anfang eines langen, aber zielgerichteten Weges, der ihn wieder ins Rampenlicht führen sollte. Bei einem wichtigen Treffen mit Kriegsminister Stanton hatte er für seinen loyalen Bruder Tom den Rang eines Captain und für sich den Rang eines Lieutenant Colonel herausgeschlagen. Beides galt für die neuen Regimenter im Westen. Bald schon würde er seinen Dienst bei der Seventh Cavalry aufnehmen.
Er hielt das für eine gute Gelegenheit, denn der Kommandeur des siebten Regiments, General Andrew Jackson Smith, war ein Veteran mit dreißig Dienstjahren auf dem Buckel - ein alter, müder, eitler Mann. Auf Smith lastete die Verantwortung für den ganzen Bezirk Upper Arkansas, und so nahm Custer an, daß er nicht jeden Tag das Kommando bei der Siebten führen konnte. Das waren die idealen Voraussetzungen für ihn, um sich ein eigenes Regiment aufzubauen.
Er betrachtete die Siebte allerdings nicht als Endziel. Politiker traten jetzt schon für Grant als Präsidentschaftskandidaten ein, und Libbie Custer hatte dafür gesorgt, daß sich der Blick ihres Mannes ebenfalls auf dieses hohe Amt richtete. Er war fasziniert davon, stimmte allerdings mit Libbie darin überein, daß er irgendwelche spektakulären militärischen Erfolge benötigte, die ihn wieder als hellen Stern erstrahlen lassen würden. In der Zwischenzeit konnte er seinen Ruf aufpolieren, indem er die Tour mit Johnson mitmachte. Zumindest hatte er das am Anfang geglaubt; jetzt hatte die Tour eine Wendung zum Schlechteren genommen.
Custers lange, wellige Lockenpracht umtanzte seine Schultern; sein Blick flog voraus auf die offenen Türen des Salons. Er erspähte Minister Welles, Admiral Farragut und andere Würdenträger. Unter der Vorgabe, sich nicht wohl zu fühlen, war Grant schon nach Detroit vorausgeeilt. Insgeheim war Custer davon überzeugt, daß die Indisposition von einer Flasche herrühre -oder vielleicht von den Gerüchten, daß es in Cleveland Ärger geben könnte.