Der siebenundzwanzigjährige Soldat hoffte, die Gerüchte würden sich als falsch erweisen. Ohio war sein Heimatstaat; er hatte die Südstaatler schon immer gemocht, selbst wenn er gegen sie gekämpft hatte. Er hatte ein Kommando in einem der neuen farbigen Regimenter, dem Neunten, glatt verweigert, und er hegte die Überzeugung, daß die Republikanische Partei lieber untergehen sollte, anstatt ihren Erfolg ausschließlich mit den Stimmen der Exsklaven zu suchen.
Nahe der Salontüren sagte Custer zu Seward: »Glauben Sie, Herr Minister, man sollte den Präsidenten noch einmal zur Vorsicht mahnen? An Senator Doolittles Warnung erinnern?« In einem vertraulichen Memo hatte Doolittle festgestellt, daß Johnsons Feinde nie Vorteile aus seinen niedergeschriebenen Ansichten ziehen konnten, sondern stets nur aus seinen spontanen Antworten auf irgendwelche Fragen oder Angriffe.
»Ich werde mich darum kümmern, George«, sagte Seward.
Sie betraten den Salon. Modisch gekleidete Männer und Frauen umringten den Präsidenten und eine junge Frau, die eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm besaß - Mrs. Martha Patterson, seine Tochter. Sie hatte für Johnson die Rolle der Gastgeberin übernommen, da dessen Frau Eliza invalid war.
Während Seward sich an den Präsidenten heranschob, schlug Custer einen Bogen zu den hohen Flügelfenstern. Er studierte die Menge unten. Ungefähr dreihundert, schätzte er, und es wurden laufend mehr. Er lauschte dem einheitlichen Stimmengewirr. Lärmend, aber nicht sonderlich freudig. Die Leute am Bahnhof hatten viel gelacht.
Er trat in die Mitte der Balkontür. Wie erwartet, reagierte die Menge darauf.
»Da ist Custer!«
Das löste einige Pfiffe und Beifall aus. Er wollte gerade winken, hielt sich aber zurück, als er Buhrufe hörte. Sein normalerweise rötliches Gesicht verdunkelte sich, und er trat hastig zurück. Vielleicht sollte er, genau wie Grant, die Stadt verlassen.
Libbie schwebte in den Raum, zog wie stets die Aufmerksamkeit auf sich. Was für ein herrliches Wesen er doch geheiratet hatte, dachte er und ging auf sie zu. Lebhafte dunkle Augen, üppiger Busen und eine Taille, um die sie andere Frauen beneideten.
Sie nahm seinen Arm und flüsterte: »Wie ist die Menschenmenge, Autie?«
»Nicht freundlich. Wenn er mehr tut, als ihnen nur zu danken, dann ist er ein Narr.«
Lächelnd führte er seine Frau zu der großen Gruppe. »Herr Präsident«, sagte er voller Wärme, »guten Abend!«
Die Menge in der St. Clair Street wurde allmählich ungeduldig. Die vor dem Kennard-Hotel gespannten Lampions warfen ein bläßliches Licht auf die emporgerichteten Gesichter, darunter viele häßliche Gesichter, in denen sich die üble Stimmung widerspiegelte.
Ein Mann ganz hinten in der Menge beobachtete die Leute sorgfältig. Er trug einen schäbigen Umhang und eine Armeemütze der Union mit den gekreuzten Kanonen der Artillerie. Ein anderer Mann schlüpfte neben ihn. »Alle an Ort und Stelle«, sagte der zweite Mann.
»Gut. Ich hoffe, sie wissen, was sie zu tun haben.«
»Ich bin's noch mal mit ihnen durchgegangen, bevor ich sie bezahlt habe.«
Minister Seward erschien auf dem Balkon und kündigte den Präsidenten an. Der untersetzte, dunkelhäutige Andrew Johnson kam heraus und hob die Arme, um sich für den spärlichen Applaus zu bedanken.
»Meine Freunde und Wähler, ich danke Ihnen für den herzlichen Empfang in Cleveland. Ich habe nicht die Absicht, eine Rede zu halten.«
Der Mann mit der Feldmütze grinste. Der Idiot sagte fast immer dasselbe, warf seinem Publikum ein Stichwort hin. Einer der angeheuerten Männer nahm es auf. »Dann tu's halt nicht.«
Gelächter. Klatschen. Johnson packte das Balkongeländer. »Ihr Schreihälse scheint mich überallhin zu verfolgen. Bringt wenigstens soviel Höflichkeit -«
»Wo ist Grant?«
»Ich bedaure, daß General Grant nicht an meiner Seite sein kann. Er -« Gejohle verschluckte den Rest.
»Warum wollen Sie nicht, daß Farbige im Süden wählen können?« brüllte jemand.
Seward berührte Johnson am Ärmel, um ihn zu warnen. Der Präsident zog den Arm weg. »Kehrt erst mal vor eurer eigenen Tür!« schrie er. »Laßt eure eigenen Neger hier in Ohio wählen, bevor ihr euch dafür stark macht, das Wahlrecht im Süden zu verbreiten.«
Von verschiedenen Seiten begann es Zwischenrufe zu hageln:
»Du hast ja kein Rückgrat.«
»Gefängnis ist zu gut für Jeff Davis!«
»Hängt ihn. Hängt ihn!«
Johnson explodierte. »Warum hängt ihr nicht Ben Wade?« Laute Buhrufe, die den Präsidenten nur beflügelten. »Warum hängt ihr nicht Wendell Phillips und Thad Stevens, wenn ihr schon dabei seid? Ich sage euch eins. Ich habe Verräter im Süden bekämpft, und ich bin bereit, sie auch im Norden zu bekämpfen.«
»Du bist der Verräter!« überbrüllte jemand das Gejohle und Gezische. »Du und deine National Union Party. Verräter!«
Die Schmähung brachte den Präsidenten in Rage. Er drohte dem Mob mit einem Finger. »Wer immer das gesagt hat, er soll sich zeigen. Nein, natürlich wird er das nicht. Falls er jemanden erschießen will, dann wird er das im Dunkeln tun, von hinten.«
Ein Tumult brach los. Johnson, der nun endgültig die Beherrschung verlor, überschrie ihn:
»Das hat der Kongreß auf dem Gewissen. Der Kongreß hat euren Geist vergiftet, aber nichts getan, um die Union wiederherzustellen. Statt dessen teilen sie das amerikanische Volk, Eroberer gegen Eroberte, Republikaner gegen Demokraten, Weiße gegen Schwarze. Hätte Abraham Lincoln das erlebt, dann müßte auch er die bösartige Feindseligkeit der nach Macht gierenden radikalen Clique erdulden.« Außer sich bemühte sich Se-ward, ihn hineinzuziehen. ». dieser Krämerseelen des Hasses, die nun den Kongreß und den Senat kontrollieren und die auch mich einzuschüchtern und zu kontrollieren versuchen.«
»Lügner!« brüllte jemand. Johnsons Kinnlade bewegte sich, aber in dem wachsenden Lärm konnte ihn niemand hören. Er schüttelte drohend eine Faust. »Lügner, Lügner«, skandierten sie unten, von Mal zu Mal lauter.
Hinten in der Menge erlaubte sich der Mann mit der Feldmütze, der auf Anweisung einer Mittelsperson die Leute angeheuert hatte, ein Lächeln. Der Plan hatte perfekt funktioniert. Johnson tobte vor Wut; um Mitternacht würden die Reporter bereits jedes Wort dieses Debakels durchgegeben haben. Johnson war so närrisch zu glauben, er könne Wade ungestraft angreifen. Der Mann mit der Feldmütze war überzeugt davon, daß der Senator die Störungen arrangiert und bezahlt hatte, obwohl es natürlich keine direkte Verbindung zu ihm gab. Dafür waren schließlich Mittelsmänner da.
»Lügner! Lügner! Lügner! Lügner!«
Das Gebrüll hatte für ihn einen lieblichen Klang; es bedeutete einen großzügigen Bonus. Der Mann mit der Feldmütze entfernte sich eilig von der gröhlenden Menge. Am Telegraphenschalter des Bahnhofs griff er zu Block und Bleistift und verkündete dem Mittelsmann, der ihn angeheuert hatte, seinen Erfolg. In die erste Zeile schrieb er in Druckbuchstaben
MR. S. HAZARD, WASHINGTON, D.C.
...Es hat den Anschein, als würde Mr. Johnsons Tour in einer Katastrophe enden. Es ist traurig und merkwürdig zugleich, daß dieses erschöpfte Land der große Preis ist, um den so heftig gekämpft wird. Ein Krieg hat lediglich zum nächsten geführt...
... Letzte Nacht ein weiterer Attentatsversuch gegen die Schule.
Bei schlechtem Wetter werden die Fenster durch Läden geschützt. Glas können wir uns nicht leisten. Wer immer für die Tat verant-wörtlich ist, er scherte sich nicht um den Lärm, als er die Fensterläden abriß. Es war ein stiller Abend, und der Krach drang bis zu Andys Hütte. Er rannte hin und stürzte sich im Dunkeln auf den Übeltäter. Der Mann schlug ihn zusammen und floh. Sein Gesicht bekam Andy gar nicht zu sehen.