Hinter dem Hügelkamm tauchten die drei Indianer wieder auf und fingen ihre Pferde ein. Dann trotteten sie auf Narbengesicht zu, der an der Stelle auf sie wartete, wo Charles die Indianer zuerst gesehen hatte.
Charles raste auf den Fleck zu, wo Boy verschwunden war. Der Sturm fegte ihm Gras und Erde in die Augen. Als Narbengesicht sah, daß sich Charles von Holzfuß' Leiche entfernte, gab er seinen restlichen Kriegern ein Zeichen; sie ritten auf die Stelle zu.
Charles kam an zwei Packmulis vorbei, die an ihren Schußwunden verbluteten. Wieder zuckten Blitze auf. »Boy?« brüllte er und kämpfte sich mit vor Schwäche zitternden Beinen den Hügel hoch. »Boy, gib Antwort!«
Die einzige Antwort war ein Blitzschlag. Gras rauchte, glühte orangefarben auf, dann schlugen Flammen empor. Allmächtiger, das Ende der Welt, dachte Charles, während er den Hang hinab auf ein ausgetrocknetes Flußbett zustolperte. Auf seiner Seite glänzte niedergetrampeltes Gras feucht und schwarz. Mitten in dem Blut lag etwas, was so formlos wie ein Kartoffelsack war.
Über den Hügel hinter ihm zuckte ein Wall von Flammen, scharlach, orange, weiß. Der Wall breitete sich nach allen Seiten aus. In Texas hatte er einmal ein ähnliches Präriefeuer erlebt, das vierzig Quadratmeilen zerstört hatte.
Er erreichte das formlose Ding und starrte hinunter; der Schock hatte jedes Gefühl in ihm abgetötet. Boy lag da, sein jämmerlich deformierter Kopf ruhte in dem trockenen Flußbett. Ein Messer hatte ihn von der Kehle bis zum Bauch aufgeschlitzt. Aus der Brusthöhlung, in der es bereits von Fliegen wimmelte, ragten die Überreste von Fen. Ein Bein, dessen Knochen aus dem Fell schaute; ein Teil der Schnauze und des Schädels, einschließlich eines Auges. Andere Teile lagen verstreut im Gras.
Charles starrte höchstens fünf Sekunden auf das Gemetzel, aber es hätte genausogut auch ein Jahrhundert sein können.
Schließlich wandte er sich ab und mühte sich wieder den Hügel mit der dahinter lodernden Feuerwand hoch. Holzfuß tot, Boy tot. Der nächste werde ich sein, aber ich muß diesen nar-bengesichtigen Bastard mitnehmen.
Von dem Kamm aus sah er Narbengesicht und fünf andere in einiger Entfernung auf ihren Ponys sitzen; die wehenden Rauchfahnen ließen sie verschwinden und wieder auftauchen. Die Cheyenne hatten ihre ursprüngliche Position leicht nach Süden verlagert. Trotz des Rauches konnte Charles einen neuen Ausdruck auf ihren Gesichtern erkennen: Bedenken oder zumindest gewisse Zweifel. Das Feuer hatte sich bereits den halben Hang hochgearbeitet, auf dessen Kamm die Jackson Trading Company ihren letzten vergeblichen Kampf gekämpft hatte.
Der Schweiß tropfte ihm vom Gesicht, als er auf die Stelle zustolperte, wo er Holzfuß zurückgelassen hatte. Das ist Sharps-burg, noch einmal von vorn, dachte er. Das ist das nördliche Virginia, wieder und wieder.
Hinter dem Rauchvorhang lächelte Narbengesicht. Charles fragte sich, warum, während er sich Holzfuß' Leiche näherte. Als er hinabschaute, begann er zu würgen.
Von aller Kleidung entblößt lag der bleiche Körper seines Partners da. Ein rotes Loch zwischen den Beinen war mit Fliegen übersät. Die blutigen Genitalien hatten sie ihm in den Mund gestopft. Auf die Augen hatten ihm die Cheyenne kleine Berge von Perlen gehäuft, die im Feuer funkelten.
»Ihr Bastarde«, brüllte Charles. »Ihr dreckigen, unmenschlichen Bastarde.«
Narbengesicht hörte auf zu lächeln. Charles richtete den Colt auf den Cheyenne-Führer, versuchte ihn mit beiden Händen ruhig zu halten. Der Rauch wurde dichter, verbarg Narbengesicht und die anderen. Charles gab einen Schuß ab. Noch einen. Und noch einen. Bis die Trommel leer war.
Hinter dem Rauch und dem Feuer war mittlerweile von den Cheyenne nichts mehr zu sehen. Um Charles zu erreichen, mußten sie entweder durch das Feuer oder einen großen Bogen schlagen. Böiger Wind fauchte durch seine Haare. Das tobende Feuer am Hang erleuchtete sein verzerrtes Gesicht, als wäre es heller Tag.
Wieder teilte sich der Rauchvorhang. Die Cheyenne waren immer noch da. Keiner von Charles' Schüssen hatte getroffen. Narbengesicht trieb die anderen mit einem Zeichen nach vorn.
Ein Cheyenne nach dem anderen schüttelte den Kopf. Sie hatten keine Lust mehr, den tobenden Irren auf dem Hügelkamm, geschützt von einer Wand aus Feuer und Rauch, anzugreifen. Auch wenn sie seine Worte nicht verstanden, so begriffen sie doch deren Bedeutung: »Los, kommt, zeigt mal, wie tapfer ihr seid! Ihr habt einen alten Mann und einen Jungen und einen Hund getötet. Zeigt mal, was ihr mit mir anfangen könnt!«
Einer der widerstrebenden Cheyenne schüttelte wieder den Kopf, diesmal sehr nachdrücklich. Das mißfiel Narbengesicht. Er griff nach dem letzten Mann. Der Cheyenne schlug Narbengesichts Hand beiseite, zog sein Pferd herum und ritt in die stürmische Finsternis hinein. Vier andere folgten ihm nacheinander. Allein gelassen warf Narbengesicht Charles einen verächtlichen Blick zu, bevor er sich dem allgemeinen Rückzug anschloß.
»Kommt zurück, verdammt noch mal. Ihr feigen Hundesöhne!« Alle Kraft verließ ihn, als die Flammen erneut hochschlugen und die Indianer verbargen. Charles brüllte Narbengesicht nach: »Du verdienst es, von dieser Erde weggefegt zu werden, du und dein ganzer Stamm. Ich werde einen Weg finden, darauf kannst du dich verlassen.«
Kannst du dich verlassen ... kannst du dich verlassen ...
Er drehte sich um. zog sich vor der Hitze und dem Feuerschein ein Stück zurück. In seiner linken Hand baumelte Holzfuß' Satteltasche; er konnte sich nicht erinnern, sie vom toten Pferd seines Partners gerissen zu haben.
Die Sturmfront zog weiter nach Osten, nun schon Meilen entfernt. Ein leichter Regen setzte ein, nicht heftig genug, um das Feuer zu löschen. Charles taumelte zwischen den toten Mulis herum, um zu sehen, was er sonst noch retten konnte. Zwei Mulis waren noch unverletzt am Leben. Ihre Zügel in der Linken, kämpfte er sich wieder den Hang hoch.
Das Feuer stoppte ihn. Die große, scharlachfarbene Wand umkurvte nun den Haupthügel und zog sich nach rechts bis zu dem Flußbett hinunter, an dem Boy und Fen gestorben waren. Während er zusah, verschlang das Feuer vollständig den Hügel, auf dem Holzfuß' Leiche lag.
Er konnte sie nicht einmal beerdigen.
Tränen des Zorns liefen ihm übers Gesicht.
Durch einen Glücksfall fand Charles seinen Schecken ungefähr zwei Meilen nordöstlich von dem Feuer. Er ritt auf einem der beiden Maultiere und zog das andere hinter sich her. Ein breiter Stoffstreifen, den er aus seinen Hosen gerissen und mit einem Stock zusammengedreht hatte, hatte die Blutung an seinem rechten Arm gestoppt. Die Wunde schmerzte und mußte versorgt werden, war aber nicht sehr gefährlich. Als er auf Satan traf, der wie aus Stein gehauen dastand, wechselte er in dessen Sattel über und ritt weiter nach Norden, seine Emotionen eine zuckende Masse aus Kummer und Wut. Bei Einbruch der Dunkelheit schlug er sein Lager auf. Er machte ein kleines Feuer und kaute dann ein bißchen Pemmikan aus seiner eigenen Satteltasche. Zwei Bissen, und sein Magen schmerzte. Vier Bissen, und alles kam wieder hoch.
Nach dem Sturm klarte der Himmel auf. In der kalten Brise unter den leuchtenden Sternen krümmte er sich zitternd zusammen. Mit klammen Fingern öffnete er Holzfuß' Satteltasche. Er fand die Töpfe mit den Farben und die zusammengerollte Winterbilanz. Er löste den Riemen und breitete sie vor seinen Füßen aus.
Obwohl er sich den Grund dafür nicht erklären konnte, trieb ihn etwas dazu, den Versuch zu unternehmen, sie zu vollenden. Er öffnete den Topf mit der schwarzen Farbe, befeuchtete den Pinsel und tauchte ihn ein.
Er studierte die verschiedenen Bilder, auch das mit der Zufluchtstätte im Büffelhut-Tipi. Wie er doch diesen Vorfall mißverstanden hatte. Er hatte ihn fälschlicherweise glauben lassen, die Cheyenne seien des Mitgefühls fähig. Das waren sie nicht. Nur die Heiligkeit des Objektes, des Hutes, hatte die Händler gerettet. Die Cheyenne haßten alle Weißen, ganz egal, ob sie einen Grund dafür hatten. Sie besaßen keine Gründe, die ausreichend gewesen wären, die Barbarei zu rechtfertigen, die er gerade erlebt hatte. Sie haßten einfach die Weißen. Auf die gleiche Weise, wie er nun jeden einzelnen von ihnen haßte.