Mühsam malte er drei sehr grobe Strichmännlein, aber die Flecken und Klumpen häuften sich. Schließlich warf er den Pinsel ins Feuer, dann die Farben. Er faßte das Panorama an den Ecken und studierte der Reihe nach jedes Bild, bis jeder Impuls zu weinen aus ihm herausgebrannt war. Er trauerte im-mer noch, aber die Trauer hatte sich verhärtet. Sein eigenes Leben, das wiederaufzubauen er sich im vergangenen Winter so viel Mühe gegeben hatte, war so schnell und sicher vernichtet worden wie das Gras in der Bahn des Präriefeuers.
Sharpsburg, noch einmal von vorn.
Der Norden Virginias, wieder und wieder.
Nichts ändert sich.
Jesus Christus!
Er legte die Winterbilanz auf das Feuer und sah zu, wie sie verbrannte. Sie wollen töten. Das können sie haben, dachte er. Ich verstehe mehr vom Töten als sie. Ich hatte fünfhunderttausend erfahrene Lehrer.
Die Figuren des Panoramas färbten sich schwarz und verbrannten, während er sich jedes einzelne Bild einzuprägen suchte.
Drittes Buch
Banditi
Ich bin gerade mit der Union Pacific Railway, E.D., von Fort Wallace zurückgekehrt. Entlang des ganzen Schienenstrangs sind die Indianer mit ihrem barbarischen Krieg beschäftigt. Am Samstag wurden keine zwanzig Meilen von Fort Harker entfernt drei unserer Männer getötet und skalpiert ... Was kann man tun, um diesen Grausamkeiten ein Ende zu bereiten?
John D. Perry Präsident der U.P.E.D., zum Gouverneur von Kansas 1867
Die Unterzeichnung durch die Häuptlinge war eine reine Formalität. Kein Wort des Vertrags wurde ihnen vorgelesen ... Wer hat schuld, wenn so der Krieg kein Ende findet? Die Regierungskommissare.
Henry M. Stanley New York Tribune nach Medicine Lodge Creek 1867
Die Grenzlandbewohner behaupten stets, die Indianer seien auf dem Kriegspfad, und die Regierungskommissare und Indianeragenten behaupten, es herrsche Frieden; wir stehen mittendrin und werden von beiden Seiten beschimpft.
Jahresbericht von General William T. Sherman 1867
24
Ein Gewitter tobte über den Himmel und ließ die Erde erbeben. Auf der überfluteten Straße von Leavenworth City kam ein Reiter aus der Dunkelheit galoppiert.
Der müde Wachposten trat in den Regen hinaus und hielt den Reiter an. Ein Blitz tauchte ihn in blendendes Weiß. Sein Schnurrbart hing herunter, sein voller, verfilzter Bart mußte gestutzt werden. Ein ponchoartiges, aus Flicken zusammengesetztes Kleidungsstück hing ihm von den Schultern. Er kaute auf einem kalten Zigarrenstummel herum.
Von der Kappe des jungenhaften Wachpostens tropfte der Regen. »Nennen Sie Ihren Namen, und sagen Sie, was Sie hier im Armeeposten wünschen.«
»Aus dem Weg.«
»Mister, ich befehle Ihnen, mir Ihren Namen und ...«
Schnell wie ein Lidschlag war ein Armeecolt in der Hand des Mannes. Mit einer einzigen fließenden Bewegung richtete er sich auf die Stirn des Postens. Ein weiterer Blitz enthüllte die Augen des Mannes unter der Hutkrempe. Der Wachposten sah, daß in ihnen die Hölle tobte.
Erschrocken zog sich der Posten zum Wachhäuschen zurück. Seine lange Unterwäsche fühlte sich plötzlich feucht an. Er winkte. »Passieren.«
Der Reiter galoppierte bereits weiter.
Der Regen trommelte aufs Dach. Jack Duncan schenkte Brandy ein. Charles nahm seinen Drink wortlos entgegen. Dem Brigadier gefiel das ganz und gar nicht, genausowenig wie das verwahrloste Aussehen seines Überraschungsgastes und die Ringe unter seinen Augen. Charles hatte Duncan mit seiner Ankunft um halb zwei Uhr morgens verblüfft und dann noch einmal mit seiner Ankündigung, wieder in die Armee eintreten zu wollen.
»Ich dachte, dir reicht's.«
»Nein.« Charles warf den Kopf zurück und kippte den Brandy hinunter.
»Nun, Charles Main kann nicht eintreten. Ebensowenig Charles May, zuletzt in Jefferson Barracks.«
»Ich wähle einen anderen Namen.«
»Charles, beruhige dich. Du bist ja außer dir. Was ist passiert?«
Er knallte das leere Glas auf eine Packkiste, die als Tisch diente. »Adolphus Jackson hat mich durch eines der schlimmsten Jahre meines Lebens gebracht. Er hat mir mehr über die Prärie beigebracht, als ich dir in einer Woche erzählen könnte. Ich werde es den Bastarden heimzahlen, die ihn niedergemetzelt haben.«
Duncans vor Müdigkeit aufgequollenes Gesicht zeigte Mißbilligung. Er zog seinen alten Morgenmantel zusammen und marschierte neben dem alten, jetzt kalten Eisenofen auf und ab. »Ich mache dir keinen Vorwurf, daß du zornig bist über das, was die Cheyenne getan haben. Allerdings halte ich das nicht für ein ideales Motiv, um ...«
»Ich empfinde ebenso«, unterbrach ihn Charles. »Sag mir einfach nur, ob ich eine Chance habe.«
Seine laute Stimme weckte Maureen. Durch die Tür ihres Zimmers drang eine schläfrige Frage. Mit der Sanftheit eines aufmerksamen Ehemannes sagte der Brigadier: »Schlaf nur weiter. Es ist nichts.« Charles starrte die geschlossene Tür an, erinnerte sich daran, daß einst Willa hier geschlafen hatte.
»Eine kleine Chance, nicht mehr«, beantwortete Duncan seine Frage. »Kennst du den Namen Grierson?«
»Ich kenne Griersons Sechste Illinois-Kavallerie. Die sind innerhalb von sechzehn Tagen auf Konföderationsgebiet sechshundert Meilen geritten, um Pemberton wegzulocken, während Grant den Mississippi unterhalb Vicksburg überquerte. Dieser Ritt war eines Jeb Stuart oder Wade Hampton würdig. Falls es sich um diesen Grierson handelt - der Mann wäre gut genug für unsere Seite gewesen.«
Duncan freute sich, daß Charles eine Spur schwarzen Humors aufbrachte. »Es ist dieser selbe Grierson. Für einen Musiklehrer aus einer Kleinstadt, der Angst vor Pferden hatte, ist aus ihm ein verdammt guter Kavallerist geworden.«
»Angst wovor?« Charles konnte es nicht glauben.
»Es stimmt. Mit acht Jahren wurde er von einem Pony getreten. Die Narbe ist heute noch zu sehen.« Duncan berührte seine rechte Wange. »Grierson kam vorgestern hier an, um auf die Rekruten seines neuen Regiments zu warten; eines von denen, die der Kongreß im Juli genehmigt hat. Grierson ist verzweifelt auf der Suche nach guten Offizieren, die führen und ausbilden können, aber niemand will in der Zehnten Kavallerie dienen. Die Männer werden in New York, Philadelphia, Boston rekrutiert - der Abschaum des Großstadtproletariats. Meist Analphabeten.«
»Die Armee ist voll von Analphabeten.«
»Aber nicht von solchen. Griersons Männer werden ausschließlich Schwarze sein.«
Das brachte Charles zum Schweigen. Er schenkte sich Brandy nach, überlegte scharf.
Duncan erklärte, daß ein 9. Kavallerieregiment im Rahmen von Phil Sheridans Golfdivision zusammengestellt wurde; Shermans Division würde das Zehnte Regiment kriegen. »Grierson erzählte mir, die Anwerber hätten bis jetzt erst einen Kavalleristen unter Vertrag nehmen können. Das Kriegsministerium besteht auf qualifizierten weißen Offizieren, doch Unionsveteranen, die sich um ein Offizierspatent bewerben, möchten es nicht im Zehnten. Kennst du George Custer?«