»Ja. Bei Brandy Station habe ich ihm kurz gegenübergestanden. Es heißt, er sei ein ruhmsüchtiger Gockel, aber immerhin hat er Schlachten gewonnen.«
»Custer ist begierig, wieder die Uniform anzuziehen, aber ins Neunte Regiment würde er trotzdem nicht eintreten. Das ist typisch. Die Soldaten der Union haben zwar für den farbigen Mann gekämpft, aber im großen und ganzen mögen sie ihn nicht und wollen auch nichts mit ihm zu tun haben. Grierson ist da eine Ausnahme. Ein richtiger Idealist.«
»Was müßte ich tun, um ins Zehnte Regiment zu kommen?«
»Mehr, als nur den Wunsch zu äußern. Du brauchst Kriegserfahrung. Untersuchung durch einen speziellen Ausschuß. Und Begnadigung durch den Präsidenten. Auch für Charles Main, der die Militärakademie absolviert hat. Aber ich nehme nicht an, daß jemand wie du bereit ist, Neger zu kommandieren.«
»Wenn sie was taugen, warum nicht? Ich kenne die Schwarzen verdammt viel besser als die meisten Yankees.«
»Das werden Schwarze aus dem Norden sein. Als erstes werden sie deinen Akzent mitkriegen. Wird ihnen gar nicht gefallen.«
»Damit werde ich schon fertig.«
»Denk darüber nach, bevor du das sagst. Ein Schritt nach vorn, und du bist über die Klippe. Dann kannst du es dir nicht mehr anders überlegen.«
»Verdammt noch mal, ich würde Männer mit blauer Haut kommandieren, wenn sie Indianer umbringen können. Was für Chancen habe ich?«
Duncan starrte durch das Salonfenster hinaus in den scheußlichen Regen, während er darüber nachdachte. »Ungefähr fifty-fifty. Wenn Grierson dich nimmt, dann könnte er dir den Weg zu General Hancock von der Division ebnen. Ich ebenfalls.«
»Könnte ich die Begnadigung bekommen?«
»Schon, wenn du in bezug auf deinen Dienstgrad als Scout bei Hampton lügst. Stuf ihn ein bißchen runter. Sag, du habest nicht zur festen Truppe gehört. Existieren Personalakten, die das widerlegen könnten?«
»Wahrscheinlich nicht. Es heißt, die meisten seien in Rich-mond verbrannt.«
»Dann solltest du keine Schwierigkeiten haben. Für eine Begnadigung brauchst du einen anderen Namen und die Dienste eines Maklers. Das wird so um die fünfhundert Dollar kosten.«
Charles stieß etwas Obszönes hervor und lehnte sich zurück; die flackernde Flamme der Öllampe beleuchtete eine Seite seines starren Gesichts.
»Ich bringe das Geld auf«, sagte der Brigadier. »Außerdem kenne ich einen Spitzenmakler. Anwalt in Washington, namens Dills.« Pause. »Ich habe immer noch Bedenken, Charles. Ich weiß, daß du ein guter Soldat bist. Aber der Grund, aus dem du zurückkehrst, ist falsch.«
»Wann kann ich Grierson sehen?«
»Morgen, schätze ich.« Duncan räusperte sich, schnüffelte dann unmißverständlich. »Nachdem du gebadet hast.«
Weit entfernt grollte das Gewitter. Charles lächelte. Es erinnerte Duncan an die Grimasse eines Totenschädels.
Die Zehnte Kavallerie hatte an der Ostseite des Exerzierplatzes provisorische Büros zugewiesen bekommen. Ein Captain in mittleren Jahren duckte sich mit der argwöhnischen Wachsamkeit eines Mannes, der eine Festung zu verteidigen hat, hinter seinem Schreibtisch zusammen. Über heruntergezogene Mundwinkel senkte sich ein fast weißer Schnurrbart.
»Kann ich zu ihm, Ike?«
»Ich denke schon, General Duncan.« Der Captain klopfte und betrat das innere Büro.
Duncan neigte seinen Kopf in Richtung der geschlossenen Tür und sagte zu Charles: »Ike ist seit zwanzig Jahren in der Armee. Zäher Hund. Mehrfach ausgezeichnet.«
Der Captain tauchte wieder auf; die Tür ließ er offen. Der Brigadier sagte: »Das ist mein Schwiegersohn, Charles.« Sie hatten beschlossen, diesen Teil seines Namens beizubehalten. »Cap-tain Isaac Newton Bares Regimentsadjutant.«
»Stellvertretender Adjutant«, sagte Barnes mit Betonung.
Nachdem Duncan hineingegangen war und die Tür geschlossen hatte, sagte Charles: »Es ist mir ein Vergnügen, Sir.« Es zahlte sich aus, einen Adjutanten mit Respekt zu behandeln; für gewöhnlich verfügte er über mehr Macht als der kommandierende Offizier.
Mürrisch starrte Ike Barnes das Gewirr von Ordnern, Akten und Berichten auf seinem Schreibtisch an. Im Profil ähnelte er einem S - runde Schulter, konkaver Rücken, beachtlicher Bauch. Er kniff das rechte Auge leicht zusammen.
»Ich hasse diesen Job«, sagte er und setzte sich. »Ich bin Kavallerist, kein verfluchter Bürohengst. Sobald der Colonel jemanden findet, der dämlich genug ist, diese verdammten Papiere herumzuschieben, bin ich bei der C-Kompanie.«
Ein atemloser Sergeant kam hereingestürzt. »Captain! Zwei farbige Jungs an der Anlegestelle. Sie gehören Ihnen.«
»Zum Teufel noch mal, Sergeant, Sie wissen doch ganz genau, daß Sie innerhalb einer Meile von diesem Büro nicht >farbig< zu sagen haben. Der Colonel wird nicht dulden, daß sein Regiment genauso wie im Krieg bezeichnet wird. Das hier ist nicht die Zehnte Farbige Kavallerie, das ist die Zehnte Kavallerie. Entschuldigen Sie mich«, bellte er zu Charles hinüber, bevor er mit dem Unteroffizier hinausging. Sein massiver Bauch schien sich selbsttätig zu bewegen, wie eine Art Ehrengarde. Charles brachte tatsächlich ein Lächeln zustande.
Nach zehn Minuten kam Duncan heraus. »Er ist interessiert. Erzähl diesmal die Wahrheit, und schau zu, wie du klarkommst.« Er schlug Charles auf die Schultern. »Viel Glück.«
Colonel Benjamin F. Griersons gewaltiger Bart und seine kühne Nase verliehen ihm das Aussehen eines Piraten, was noch durch die Gesichtsnarbe verstärkt wurde. Nachdem er Charles einen Platz angeboten hatte, legte er ein neues Blatt Papier auf seinen Schreibtisch.
»Ich will offen sein, Mr. Main. Ihr Interesse an der Zehnten bringt mehr als ein Problem mit sich. Bevor wir uns darum kümmern, würde ich gerne wissen, weshalb Sie hier sind. Jack hat Ihnen erzählt, daß Unmengen fähiger Offiziere in dieser Armee die Idee eines Negerregimentes verabscheuen.«
»Er hat es mir erzählt, Sir. Ich bin hier, weil ich Soldat bin. Und das alles, was ich bin und kann. Die Cheyenne im Süden haben vor einigen Monaten meinen Partner und dessen Neffen getötet.«
»Jack sprach davon. Es tut mir leid.«
»Danke. Ich will es den Cheyenne heimzahlen.«
»Nicht in meinem Regiment, Sir«, sagte Grierson mit einer Spur von Zorn in der Stimme. »Das Zehnte Regiment wird keine Politik machen, sondern sie nur ausführen. General Sherman hat uns die Aufgabe gestellt, für größere militärische Präsenz im Westen zu sorgen. Das ist eine rein defensive Aufgabe. Wir haben die Siedler, die Reisewege, die Eisenbahnbautrupps zu beschützen. Wir haben nicht anzugreifen, falls wir nicht selbst angegriffen werden.«
»Sir, es tut mir leid, daß ich ...«
»Hören Sie mich an, Sir. Bevor wir unsere Aufgabe erfüllen können, müssen wir Stadtmenschen beibringen zu marschieren, reiten, schießen und sich militärisch einwandfrei zu benehmen. Und ich spreche von ungebildeten Menschen, Mr. Main - Gepäckträgern, Kellnern, Kutschern. Schwarze Männer, die nie eine Chance auf einen anständigen Beruf hatten. Ich habe die Absicht, aus diesen Männern gute Soldaten zu machen, auf die jeder Kommandant stolz sein könnte. Ich werde es auf die gleiche Art und Weise tun, wie ich früher meinen Musikschülern in Illinois die Tonleiter beigebracht habe. Mit strenger Disziplin und ständigem, erbarmungslosem Drill. Dafür werden meine Offiziere zuständig sein. Für persönliche Rachefeldzüge werden sie keine Zeit haben.«
»Ich bedaure meine Bemerkung, Sir. Ich verstehe, was Sie meinen.«
»Gut«, sagte Grierson. »Andernfalls würde ich keine weitere Zeit auf Sie verschwenden.«
Er musterte Charles abwägend und fügte hinzu: »Nein, das entspricht nicht ganz der Wahrheit. Ich unterhalte mich mit Ihnen nicht ganz freiwillig, sondern aus der vorhin erwähnten puren Not heraus. Ich muß jedoch gestehen, daß es mir etwas widerstrebt, einen Südstaatler zu rekrutieren.«