Groll stieg in Charles auf, aber er verhielt sich still.
»Ich habe eine höchst eigenartige Vision von diesem Land. Eigenartig in dem Sinne, daß sie offensichtlich nicht von Tausenden von Brevet Colonels und Generalen geteilt wird, die hinter einigen wenigen untergeordneten Offizierspatenten herjagen. Ich glaube wörtlich an Mr. Jeffersons Erklärung, daß alle Menschen gleich geschaffen wurden; auch wenn das nicht auf Geist und Körper und Umstände zutrifft, so doch zumindest, was ihre Chancen anbelangt. Ich glaube, wir haben - ganz gleich, ob das nun erkannt wird oder nicht - diesen Krieg ausgefochten, um die schwarze Rasse in diese Vision einzuschließen. Ich weiß, daß meine Vorstellung sich nicht gerade allgemeiner Beliebtheit erfreut. Viele meiner Offizierskollegen beschuldigen mich, ich würde sie - ihre eigenen Worte - >zu Tode niggern<. Soll es so sein. Die Vision muß in erster Linie in diesem neuen Regiment zum Ausdruck kommen. Wenn das Regiment nicht funktioniert, dann funktioniert die Armee nicht, dann funktioniert Amerika nicht, dann funktioniert nichts. Deshalb müssen meine Offiziere freudig die zusätzliche Bürde auf sich nehmen, zwischen ihren Männern und der extremen Feindseligkeit und den Vorurteilen, wie sie in der Armee grassieren, zu stehen.«
Sein Blick wich keinen Millimeter ab. »Sie stammen aus South Carolina. Mir ist das egal, außer es bedeutet, Sie können nicht nach meinen Regeln leben. Wenn das der Fall ist, dann will ich Sie auch nicht.«
Sehr angespannt, weil er eine Zurückweisung befürchtete, sagte Charles: »Ich kann es, Sir.«
»Sie können offen und ehrlich mit Negersoldaten umgehen?«
»Mit den Schwarzen auf der Plantage, wo ich aufgewachsen bin, habe ich mich gut verstanden.«
Wieder die falsche Antwort. Verächtlich winkte Grierson ab. »Leibeigene, Mr. Main. Sklaven. Das ist hier unwesentlich.«
Charles' Stimme wurde etwas schärfer. »Lassen Sie es mich anders ausdrücken, Sir. Nein, ich werde nicht mit jedem einzelnen Mann auskommen.« Grierson wollte etwas entgegnen, aber Charles sprach weiter. »Ich bin auch nicht mit allen weißen Männern in der Wade-Hampton-Legion oder der Zweiten Kavallerie in Texas gut ausgekommen. Jede Truppe hat ihre Idioten und Drückeberger. Diesen Typ von Mann habe ich stets gewarnt, aber immer nur einmal. Wenn er so weitermachte, habe ich ihn eingebuchtet. War dann immer noch nicht Schluß, dann sorgte ich für seine Entlassung. Im Zehnten Regiment würde ich genauso handeln.« Er starrte Grierson an. »Wie ein Profi.«
Schweigen. Grierson starrte zurück. Plötzlich blitzte zwischen dem buschigen Schnurrbart und dem üppigen Kinnbart ein Lächeln auf.
»Eine gute Antwort. Die Antwort eines Soldaten. Ich akzeptiere sie. Die Männer der Zehnten werden aufgrund ihrer Leistung beurteilt, und nichts anderes.«
»Jawohl, Sir«, sagte Charles, obwohl ihm bei seiner schnellen Antwort ein bißchen unbehaglich zumute wurde. Seine hastige Zustimmung rührte daher, daß er in ein Regiment eintreten wollte, in irgendein Regiment, und dieses hier suchte verzweifelt nach Offizieren. Doch er hatte ernste Bedenken, ob man aus Stadtnegern gute Soldaten machen konnte - genau die gleichen Bedenken, die er bei dem weißen Abschaum in Jefferson Barracks gehabt hatte.
Grierson beugte sich vor. »Mr. Main, ich verabscheue Lügner und Betrüger und werde mich doch so verhalten müssen. Sie ebenfalls, wenn der spezielle Untersuchungsausschuß Sie befragt. Zumindest ein Mitglied, Captain Krug, wird Ihnen schwer zusetzen. Er haßt jeden Mann, der das Grau der Konföderation getragen hat. Sein jüngerer Bruder starb im Gefängnis von Andersonville.«
Charles nickte, prägte sich den Namen ein.
»Jetzt zu den Einzelheiten.« Grierson tauchte seine Feder ein. »Sie haben ein Begnadigungsgesuch eingereicht?«
»Der Brief wird heute noch geschrieben.«
»Ich bin über Ihre Erfahrungen in Jefferson Barracks informiert. Was für einen Namen sollen wir diesmal nehmen?«
»Ich denke, er sollte vertraut klingen, damit ich ganz normal darauf reagiere. Charles August. Der Name August ist für mich familiär.«
»August. Gut.« Die Feder kratzte. »Was war Ihr höchster Rang bei Hamptons Scouts?«
»Major.«
Grierson schrieb: »Kein Rang - irregulärer Status (Scout).«
»Wir vergessen am besten, daß Sie jemals West Point gesehen haben. Was glauben Sie, wie viele Männer der Akademie würden Sie jetzt erkennen?«
»Jeder, der zu meiner Zeit dort war, schätze ich. So bin ich in Jefferson Barracks aufgeflogen.«
»Wer hat Sie identifiziert?«
»Ein Captain Venable.«
»Harry Venable? Ich kenne ihn. Ein ausgezeichneter Kavallerist, aber ein aufgeblasenes kleines Monster. Nun, das Risiko, daß Sie auf frühere Klassenkameraden treffen, müssen wir einfach eingehen. Nächster Punkt. Meine Offiziere sollen zwei Jahre Erfahrung im Feld haben.«
»Das geht in Ordnung. Bei der Zweiten Kavallerie in Texas.«
Trocken sagte Grierson: »Das war, bevor Sie die Seiten wechselten. Vergessen wir Texas. Das Thema könnte sich bis zur
Akademie zurückverfolgen lassen.« Charles beobachtete die Bewegung der kratzenden Feder: »Früh. Erfahr. - 4 J. Freiw.«
Sie unterhielten sich eine weitere Stunde. Zum Schluß wußte Grierson eine ganze Menge über Charles' Leben. Er erfuhr von Orry, dem Ersatzvater, von Charles' Schwierigkeiten mit Elka-nah Bent; von den entsetzlichen Eindrücken von Sharpsburg, dem Verlust von Augusta Barclay, der verzweifelten Suche nach ihrem Sohn. Schließlich schob Grierson seine Notizen beiseite und gab Charles die Hand. Der Händedruck erschien Charles mehr zeremoniell denn freundschaftlich. Der Colonel hatte sein Urteil noch nicht gefällt.
»Mein Adjutant wird Ihnen sagen, wie Sie sich auf den schriftlichen Test vorbereiten. Damit sollten Sie keine Probleme haben. Der Ausschuß ist eine andere Sache.« Grierson begleitete ihn zur Tür, strich sich über den Bart. »Tun Sie was für Ihre äußere Erscheinung. Stutzen Sie sich entweder den Bart, oder lassen Sie ihn ganz abrasieren.«
»Jawohl, Sir.« In alter West-Point-Manier betonte er das zweite Wort, ließ dann die rechte Hand im besten Kadettensalut vorschnellen. Grierson erwiderte den Gruß und entließ ihn.
Nachdem sich die Tür geschlossen hatte, ging Grierson zu seinem Schreibtisch zurück. Einen Augenblick lang starrte er das daraufstehende Bild an, dann begann er einen Brief.
Liebste Alice,
vielleicht habe ich heute einen guten Mann bekommen. Ein ehemaliger Rebell, der die Wilden auslöschen möchte. Wenn ich ihn durch die Untersuchung bringe und seine rachsüchtigen Impulse zügeln kann, dann mag das Regiment durchaus von ihm profitieren, denn bis jetzt ist mir noch kein qualifizierter Offizier begegnet, den nicht irgendein Dämon treibt .
In dem Taschenspiegel, den Duncan ihm geliehen hatte, betrachtete Charles sein eingeseiftes Gesicht. Seit Monaten hatte er sich nicht mehr rasiert. Duncans Rasiermesser riß und fetzte, als er seinen Bart in Angriff nahm.
Er dachte an Griersons Warnung, was den Prüfungsausschuß anbelangte, während er das Rasiermesser kühn nach unten zog. Die Klinge biß durch den Bart und scharrte über seine Haut. Mit jedem Strich fielen Teile seines Bartes in das Becken. Ein neues, fast fremdes Gesicht tauchte auf. Mehr Furchen. Die Zeit hatte weitere Spuren eingegraben.
»Ah!« Er packte ein Handtuch und preßte es auf seine blutende Wange. Als das Blut an der Schnittstelle allmählich gerann, schleuderte er das Handtuch beiseite und nahm die andere Gesichtshälfte in Angriff. Beim Gedanken an Holzfuß, Boy, Fen schnitt er sich ein zweites Mal tief, spürte es aber kaum.
Im allgemeinen sind die Beziehungen der angelsächsischen Rasse zu niedrigeren Rassen auf der ganzen Welt eine höchst unerfreuliche Angelegenheit. Ob es sich um Hindus, australische Ureinwohner, Jamaikaner oder - in unserem Land - um Chinesen, Neger oder Indianer handelt, diese >imperiale Rasse< hat den Hang, die Schwachen zu zermalmen ... Was wir uns mit den Indianern leisten, ist eines der düstersten Kapitel der modernen Geschichte. Erst verdrängen wir sie von ihrem Land, dann werden sie vergiftet von unseren Krankheiten und verdorben von unseren Lastern. Sie werden systematisch in die Büffelgegenden abgedrängt, und nun läßt man sie nicht einmal mehr in den wilden Bergen, die an dieses Land grenzen, in Ruhe. Die Goldgräber töten und verjagen das Wild, auf dem ihre Existenz als Jäger gründet.