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An einem sonnigen Samstag befand er sich auf dem Weg in die Stadt, als er Schüsse hörte. Bald darauf sah er einen teuer gekleideten Zivilisten, der sein Pferd neben der Straße angepflockt hatte, um in sicherer Entfernung einige Zielübungen zu machen. Charles stoppte und beobachtete, wie der Fremde mit einer Salve aus seinen beiden .44 Kaliber-Double-Action-Colts eine Reihe von zwölf Flaschen abschoß.

Als das Echo der Schüsse verhallte, rief Charles: »Das war ausgezeichnet.«

Der Schütze schlenderte herbei. Er war ungefähr so alt wie Charles; mit Custer hatte er die langen Haare und den Schnurrbart gemeinsam. Dieses Erscheinungsbild wurde durch eine vorstehende Oberlippe gestört. Er trug einen rehbraunen Frack, eine grünseidene Weste und teure Stiefel.

»Danke«, sagte er. »Entdecke ich da nicht einen Südstaatenklang in Ihrer Stimme, Sir?«

In der Frage lag eine gewisse Schärfe. Charles sagte: »Grenzbereich«

»Ah, ein Loyalist der Union. Ich komme aus Troy Grove, Illinois. La Salle County. Abolitionistenterritorium.« Er streckte die Hand aus, und Charles schüttelte sie. »Im Augenblick verdiene ich als Meldereiter für die Armee die Summe von sechzig Dollar im Monat. Ich hoffe, daß ich im Frühjahr bei General Hancock als Scout unterkomme.«

»Sie üben viel, nicht wahr?«

»Drei, vier Stunden täglich. Da steckt keine Magie dahinter, jemanden zu töten, der einen töten will. Hängt in erster Linie von der Genauigkeit ab, plus ein paar Tricks. Halte immer auf den Kopf, nie auf die Brust. Ein Mann mit einer tödlichen Brustwunde kann noch lange genug schießen, um dich fertigzumachen.«

»Ich werde es mir merken. Nun, machen Sie weiter so, Mr. ...«

»Jim«, sagte der Fremde. »Einfach nur Jim.«

Im Prairie Dog Saloon erwähnte Charles den stutzerhaft gekleideten Fremden. Der Barkeeper wurde blaß. »Oh Gott. Sie haben ihn doch nicht beleidigt, oder? Nein, ich schätze nicht, sonst wären Sie nicht hier.«

»Wie meinen Sie das? Er schien zu der höflichen Sorte zu gehören.«

»Sagen Sie Duck Bill zu ihm, dann werden Sie schon sehen, wie höflich er ist. Ein Mann nannte ihn so, und er schoß ihn nieder. Der Schütze heißt J.B. Hickok.«

Charles kannte den Namen. Jedermann kannte den Namen dieses gefürchteten Killers. »Er sagte, er sei momentan Meldereiter für die Armee.«

»Ja. Er und so ein prahlerischer Bursche namens Will Cody.«

Charles stieß einen leisen Pfiff aus. Er hatte mit einem der gefährlichsten Männer im Grenzgebiet ein paar freundliche Worte gewechselt. Die Erwähnung von Cody überraschte ihn fast genauso. Das Golden Rule House des jungen Mannes aus Kansas hatte sich, genau wie Dutch Henry Griffenstein vorausgesagt hatte, nicht lange gehalten.

In der feuchten, nebligen Finsternis rannte Charles mit flatternden Nachthemdzipfeln auf die Laternen zu. Haare im Gesicht, Schlaf in den Augen, so rannte er, während die Furcht ihm den Mund trocken werden ließ, auf die Gruppe von Militärpolizisten östlich vom Waffenlager zu.

Einer dieser Männer hatte an seine Tür gehämmert, um ihn zu wecken. Grierson war nirgendwo aufzutreiben. Der neue Ad-jutant, ein wiedereingestellter Offizier namens Woodward, war erst nächste Woche fällig. Ike Barnes und Lovetta machten einen Kurzurlaub in St. Louis, und Floyd lag mit einer Grippe im Bett.

Schwitzend erreichte Charles das halbe Dutzend Männer, die mit ihren Laternen in einiger Entfernung von den Holzpfählen der Eisenbahnbrücke über den Missouri standen. Das Metall ihrer Revolver und Karabiner glänzte.

»Sir, der Schwarze ist einer Ihrer Männer«, sagte ein Corporal nach einem schlampigen Salut. »Er will sich nicht ergeben. Wir werden ihn erschießen müssen.«

Am Rande des Lichtkegels kauerte Shem Wallis, einer der neuen Rekruten, hinter einem Pfosten; nur ein weißes Auge und ein Stück von seinem schwarzen Gesicht waren zu sehen.

»Lassen Sie mich mit ihm reden, Corporal.«

»Sir, egal ob Weißer oder Nigger, wenn ein Soldat sich von der Truppe entfernt und Widerstand leistet, wenn er geschnappt wird, dann haben wir Befehl ...«

»Ich sagte, ich rede mit ihm.« Charles drückte den Karabiner des Corporal nach unten und entfernte sich von den murrenden Männern.

Je näher er an Wallis herankam, desto mehr sah er von ihm. Dazu gehörten auch schwarze Finger, die eine Allin Conversion umklammerten, die von der Springfield-Waffenfabrik 1865 umgebaut und der Armee angedreht worden waren. Es handelte sich dabei um eine veraltete, einschüssige Waffe, aber einen Mann konnte man damit immer noch erledigen.

Wallis machte einen entschlossenen Eindruck. »Lieutenant, Sie bleiben dort. Ich hab's diesen weißen Jungs schon gesagt, der erste, der mich überwältigen will, fährt zur Hölle.«

Charles' Magen schmerzte. Sein Kopf ebenfalls. »Shem, hör zu. Du hättest nicht versuchen sollen zu desertieren, nachdem du diesen Wachposten niedergeschlagen hattest. Aber du machst alles nur noch schlimmer.«

»Ich bin in die Armee eingetreten, weil ich auf das, was ich tat, stolz sein wollte!« schrie Wallis. »Ich bin nicht gekommen, um wieder wie ein Niggersklave mit einem Pinsel in den Händen niederzuknien. Ich habe meinen ganzen Samstag damit zugebracht, den Zaun irgendeines Offiziers zu streichen, und dann kommt er raus, schaut sich das an und meint, jeder Trottel könnte das besser.«

Charles trat einen Schritt vor, dann noch einen. Sein Atem stand in weißen Wolken um ihn herum. »Diese Art von Dienst ist eine der üblen Seiten in der Armee, Shem. Ich dachte, ich hätte das klargemacht.«

»Das haben Sie. Ich will's bloß nicht mehr tun.«

Sechs Fuß von dem Pfosten entfernt streckte Charles die Hand aus. »Gib mir das Gewehr. Ich weiß, was an dir frißt. Dieser endlose Winter. Jeder spürt das.«

Die alte Springfield richtete sich genau auf seine Brust. »Ich erschieße Sie, Lieutenant.«

Einen Meter vor dem Pfosten blieb Charles stehen. »Also gut, damit wäre diese Kugel weg. Einen zweiten Schuß hast du nicht. Die Jungs hinter mir erledigen dich dann. Gib auf, Shem. Du wirst eine Weile im Arrest sitzen, aber das ist immer noch besser, als auf dem Friedhof zu liegen. Danach wirst du dorthin zurückkehren, wo du hingehörst. Du hast das Zeug zu einem guten Soldaten. Das meine ich ehrlich. Du bist ein guter Mann.«

Mit ausgestreckter Hand ging er langsam weiter. Wallis drückte die Springfield gegen die Schulter. Zielte.

Charles sah, wie die Mündung größer und größer wurde, je näher er kam.

Größer.

Wallis' angespannter Oberkörper bewegte sich. Charles verlagerte sein Gewicht, aber er wußte, daß er der Kugel nicht mehr ausweichen konnte.

Die Springfield polterte zu Boden. Mit einem verlorenen Stöhnen schlug Wallis beide Hände vors Gesicht. Dann richtete er sich auf, trat hinter dem Pfosten hervor und hob die Hände. Zwischen seinen Fingern konnte Charles noch ein bißchen weiße Farbe sehen.

Hancock verkündete seine Absicht, ins Feld zu ziehen, sobald sich das Wetter besserte. In der letzten Februarwoche teilte er eines Abends einer Versammlung von Offizieren des Postens mit, daß seine Soldaten aus Leavenworth durch Männer von A.J. Smith's Siebenter Kavallerie verstärkt würden. Diese kombinierten Kräfte würden von Fort Riley aus ins Indianerland vorstoßen.

»Einige von Ihnen werden mich begleiten. Andere werden hierbleiben. Ihnen allen jedoch sollte das Ziel dieser Expedition klar sein. Ich habe Befehl von General Sherman, die Indianer einzuschüchtern und mich mit den wichtigen Häuptlingen zu treffen, um ihnen zu sagen, daß sie sich dieses Jahr von der Eisenbahn und den Wagenrouten fernzuhalten haben. Wenn sie darauf trotzig und herausfordernd reagieren und eine kriegsmäßige Haltung einnehmen, dann sollen sie ihren Krieg haben. Weder Aufsässigkeit noch Frechheit werden geduldet. Das ist jetzt die offizielle Regierungspolitik.«

In seinem nächsten Brief an Willa schrieb Charles nichts von Regierungspolitik. Er vermutete, sie würde zeitig genug davon erfahren.