»Setzen Sie sich, Soldat«, sagte Charles zu Potiphar Williams. Mißtrauisch nahm der frühere Koch auf dem Besucherstuhl Platz.
»Die C-Kompanie braucht einen First Sergeant. Lieutenant Hook und ich haben Sie vorgeschlagen, Captain Barnes hat zugestimmt, und ich freue mich, sagen zu können, daß Colonel Grierson unserer Empfehlung gefolgt ist. Sie kriegen den Job, nicht nur, weil Sie lesen und schreiben können, sondern weil Sie sich als guter Soldat erwiesen haben.«
Ganz kurz blitzte der Stolz in Williams auf, bevor er durch die alte, kaum verhüllte Feindseligkeit ersetzt wurde. »Sir, ich weiß das Angebot zu schätzen, kann es aber nicht annehmen.«
»Seien Sie nicht so verflucht halsstarrig. Ich weiß, daß Sie mich nicht mögen. Das macht keinen Unterschied. Im Krieg habe ich mit einer Menge Männer zusammen gedient, die ich nicht leiden konnte.« Williams räusperte sich. Charles zwinkerte. »Moment mal. Geht es nur um mich oder um noch was anderes?«
»Es ist ...« Williams erstickte fast daran. »Das Sehen.«
»Was?«
Williams Schultern sanken herab. »Meine Augen sind schlecht. Das Gewehrschießen auf ein Ziel macht mir keine Schwierigkeiten. Ich kann auch die Aufschrift auf der Standarte lesen, wenn sie ein Stück entfernt ist. Aus der Nähe aber - nun ja, ich habe die Hotelküche unter anderem auch deshalb verlassen, weil ich beim Schneiden und Teilen nicht richtig sehen konnte. Beim Schneiden von Karotten oder Bohnen habe ich Blut und Wasser geschwitzt.« Er zeigte eine lange, blasse Messernarbe zwischen Daumen und Zeigefinger. Charles war die Narbe nie aufgefallen.
»Da gibt es eine einfache Möglichkeit, Williams. Lassen Sie sich vom Arzt eine Brille verpassen.«
Wieder ein unbehagliches Schweigen. »Äh, Sir - ich kann mir keine Brille leisten. Ich schicke fast meinen ganzen Lohn an meine vier Brüder und Schwestern nach Pittsburgh.«
»Meine Güte, ich werde Ihnen das Geld leihen, und bitte keine Diskussion darüber.«
Williams musterte Charles lange und sorgfältig, dann fragte er: »Die weißen Offiziere wollen mich wirklich als First Sergeant?«
»Ja.«
»Sie auch?«
»Die Wahl war einstimmig.«
Williams blickte zur Seite. »Sie sind nicht so übel, wie ich dachte. Was Sie für Shem Wallis getan haben, das war anständig. Ich werde das Geld sobald wie möglich zurückzahlen.«
»Gut. Eine kleine Warnung. Sie werden den Spitznamen Sterngucker kriegen. Jeder Kavallerist mit einer Brille ist ein Sterngucker.«
Williams dachte darüber nach. »Nun, ich denke, das ist immer noch besser als mein jetziger Spitzname.« Charles hob eine Augenbraue. »Von Potiphar sind die Jungs auf Pißpott gekommen.«
Charles lachte. Williams ebenfalls. »Das ist eine eindeutige Verbesserung. Gratulation.« Charles streckte die Hand aus. »Sergeant.«
Williams runzelte die Stirn. Er studierte die weiße Handfläche und die Finger, dann nickte er leicht und schüttelte die Hand.
Es war der 1. März 1867. General Winfield Scott Hancock, elegant und würdevoll aussehend, verließ Fort Leavenworth.
Es war ein feuchter, kalter Morgen. Charles stand zwischen jubelnden Soldaten, Ehefrauen und Campgefolgschaft, die den Aufbruch beobachteten. Die Militärkapelle spielte alle gängigen Sachen, einschließlich des beliebten Marsches >The Girl I Left Behind Me<.
Die Fahnen der Nation, der Division und des Department wurden vorbeigetragen. Infanteriekompanien marschierten los. Von Pferden gezogene Wagen beförderten die leichten, zuverlässigen Zwölfpfünder Berghaubitzen. Die Segeltuchdächer der Versorgungswagen segelten langsam wie Schoner vorbei.
Die Kolonne war nicht vollständig mit dem Blau der Armee bekleidet. Spurensucher der Osage und der Delaware mischten sich unter einige Zivilisten, darunter auch Mr. Hickok, der in engen hirschledernen Reithosen und einer grellen, orangefarbenen Zuavejacke steckte. Seine beiden Revolver mit den Elfenbeingriffen trug er deutlich sichtbar. Hickoks Stute, Black Neil, tänzelte flott dahin; hutschwenkend salutierte ihr Reiter vor der Menge. Als er Charles entdeckte, begrüßte er ihn herzlich. Die Kavalleristen der C-Kompanie starrten Charles an, als hätte er urplötzlich einen Heiligenschein bekommen.
Eine schwankende Ambulanz beförderte Mr. Davis, der für >Harper's Monthly< schrieb, und Mr. Henry Stanley, der den >New York Herald< und andere Zeitungen repräsentierte. Die Generäle Hancock und Sherman wünschten eine gute Presse.
Der Alte spuckte aus und sagte zu Charles: »Weißt du, was in einigen dieser Wagen ist? Pontonboote, bei Gott.«
»Pontonboote? Wozu?«
»Na, um Flüsse überqueren zu können. Wenn Hancock ein paar Indianer auf der anderen Flußseite entdeckt, verstehst du, dann sollen die Indianer 'nen halben Tag warten, damit Hancock seine Pontonboote auslegen, übersetzen und kämpfen kann.« Wieder spuckte er aus. »Das zeigt, wieviel die vom Krieg in den Prärien verstehen. Das geht nicht gut, Charlie.«
PULASKI CITIZEN f.o. mccord, Lokalredakteur Pulaski, Tenn.
Freitag morgen, 29. März 1867
was bedeutet das? - Die folgende mysteriöse Nachricht, >Ach-tung<, wurde gestern morgen frühzeitig unter unserer Tür gefunden; zweifellos wurde sie in der Nacht durchgeschoben. Will uns jemand damit etwas mitteilen, falls die Sache überhaupt irgendeine Bedeutung hat? Was ist ein >Ku-Klux-Klan<, und wer ist dieser >Große Zyklop<, der diese geheimnisvollen, gebieterischen Befehle erteilt? Kann uns jemand in dieser Angelegenheit Aufklärung geben? Hier ist der Befehclass="underline" »ACHTUNG - Der Ku-Klux-Klan wird sich an seinem gewohnten Treffpunkt versammeln, der >Höhle<, kommende Dienstagnacht, genau um Mitternacht, im Kostüm und mit den Waffen des Klans.
Befehl vom Großen Zyklopen. G.T.«
Erste Erwähnung des Klans in der US-Presse
»Ich wünschte trotzdem, wir könnten mit.«
»Willst dir ein paar rote Skalpe holen, was?«
»Ja.«
Ike Barnes studierte das Gesicht seines Lieutenant; der kalte, starre Ausdruck gefiel ihm ganz und gar nicht. »Du wirst deine Chance kriegen«, sagte er, ohne seine Mißbilligung zu verbergen.
28
Charles war gerade Offizier vom Dienst, als ein weiterer Rekrut ankam. Auf den ersten Blick wirkte er nicht sonderlich auffällig, ein kräftiger schwarzer Mann mit rundem Gesicht Ende Zwanzig, der all seine Habseligkeiten in einem großen Tuch zusammengebunden hatte. Ein schwarzseidenes Taschentuch bauschte sich in der Brusttasche seines alten Fracks, der ein Loch in einem Ellbogen hatte. Die Zehen seines linken Schuhs schauten ins Freie.
»Stillgestanden, während ich einige Informationen sammle.« Charles glaubte daran, daß man Rekruten schnell an den Armeeton gewöhnen mußte. Er studierte die Papiere des Mannes. »Sie heißen Magee?«
»Jawohl, Sir.« Der Rekrut grinste, das breiteste, sonnigste Lächeln, das Charles je bei einem menschlichen Wesen gesehen hatte. Das ansteckende Lächeln riß ihn aus der trüben Stimmung, in die der morgendliche Regen ihn versetzt hatte. Das Leben mochte dem Mann in ein paar anderen Punkten einiges vorenthalten haben, doch diese Zähne waren absolut perfekt.
»Wendell Phillips Magee«, fügte er hinzu. »Mama nannte mich nach .«
»Ich weiß«, unterbrach Charles, »der Abolitionist.« Wieder studierte er die Papiere. »Sie haben sich in Chicago gemeldet.« Illinois mußte ein langweiliger Staat sein. Eine Menge Leute gingen da weg; Leute wie Hickok und einige andere Revolverkünstler wie Earp und Masterson, den Floyd Hook ihm gegenüber erwähnt hatte. »Was haben Sie in Chicago gemacht, Ma-gee?«
»Hausdiener in einem Saloon. Böden gewischt. Spucknäpfe geleert.« Es klang nicht bitter, es war lediglich eine Feststellung. »Hab' von den Gästen ganz schön was abgekriegt, weil ich ein Nigger bin. Als meine Tante Flomella starb - die Schwester meiner Mama, meine einzige Verwandte -, bin ich auf einen Artikel in einer Zeitung aufmerksam geworden.«