»Sie können lesen, ja?«
»Jawohl, Sir, General.«
»Ich bin Lieutenant.«
»Jawohl, Sir, tut mir leid. Ich kann auch rechnen.« Der Rekrut hatte eine fröhliche, lockere Art; Kritik schüchterte ihn nicht ein. Seine schnellen Sprüche und sein breites Lächeln waren womöglich als Verteidigung gegen die von ihm erwähnten Schmähungen gedacht. »In der Zeitung stand: >Ihr jungen farbigen Männer, zieht das Blaue der Armee an.<« Magee überraschte Charles damit, daß er plötzlich das schwarze Tuch aus seiner Brusttasche riß. Mit dem rechten Zeigefinger stopfte er das Seidentuch in seine linke Faust. »Also sagte ich mir, Magee, sagte ich, das klingt gut, was?« Blitzschnell verschwand das Tuch. »Krempel dein ganzes Leben um. Schwarz zu Blau.« Er zupfte an der anderen Seite seiner Faust und zog ein langes Seidentuch hervor. In leuchtendem Blau.
Charles lachte. Entzückt schwenkte Magee das Tuch mit der rechten Hand, während er seine leere linke Handfläche zeigte. »Schwarz zu Blau«, wiederholte er mit seinem verblüffenden Grinsen. »Ein ganz neues Leben, und froh bin ich drüber.« Er steckte das Tuch weg.
»Kennen Sie noch mehr solche Tricks?«
»Oh ja, Sir, General. Die ersten hab' ich von einem Barkeeper gelernt, kurz nachdem ich mit der Arbeit angefangen hatte. Da war ich so ungefähr neun. Im Laufe der Jahre hab' ich eine ganze Menge aufgeschnappt. Münzen, Karten, Tassen und Bälle. Ich hab' auch von Tricks gelesen. Damals, als die Ritter noch in ihren Rüstungen herumritten, hatten sie Zauberer, wußten Sie das? Die Chinesen hatten vor ein paar tausend Jahren welche. Gibt einem Mann so das Gefühl, als gehöre er zu einer guten alten Familie.« Ein weiteres Grinsen. »Verstehen Sie, was ich meine?«
Charles dachte an Hickok und dessen Revolver. Er sagte: »Sie müssen eine Menge üben.«
»Jeden Tag. Die Zauberei hat mir schon viel Gutes eingebracht. Ich führte einigen dieser gemeinen Bast. den Männern, die sich im Saloon herumtrieben, meine Tricks vor, und sie warfen mir eine Münze oder zwei zu, anstatt mich in den Arsch zu treten, bloß weil ich ein Farbiger war.« Das Lächeln blieb, aber für einen kurzen Moment waren die Wunden darunter zu sehen.
»Können Sie reiten?«
»Ich fürchte nein, General. Aber ich werde es lernen. Ich bin mächtig stolz, ein US-Soldat zu sein, und ich hab' vor, ein guter Soldat zu werden.«
»Ich glaube, das werden Sie.« Charles streckte die Hand zur üblichen Begrüßung aus. »Willkommen in der Zehnten Kavallerie, Magee.«
Das Regiment nahm den neuen Mann gut auf; beim Drill war er ein emsiger Schüler, immer gut aufgelegt und unterhaltsam. An Magees drittem Tag beim Regiment erschien Grierson zum morgendlichen Neun-Uhr-Appell bei den Baracken, bloß um Magee zuzuschauen. Als der Colonel einen Trick sehen wollte, produzierte Magee ein Stück Schnur. »Funktioniert besser mit einem Seil, aber wer kann sich vom Lohn eines Hausdieners schon ein Seil leisten?«
»Vom Lohn eines Soldaten wirst du dir's auch nicht leisten können«, sagte Sergeant Sterngucker Williams. Der Kreis der Männer brach in Gelächter aus.
Magee legte die Schnur in einer Hand zu einer Schlinge zusammen und schnitt die nach unten hängende Schlaufe mit einem Taschenmesser durch. Dann nahm er die Einzelteile und knotete die durchschnittenen Enden zusammen. Er zeigte die Schnur in voller Länge, spannte die Enden über seinem Kopf, um auf den Knoten in der Mitte aufmerksam zu machen. Dann wickelte er die Schnur in mehreren Windungen um seine linke Hand, tippte dagegen und spannte sie dann wieder. Die Schnur war aus einem Stück, der Knoten war verschwunden.
Grierson applaudierte. »Das war sehr gut, Soldat. Wie haben Sie das gemacht?«
»Aber General, wenn ich Ihnen das verraten würde, dann würden Sie mich bald nicht mehr Magic Magee rufen, nicht wahr?«
»Das ist bereits sein Spitzname?« flüsterte Floyd Hook Charles zu, der zurückflüsterte: »Was hattest du erwartet?«
Haufen schmelzenden Schnees und ein gelegentlich milder Tag versprachen das Ende des Winters. Das Zehnte Regiment wuchs und machte mit der Ausbildung weiter. Barnes, Hook und Charles drillten ihre Kavalleristen, beendeten Schlägereien, veranstalteten Razzien nach den Glücksspielen in den Baracken und beschlagnahmten Würfel oder Kartenspiele, schrieben Briefe für die Männer, hörten sich Geschichten über Liebeskummer oder Familienprobleme an und beteten, der Tag möge kommen, an dem sie zum Einsatz im Westen losreiten würden. Die C-Kompanie hatte fast Sollstärke erreicht. Charles konnte den Aufbruch kaum erwarten.
Kuriere brachten Berichte über Hancocks Feldzug ins Department-Hauptquartier. Hancock war südwestlich nach Fort Lar-ned an der Pawnee-Gabelung des Arkansas marschiert und hatte dort mit 1.400 Mann von der Siebzehnten Kavallerie, der Siebenunddreißigsten Infanterie und der Vierten Artillerie sein Lager aufgeschlagen. Er schickte Lieutenant Colonel Edward Wyn-koop los, den ehemaligen Kommandanten von Fort Lyon und jetzt die Southern Agency befehlenden Mann des Innenministeriums, um die Indianer herzuholen, damit sie sich seine Warnungen anhören konnten. Dabei handelte es sich um Cheyenne und einige Oglala-Sioux, die zusammen in einem großen Tal lebten, fünfunddreißig Meilen von der Pawnee-Gabelung flußaufwärts. Der Ausgang dieser Unterredung würde mit den nächsten Berichten gemeldet werden.
Barnes meinte, da die Kompanie bald aufbrechen würde, könnte Charles St. Louis einen kurzen Besuch abstatten, falls er das wünschte. Der April wurde wärmer, und Charles ging an Bord eines Missouri-Bootes. Gleich nach seiner Ankunft am späten Nachmittag und vor Willas abendlichem Auftritt als Ophelia liebten sie sich voller Inbrunst.
»Jetzt habe ich bestimmt meinen ganzen Text vergessen«, sagte sie lachend, als sie ihr Silberhaar wieder hochsteckte, das sich in der Hitze des Gefechts gelöst hatte. »Zumindest bin ich ausreichend entspannt, um die Wahnsinnigenszene zu spielen.« Sie küßte ihn auf den Mund. »Und schönen Dank auch, daß du an meinen Geburtstag gedacht hast. Ich meine nachträglich.«
Er gab ihr ein paar leichte Klapse auf den nackten Hintern, und sie fielen lachend und einander kitzelnd aus dem Bett.
Sie versprach, daß sie nach der Vorstellung mit einigen anderen Mitgliedern der Truppe zu Abend essen würden. Die fünf Akte von >Hamlet< erschienen Charles unendlich lang. Sam Trump tobte und stürmte durch die ruhigen Monologe des Prinzen und steigerte sich beim Schlußduell in eine derartige Erregung hinein, daß er zweimal stürzte, was einiges Gejohle hervorrief.
Trump rieb sich sein aufgeschlagenes Knie und bat, ihn beim Essen zu entschuldigen. So blieben noch Charles und Willa sowie der junge Bühnenmanager Finley und Trueblood übrig, der den jugendlichen Liebhaber nur noch mit Hilfe von größeren Mengen Gesichtspuder und Rouge spielen konnte. Finley erschien etwas zu spät in dem Biergarten unter freiem Himmel. Die anderen tranken bereits fröhlich das dunkle deutsche Bier aus ihren Krügen. Finley verscheuchte den allgemeinen Frohsinn, indem er die neueste Ausgabe der Missouri Gazette herumzeigte.
»Hancock hat ein Indianerdorf niedergebrannt.«
»Was?« Die Fröhlichkeit wich aus Willas hellen Augen.
»Hier steht's.« Finley tippte auf die Schlagzeile. »Die Häuptlinge wollten nicht zum Palaver kommen. Vielleicht hatten Hancocks Drohungen sie erschreckt, denn sie zogen sich mitsamt Frauen und Kindern zurück. Custer setzte ihnen nach und entdeckte eine niedergebrannte Postkutschenstation. Also brannte auch Hancock die leeren Hütten nieder - insgesamt zweihundertfünfzig. Hier steht alles«, sagte er, setzte sich und gab dem Kellner einen Wink.
»Wann ist das passiert?« fragte Trueblood empört.