... Yankee-Spekulanten fallen wie die biblischen Heuschrecken über uns her. Sie bringen Anleihen für den Bau von Eisenbahnlinien in Umlauf, die niemals erstellt werden, an Versteigerungstagen schnappen sie sich Land für 8 Cent, das einen Dollar wert ist, übernehmen bankrotte Geschäfte, von denen einst die Einheimischen lebten. Ein überraschender Brief von Cooper, sehr knapp und kurz, in dem er mich davor warnt, in derartige Unternehmungen zu investieren, da es sich seiner Meinung nach meist um Betrügereien handelt. In diesem Fall werde ich seinen Rat befolgen. Man kann einen ehrlichen Yankee nicht von einem Aasgeier unterscheiden.
... Heute teilte mir der ehemalige Sklave Steven mit, daß er mit seiner Frau und seinen drei Kindern gehen wird. Traurig; er ist ein zuverlässiger, ordentlicher Arbeiter. Doch der Auswanderungsagent, dessen Wagen vor Gettys Laden steht, hat ihn mit seinen Versprechungen abgeworben: garantierte 12 Dollar pro Monat, eine Hütte, Garten und eine wöchentliche Ration von einem Viertelscheffel Mehl, zwei Pfund Speck, einem Topf Melasse und Brennholz - all das bekommt er irgendwo in Florida. Diese Werber für die Emigration in andere Staaten sind unsere zweite Plage.
... Der Jolly-Klan, die Siedler, sind geblieben. Gelegentlich hören wir von einem Maultier, einer Ladung Maismehl oder einer Frau, die sich >Captain< Jack und seine einfältigen Brüder mit der Waffe in der Hand genommen haben. Sie diskriminieren niemanden. Sie suchen sich ihre Opfer unter beiden Rassen. Sie versetzen mich in Angst und Schrecken, vor allem der Alteste, der damit prahlt, beim Massaker in Ft. Pillow, Tenn., Nigger bloß so zum Vergnügen nie-dergemetzelt< zu haben.
Prudence sprach gestern abend davon, wie unglücklich sie über den Zustand der Schule sei...
»Madeline, ich habe jetzt vierzehn Schüler, die mit dem Alphabet und dem Elementarbuch arbeiten; zwei könnten fast schon zum Lesebuch übergehen, und Pride hat es bis zur zweiten arithmetischen Serie geschafft. Ich würde gern ein Geographiebuch für ihn kaufen und für die anderen Schiefertafeln. Wir haben gerade drei Tafeln für alle, das reicht nicht einmal annähernd.«
Den Kopf gesenkt, so spazierte Madeline nachdenklich mit der Lehrerin am Ufer des Ashley entlang. Es war ein Frühlingsabend, dunstig, voll von den schrillen Schreien der Nachtvögel. Für gewöhnlich beruhigte sie der Anblick des Wassers mit dem dichten Wald dahinter. Am heutigen Abend jedoch war es anders.
»Ich kann dir nur die Antwort geben, die du bereits kennst«, sagte sie. »Es ist kein Geld da.«
Ausnahmsweise schien die rundliche Lehrerin für einmal ihre christliche Geduld zu verlieren. »Dein Freund George Hazard hat genug davon.«
Madeline stoppte und sagte scharf: »Prudence, ich habe doch klar zum Ausdruck gebracht, daß ich Orrys besten Freund nicht anbetteln werde. Wenn wir es nicht schaffen, durch unsere eigene Initiative und unseren Einfallsreichtum zu überleben, dann haben wir es nicht besser verdient.«
»Das klingt zwar edel, aber es hilft sehr wenig, jemandem ein bißchen Bildung zu ermöglichen.«
»Es tut mir leid, daß du dich darüber ärgerst. Vielleicht bin ich im Unrecht, aber das ist nun mal meine Ansicht. Ich werde tun, was möglich ist, sobald wir die erste Reisernte verkauft haben.«
»Ich kann nichts Unrechtes darin sehen, wenn man eine kleine Spende von einem sehr reichen Mann verlangt.«
»Nein«, sagte Madeline; gleichzeitig fragte sie sich voller Bitterkeit, wie sie je ihren Traum von einem neuen Mont Royal wahrmachen sollte, wenn sie nicht einmal ein paar notwendige Kleinigkeiten für die Schule kaufen konnte. »Wir werden einen anderen Weg finden, das verspreche ich dir.«
Prudence warf Madeline einen traurigen Blick zu. Schweigend kehrten die Frauen zu dem weißgetünchten Haus zurück. Es dauerte eine Stunde, ehe sie wieder miteinander sprachen. Madeline fing zuerst an, doch auch Prudence schien nur darauf gewartet zu haben. Doch trotz ihrer Aussprache fühlte Madeline die Hohlheit und Leere ihres Versprechens, als sie schlaflos vor Sorgen im Bett lag.
Wer hofft entgegen aller Hoffnung. Prudence mochte trotz allem noch so ein Mensch sein. Sie nicht.
30
An einem regnerischen Samstag des gleichen Monats brachte eine Pferdedroschke Virgilia zu einem kleinen Backsteinhaus in der South B Street, hinter dem Kapitol. Sie wirkte matronenhaft und düster im Gegensatz zu den blühenden Farben im Vorgarten.
Virgilias Gesicht war verhärmt. Sie läutete und umarmte Lydia Smith, die Haushälterin, sehr herzlich. Sie folgte Lydia ins Wohnzimmer, wo ihr Freund vor einem silbernen Teegeschirr wartete.
»Thad!« Der Atem stockte ihr. Er sah weiß aus und viel älter als bei ihrer letzten Begegnung, die bereits einige Monate zurücklag. Mit großer Mühe erhob er sich aus seinem Sessel.
Lydia schob die Vorhänge zurück, um mehr von dem grauen Licht hereinzulassen, aber das ließ Stevens auch nicht besser aussehen. Die Haushälterin entschuldigte sich. Stevens setzte sich wieder. Durch das Prasseln des Regens hindurch hörte Vir-gilia seinen mühsamen Atem.
»Tut mir leid, daß es so lange gedauert hat, bis ich deiner Einladung nachkommen konnte«, sagte sie. »Für gewöhnlich arbeite ich jeden Samstag. Heute kam Miss Tivertons Neffe aus Baltimore zu Besuch. Er gab mir den Nachmittag frei.«
»Wie geht es der alten Dame? Du leistest ihr nun schon Gesellschaft seit - wie lange schon?«
»Zehn Monate.« Virgilia gab Sahne in ihren heißen Tee. »Nächsten Dienstag feiert sie ihren neunzigsten Geburtstag.
Physisch ist sie ungemein belastbar. Aber ihr Geist ...« Ein Schulterzucken sagte alles.
»Was machst du mit ihr?«
»Meistens sitze ich bei ihr. Sorge dafür, daß alles ordentlich ist. Mache sie sauber, wenn es sein muß.« Als Antwort auf Stevens Grimasse sagte sie: »So schlimm ist es auch wieder nicht. In dem Feldhospital während des Krieges war es schlimmer.«
»Du nimmst es ziemlich gelassen hin. Und jetzt sag mir, wie dir wirklich zumute ist.«
Ein müder Seufzer. »Ich hasse es. Die Monotonie ist entsetzlich. Im Schwesterncorps hatte ich mich daran gewöhnt, den Leuten dabei zu helfen, wieder gesund zu werden, aber Miss Ti-verton wird sich niemals mehr erholen. Ich bin nichts weiter als ein Leichenbestatter, aber ich kann wohl kaum wählerisch sein. Jobs für alleinstehende Frauen sind selten. Etwas anderes konnte ich nicht finden.«
»Vielleicht können wir dagegen was tun.« Er wollte noch etwas sagen, doch der silberne Teelöffel glitt ihm aus der Hand. Er bückte sich, um ihn aufzuheben, und griff sich plötzlich an den Rücken. Langsam richtete er sich auf. »Mein Gott, Virgilia, es ist die Hölle, wenn man alt wird.«
»Du siehst nicht gut aus, Thad.«
»Das Klima in dieser Stadt verschlimmert mein Asthma. Das Atmen bereitet mir Probleme, und die meiste Zeit habe ich Kopfschmerzen. Ein Teil der Kopfschmerzen rührt zweifelsohne von dem Kampf mit diesem Narren im Weißen Haus her.« Virgilia verfolgte diesen Kampf im >Star<, kam sich allerdings in Miss Tivertons weiträumigem, verlassenem Haus draußen in Georgetown sehr fern von alledem vor.
Der Kongreßabgeordnete lehnte sich ihr entgegen, seine Perücke wie üblich leicht verrutscht, und sie begannen die letzten Ereignisse zu diskutieren. Sie äußerte sich verächtlich über Minister Sewards Sieben-Millionen-Dollar-Narretei, den Ankauf des wertlosen, eisigen Territoriums Alaska von Rußland. Stevens konnte Gerüchte weder bestätigen noch leugnen, daß Jef-ferson Davis nach Zahlung einer gewaltigen Kaution bald schon aus Fort Monroe entlassen würde, um auf seine Gerichtsverhandlung zu warten.