»Unser dringendstes Problem bleibt der Süden«, sagte Stevens. »Diese verfluchten Aristokraten in den Dixie-Legislativen weigern sich, die Staatskonvente einzuberufen, wie es von dem Wiederaufbaugesetz gefordert wird. Wir haben ein zweites Ergänzungsgesetz durchgebracht, das es den Militärkommandanten der Bezirke erlaubt, geeignete Mittel zur Registrierung der Wähler einzusetzen, damit wir mit der Sache vorankommen. Bei jedem Schritt versucht uns Johnson zu hindern und zu hemmen. Er versteht einfach den Kernpunkt nicht.«
»Der ist?«
»Gleichberechtigung. Gleichberechtigung! Jeder Mann hat das gleiche Recht, und das Gesetz sollte ihm diese Rechte zusichern. Das gleiche Recht, das einen Afrikaner verurteilt oder freispricht, sollte einen weißen Mann verurteilen oder freisprechen. Das ist das Gesetz Gottes, und es sollte auch das Gesetz dieses Landes sein, doch diese Südstaatler ersticken an der Vorstellung, und Johnson lehnt es ab. Dabei müßte er auf unserer Seite stehen! Ich sage dir, Virgilia«, er hatte sich in eine derartige Erregung gesteigert, daß er Tee aus seiner Tasse verschüttete, »dieser Mann treibt mich noch zur Verzweiflung. Er betreibt eine Obstruktionspolitik, die schon ans Kriminelle grenzt. Dagegen gibt es nur ein Heilmittel.«
»Und was ist das?«
»Wir müssen ihn loswerden.«
Ihre dunklen Augen weiteten sich in der verwaschenen Dämmerung. »Du meinst, er soll unter Anklage gestellt werden?«
»Ja.«
»Mit welcher Beschuldigung?«
Endlich tauchte auf dem alten Falkengesicht ein Lächeln auf. »Oh, da finden wir schon was. Ben Butler und einige andere sind auf der Suche danach. Und das keinen Moment zu früh. Andrew Johnson ist der gefährlichste Präsident in der Geschichte dieser Republik.«
Gefährlich oder lediglich zu halsstarrig, um dem Kongreß die Macht zu überlassen? Virgilia stellte ihrem Freund diese Frage nicht. Sie stellte fest, daß sie die ganze Angelegenheit überraschenderweise kaum berührte.
»Alle wichtigen Senatoren sind für eine Anklage«, fuhr Stevens fort. »Sam Stout ist einverstanden.«
Der Satz versickerte. Er wartete ab. Ruhig sagte sie: »Ich weiß es nicht. Ich sehe ihn nicht mehr.«
»Das hörte ich.« Eine weitere Pause. »Sam glaubt, daß seine Wählerbasis nun gesichert ist. Folglich hat er die Absicht geäußert, sich von Emily scheiden zu lassen und irgend so ein Tanzhallenflittchen zu heiraten.«
»Mit Nachnamen heißt sie Canary.« Es klang wie eine beiläufige Konversation. Doch ihre Hände zitterten; die Neuigkeit hatte sie wie ein Schlag getroffen. »Ich wünsche ihm alles Gute.« Sie wünschte ihn zur Hölle.
Stevens musterte sie. »Mit deiner gegenwärtigen Situation bist du ganz und gar nicht zufrieden, was?«
»Nein. Ich bin nicht mehr die Kreuzritterin, die ich vor zehn Jahren war, aber wie ich schon sagte, ich komme mir mit der Pflege einer alten Frau, die nie mehr gesund werden wird, sehr isoliert und nutzlos vor.«
»Hast du Kontakt zu deiner Familie?«
Virgilia wich seinem Blick aus. »Nein. Ich fürchte, sie - würden das nicht begrüßen.« Spät nachts sehnte sie sich manchmal so sehr danach, daß ihr die Tränen kamen.
»Nun, meine Liebe, ich bat dich nicht nur zu mir, um dich zu sehen, sondern um auch einen eventuellen Stellungswechsel mit dir zu besprechen. Eine Position, die dir vielleicht befriedigender erscheint, weil du damit den unschuldigsten Opfern dieser verdammten Rebellen helfen würdest. Kindern.«
Zum zweitenmal verblüffte er sie. »Was für Kinder meinst du?«
»Ich zeige es dir. Bist du morgen beschäftigt?«
»Nein. Die Sonntage habe ich für mich.« Ein melancholisches Lächeln. »Für gewöhnlich habe ich nichts zu tun.«
»Kannst du dich um zwei bereithalten? Gut. Mein Fahrer und ich werden dich in Georgetown abholen.«
Am Ende eines von Fahrspuren zerfurchten Weges abseits der Tenth Street im heruntergekommenen Negro-Hill-Bezirk hielten Stevens und Virgilia vor einem weißen, gepflegt wirkenden Haus. Auf der einen Seite waren zwei oder drei große Räume offenbar erst kurz zuvor angebaut worden, noch waren nicht alle Wände gestrichen.
Nachdem die Kutsche angehalten hatte, öffnete Stevens nicht gleich die Tür. »Was du da vor dir siehst, ist ein Waisenhaus für heimatlose Negerkinder. Die Kinder erhalten Unterkunft und Grundunterricht, bis sie bei Adoptiveltern untergebracht werden können. Ein Mann namens Scipio Brown hat das Waisenhaus gegründet. Er leitete es persönlich, bis er sich einem farbigen Regiment anschloß. Nach seiner Entlassung kehrte er zurück und fand mehr Waisenkinder denn je vor, hauptsächlich die Kinder von nach Norden geflohenen Sklaven, die irgendwie von ihren Eltern getrennt worden waren. Im letzten Monat heiratete Browns Assistentin, ein weißes Mädchen, verantwortlich für den Unterricht der Kinder, und zog in den Westen.« Er brach ab. Die ganze Zeit schon hatte sie etwas sagen wollen.
»Thad, ich kenne Scipio Brown.«
»Tatsächlich! Ich zog die Möglichkeit in Betracht, aber ...«
Sie nickte. »Ich bin ihm während des Krieges auf Belvedere begegnet. Mein Bruder George hatte dort mit seiner Frau einen Ableger von Browns Waisenhaus eingerichtet. Sie nahmen alle Kinder auf, die er hier in Washington nicht mehr unterbringen konnte.«
»Dann bist du ja mit seiner Arbeit bestens vertraut. Gut. Bist du an der Stelle interessiert?«
»Vielleicht.«
»Nicht gerade eine begeisterte Antwort.«
»Tut mir leid. Es ist eine ehrliche Antwort.« Wie sollte sie ihm erklären, daß sie kaum noch Begeisterung für irgendwas aufbrachte, nachdem Stout sie verlassen und sie sich ihrer Familie entfremdet hatte?
Er öffnete die Tür der Kutsche. »Nun, ein kurzer Besuch kann ja nicht schaden.«
Auf seinen Stock gestützt, führte er sie langsam ins Innere des Hauses. Er stellte sie den Dentons vor, einem schwarzen Paar in mittleren Jahren, die im Waisenhaus wohnten und für die gegenwärtig zweiundzwanzig Kinder kochten und putzten.
Sieben der Jungen, eine lärmende, fröhliche Bande, waren Heranwachsende. Die anderen waren noch Kinder. Stevens kannte jeden mit Namen. »Hallo, Micah. Hallo, Mary Todd -Liberty - Jenny - Joseph.«
Er gluckste und machte viel Aufhebens um sie, berührte Hände, küßte Wangen, umarmte sie, als handle es sich um seine Enkel. Wieder einmal wurde Virgilia klar, daß Stevens nicht zu jenen Radikalen gehörte, die Gleichheit nur aus politischen Gründen forderten.
»Und hier haben wir einen gutaussehenden Freund von mir.« Stevens mit seinem Klumpfuß drehte sich ungeschickt und hob lachend einen hellbraunen, sechsjährigen Jungen hoch. Der Junge trug ein sauberes, geflicktes Hemd und einen Overall.
»Das ist Tad.« Stevens herzte und küßte den Jungen. »Tad, das ist meine Freundin, Miss Hazard. Gibst du ihr die Hand?«
Feierlich, aber durchaus vor der fremden Frau auf der Hut, streckte Tad die Hand aus. Virgilia spürte, wie ihr unerwartet Tränen in die Augen stiegen.
»Wie geht es Ihnen, Miss Hazard?« sagte Tad sehr korrekt.
»Ich ...« Lieber Gott, sie brachte keinen Ton mehr heraus. Die Ähnlichkeit war nicht überwältigend, aber groß genug, um einen tiefen Schmerz in ihr auszulösen. Er hätte das Kind von Grady, ihrem ermordeten Geliebten, sein können. Es kostete sie gewaltige Anstrengung, ihren Schock zu verbergen und zu sagen: »Mir geht es gut, danke. Dir hoffentlich auch.«
Der Junge grinste und nickte. Stevens tätschelte ihn erneut und setzte ihn wieder ab. Er flitzte davon. Der Kongreßabgeordnete schnüffelte in Richtung Küche, aus der ein angenehmer Duft drang. »Was steht da auf dem Herd, Mrs. Denton?«
»Gumbo zum Abendessen.«
Die Haustür ging auf. Ein großer, bernsteinfarbener Mann trat ein und schüttelte die Regentropfen von seinem Hut. Er hatte breite Schultern wie ein Stauer und eine Mädchentaille. Virgilia schätzte, daß er jetzt so um die Fünfunddreißig sein mußte. Ohne zu zögern, reichte er ihr die Hand.