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»Wie geht es Ihnen? Es freut mich sehr, Sie wiederzusehen.«

»Mr. Brown.« Sie lächelte in der Erinnerung daran, daß sein gutes Aussehen sie schon damals angezogen hatte. Nun wirkte er erwachsener und bezauberte sie mit lässiger Herzlichkeit: »Ich bedaure, daß wir uns nur einmal in Lehigh Station getroffen haben. Danach habe ich oft von Ihnen gehört.«

»Nichts Erfreuliches, vermute ich.«

»Oh, das möchte ich nicht behaupten.« Er lächelte sie an. »Der Kongreßabgeordnete sagte mir, Sie seien vielleicht daran interessiert, beim Unterricht dieser Kinder zu helfen.«

»Nun ...«

»Ist das Gumbo, Mrs. Denton? Ich habe mein Mittagessen versäumt. Leisten Sie mir Gesellschaft, Miss Hazard? Thad?«

»Draußen ist es feucht, und Gumbo wärmt mich immer auf«, sagte Stevens. »Ich nehme ein paar Bissen. Und du, Virgilia?«

Sie wußte nicht, wie sie ablehnen sollte, und stellte fest, daß sie es auch gar nicht wollte. Sie setzten sich, die Schüsseln mit der schmackhaften Suppe vor sich. Während sie mit Brown und Stevens plauderte, irrte ihr Blick häufig zu dem kleinen, fröhlichen Jungen ab, der sie so an Grady erinnerte. Der Anblick seines unschuldigen Gesichts, noch unberührt von den Grausamkeiten, die seine Hautfarbe provozieren würde, brachte sie erneut an den Rand der Tränen. Und dann kam ihr ein plötzlicher, verblüffender Gedanke. Sam war für sie verloren. Selbst zu Beginn ihrer Affäre hatte sie gewußt, daß sie ihn nicht ewig würde halten können. Vielleicht war es an der Zeit, die Verbitterung und den Kummer abzulegen. Vielleicht war es an der Zeit, sich um jemanden zu kümmern, der von ihrer Liebe profitieren würde.

Wie eine plötzliche Erscheinung sah sie auf einmal den toten Soldaten im Feldhospital vor sich. Sie starrte ihre Hände an. Andere konnten das Blut daran nicht sehen, aber sie schon. Dieses Blut würde sich nie abwaschen lassen. Aber sie konnte anfangen zu sühnen.

Stevens löffelte die letzten Reste seiner Suppe und meinte, er habe am Spätnachmittag ein Treffen mit den Angehörigen des Komitees der Fünfzehn. Scipio Brown drängte Virgilia nicht zu einer Antwort, zeigte jedoch deutlich, daß er sehr daran interessiert wäre, sie bei sich im Waisenhaus zu haben. Zum Abschied schüttelte er ihr kräftig die Hand. Er hatte eine direkte Art, in seinen Augen und seinem ganzen Auftreten lag Stolz. Sie mochte ihn.

In der auf die Stadtmitte zuschwankenden Kutsche legte Stevens beide Hände auf den Knauf seines Stockes. Sie dachte dabei an einen Löwen. Ein alter Löwe, aber immer noch von seinem Instinkt getrieben.

»Ich verliebe mich jedesmal neu, wenn ich diese Waisenkinder besuche, Virgilia.«

»Das kann ich verstehen. Sie sind sehr anziehend.«

»Und was hältst du von der Sache?«

»Viel, Thad. Sehr viel.«

Der alte Mann drückte ihre Hand. »Du wärst gut für sie. Ich glaube, sie wären auch gut für dich. Ich weiß, was du für Sam empfunden hast. Aber er gehört der Vergangenheit an, denke ich.«

Endlich kamen ihr die Tränen; Virgilia konnte nur nicken und sich abwenden.

An diesem Abend sagte sie in Georgetown Miss Tivertons Neffen höflich, aber bestimmt Bescheid, daß sie ihre Stelle aufgeben würde.

31

Wie eine Königin, die aus ihrem Palast auftaucht, trat Ashton in den Junisonnenschein hinaus. Das Gebäude, das sie eben verlassen hatte, war allerdings kein Palast, sondern ein Gasthaus in der Jackson Street, direkt am Rande von Chicagos übelster Gegend, einem Gewirr von Hütten und Schuppen, Conley's Patch genannt. Seit Monaten saß Ashton nun schon in einem großen, dreckigen Einzelzimmer fest, zusammen mit Will Fenway und seinen Bergen von Konstruktionszeichnungen, Kostenkalkulationen, Lieferungsangeboten, Darlehensverträgen. Sie haßte es.

Noch mehr haßte sie die Anonymität, die Will ihr verordnet hatte, seit sie Santa Fe verlassen hatten. Sie wollte ein gemeinsames Foto machen lassen; er lehnte ab. Von ihr dürften überhaupt keine Bilder mehr gemacht werden, meinte er. Hatte ihr nicht die Senora in Santa Fe die Behörden wegen des Mordes an ihrem Schwager auf den Hals gehetzt? Wann immer Will das erwähnte, trat ein merkwürdiges Glitzern in seine wäßrigen blauen Augen; ein Ausdruck, den Ashton nicht verstand.

An diesem Morgen, während sie sich von dem angenehmen Sonnenschein wärmen ließ, ähnelte sie, wenn schon nicht einer Königin, so doch einer Frau von bester Herkunft. Ihr Kleid und der dazu passende Hut waren aus leuchtend roter Seide; allein in dem keilförmig zugeschnittenen Rock steckten zwölf Meter Stoff. Eine aus sechs sprungfederähnlichen Drähten geformte Tournüre hob ihren Rock hinten provokativ an. Diese Tournüre war die neue Mode. Es war die reinste Tortur, das Ding an- und auszuziehen, aber ihr gefiel die Art und Weise, wie dadurch ihr Sex-Appeal betont wurde.

Unglücklicherweise geschah das am Rande von Conley's Patch am falschen Ort. Ein heruntergekommener, triefäugiger Arbeiter kam auf sie zugeschwankt.

»Hallo, Süße.« Stinkend wie eine ganze Kneipe, blockierte er den Gehsteig. »Deinem Kleid nach bist du im Dienst, schätze ich. Wieviel?«

Ashton preßte die Lippen zusammen. Mit ihrer zierlichen Hand im roten Handschuh schlug sie ihm den roten Sonnenschirm kräftig ins Gesicht. Dann hielt sie ihm die andere Hand unter die Nase. Unter dem Handschuh zeichneten sich die Umrisse eines mächtigen Diamanteherings ab.

»Du dreckiger, ungebildeter Kerl. Ich bin eine anständige verheiratete Frau.«

»Für mich schaust du wie eine Hure aus.« Er griff nach ihr.

Ashton stieß ihm die Schirmspitze hart zwischen die Beine. Seine Augen schielten ganz fürchterlich, als er zurücktaumelte, mit beiden Händen seine untere Partie umklammernd. Zwei besser gekleidete Gentlemen traten zwischen das heruntergekommene Wrack und Ashton.

»Ich danke Ihnen«, sagte sie mit ihrer lieblichsten Stimme. Sie tippten an ihre Melonen, während sie den Betrunkenen festhielten. Ashton rauschte weiter, auf die Van-Buren-Street-Brücke zu. Sie war bereits zu spät, und an diesem wichtigen, um nicht zu sagen schicksalsträchtigen Tag wollte sie auf keinen Fall zu spät kommen.

Im Weitereilen dachte sie über die ungeschickte Attacke nach. Zumindest war das ein Beweis dafür, daß sie mit einunddreißig noch nichts von ihrem guten Aussehen eingebüßt hatte. Vielleicht sah sie jetzt sogar noch besser aus als früher. Das war allerdings auch das einzige, was sich verbessert hatte. Sie haßte das Leben ohne einen Penny, das zu führen sie gezwungen war. Oft konnte sie es kaum glauben, wie weit sie und der griesgrämige, knickerige alte Mann als Partner herumgekommen waren. Von Santa Fe nach San Francisco, dann Virginia City und schließlich Chicago.

So viele Pläne, so viele Kämpfe. Und ihre ganze Zukunft hing von diesen Pianozeichnungen ab, die Will angefertigt hatte, wieder und wieder, unzählige Male, manchmal bis drei oder vier Uhr morgens; er wertete seine eigenen Erfahrungen aus und suchte in obskuren deutschen und französischen Büchern nach Produktionsdiagrammen und nach Möglichkeiten, hier oder dort einen Dime einzusparen.

Heute strebte alles dem Höhepunkt entgegen. Alles; das Geld, das sie von Virginia City mitgebracht hatten, knapp über hunderttausend Dollar in einer Packtasche. Die beiden Darlehen, die sie ausgehandelt hatten, um die Miete und die Löhne von Wills vier Arbeitern und dem Verkäufer zu zahlen, den er von Hochstein abgeworben hatte. Um eines der Darlehen zu bekommen, hatte Ashton eine Nacht mit dem Bankier verbringen müssen, einem fürchterlichen Mann mit einem Schweinebauch, der stundenlang auf ihr lag, ohne was zustande zu bringen.

Nachdem er sich fünfzehn Minuten lang bemüht hatte, war sie zu dem Entschluß gelangt, daß sie keinen Hosenknopf des Bankiers für ihre Schatulle wünschte. Den größten Teil der Nacht lag sie da und starrte an seinem Kopf vorbei in die Dunkelheit. Sie sah sich herrlich gekleidet, reich und mächtig, dank Wills Erfolg. Sie sah sich nach Mont Royal zurückkehren, sie sah eine Reihe von Konfrontationen mit der arroganten Madeline - jede dieser Phantasien war so gestaltet, daß sie Madeline verletzte und von dem Familienbesitz trieb, der rechtmäßig ihr, Ashton, gehörte.