Sie quietschte überrascht auf, fühlte sich dann aber tatsächlich gerührt. Wieder umarmte sie ihn und spürte, wie sein Körper ganz kurz müde und erschöpft gegen den ihren fiel. Er winkte. »Probieren Sie sie aus, Norvil.«
Der Verkäufer zog sich einen Hocker heran, spreizte seine Finger und schlug dann zögernd >Camptown Races< an.
»Lauter, Norvil«, sagte Will.
Norvil spielte lauter.
»Schneller.« Norvil steigerte das Tempo. Die Musik schien durch die geschlossene Front des Pianos mit einem leicht metallischen Klang zu dringen. Norvil wechselte zu >Marching Through Georgia< über. Man konnte praktisch die Hörner und die stampfenden Füße hören.
Einer der Arbeiter legte einen kleinen Tanz hin. »Verdammt, das ist 'n Klavier!«
»Richtig«, stimmte Will zu. »In einem Bordell schert man sich einen Dreck um süße, sanfte Töne. Man will Krach. Krach, Norvil!«
Gehorsam spielte Norvil einen Verdi-Chor. Entzückt klatschte Ashton mit ihren kleinen roten Handschuhen. Will warf ihr einen seltsamen, ernsten Seitenblick zu, dann sagte er: »Ich kann so viele bauen, wie Sie verkaufen können, Norvil, aber wenn Sie überhaupt keins verkaufen, dann können Sie mich im Armenhaus besuchen, vorausgesetzt, die Lieferanten haben mich nicht schon zuvor erschlagen. Nun, ich denke, wir machen jetzt besser die Flasche Whisky auf, was?«
Ashton hatte noch keine Feier erlebt, die mit weniger Begeisterung angekündigt worden wäre. Der Gedanke, was passieren würde, wenn das Ashton-Klavier ein Fehlschlag wurde, ließ auch sie ein bißchen ernst werden.
Nachdem Norvil und die Arbeiter die Flasche geleert hatten, gab Will ihnen den Rest des Tages frei und schloß den Speicher ab. Die leere Flasche warf er in eine Mülltonne. »Die Karten sind ausgeteilt, Ashton. Wir können genausogut unser letztes Geld für ein gutes Steak im Café an der Ecke ausgeben.«
Sie war einverstanden. Keiner von ihnen sprach viel, bis sie zwischen Farntöpfen in dichtem Zigarrenqualm unter ansonsten nur männlichen Gästen saßen, die ihr auffallendes Aussehen beglotzten.
Ihr roter Handschuh schloß sich um seine Hand. »Will, was hat dich in diese trübe Stimmung versetzt?«
Er wich ihrem Blick aus. »Das würde dich nicht interessieren.«
»Oh doch, das würde es.« Sie zog ein hübsches Schmollmünd-chen. »Doch!«
Der Blick seiner müden, rotgeränderten Augen richtete sich auf sie. »Ich habe dir das nie gesagt, weil ich nie sicher war, daß wir so weit kommen würden. Aber es frißt an mir, Ashton.«
»Was?« Ihr Schmollen wirkte jetzt erzwungen und nervös.
»Was?«
»Santa Fe.«
»Wie bitte?«
»Was mich beunruhigt, ist Santa Fe. Dieser Luis, den du erschossen hast, als es gar nicht mehr notwendig war.« Ärger rötete ihr Gesicht. Er packte ihr Handgelenk, und sie spürte die verborgene Kraft, die in diesem verfallenen alten Leib steckte. »Laß mich ausreden. Dieser Mann bereitet mir Alpträume. Ich bin weiß Gott keine Säule der Tugend. Und ich mag dich, ich mag dich wirklich. Ich mag deine Keckheit, dein Aussehen, deinen Mumm, deinen Ehrgeiz, den du nicht hinter einem Haufen schwülstiger Lügen versteckst. Aber da ist ein gewisser Zug in dir, den dein Daddy aus dir hätte herausprügeln sollen. Ein übler Zug. Der hat dich dazu gebracht, einen wehrlosen Mann zu erschießen. Ob nun die Fenway-Pianos eine Katastrophe oder ein umwerfender Erfolg werden, ganz egal ...« Die nächsten Worte kamen nach einigen schweren Atemzügen, als müßte er eine Last heben. »Ich habe beschlossen, wenn du je wieder etwas derart Gemeines tust, dann sind wir fertig miteinander. Nein, komm mir jetzt nicht mit Argumenten. Keine Entschuldigungen. Du hast ihn ermordet.« Seine Stimme war leise, damit niemand sie belauschen konnte. Aber in ihren Ohren klang sie wie ein tobender, kalter Januarsturm.
Er zog seine Hand weg. »Wenn du so etwas noch mal tust, sind wir fertig, kapiert?«
Ihre erste Reaktion war erneuter Zorn. Huntoon hatte einst etwas Ähnliches zu ihr gesagt, und sie hatte ihn verhöhnt und verspottet. Jetzt öffnete sie ihren feuchten roten Mund, um dasselbe mit Will zu tun - und konnte es nicht.
Sie schauderte. Hastig ging sie ihre Chancen durch, dann senkte sie den Kopf.
»Ich habe verstanden.«
Er lächelte. Ein erschöpftes Lächeln, aber ein Lächeln. Er tätschelte ihre Hand. »Gut. Jetzt fühle ich mich besser. Bestellen wir. Oder besser noch, lassen wir den ganzen verdammten Tag sausen und besaufen uns. Entweder es ist alles vorbei, oder es fängt erst an. Ich habe alles gegeben. Du ebenfalls.«
Ihre Blicke trafen sich in einem merkwürdigen, stillen Moment gegenseitigen Verstehens. Warum bewunderte sie diesen zerbrechlichen alten Mann? Weil er reinen Stahl in sich hatte? Weil er einen Befehl erteilen und dafür sorgen konnte, daß sie ihn befolgte? Zu ihrer eigenen Überraschung wurden ihre Augen feucht.
»Ja, das haben wir. Trinken wir wie die Könige, und dann gehen wir ins Bett.«
»Wahrscheinlich werde ich gleich einschlafen.«
»Das macht nichts. Ich halte dich warm.«
Das munterte ihn auf, und eine gewisse Heiterkeit kam bei ihm zum Vorschein, als er mit den Fingern nach dem Kellner schnippte. »Nun, warum nicht? Jetzt liegt alles bei Norvil. Bei Norvil und den Puffbesitzern dieser großartigen Vereinigten Staaten.«
32
Jemand berührte seinen Fuß.
Charles war sofort hellwach; er fegte seinen schwarzen Hut vom Gesicht, während seine rechte Hand zum Colt schnellte.
Der Revolver fuhr hoch. Dann erkannte er Corporal Magee, auf dessen dunkles Gesicht die durch die abgestorbenen Pappelblätter fallenden Sonnenstrahlen ein Muster malten.
Charles' Herz beruhigte sich wieder. »Anrufen, nicht anfassen, wenn ich schlafe. Sonst kriegst du womöglich eine Kugel verpaßt.«
»Tut mir leid, Sir. Wir haben Rauch gesichtet.«
Er deutete nach Südwesten, wo das Band des Smoky Hill River im Mittagslicht wie aus Zinn gegossen glänzte. Eine dünne, schwarze Säule stand am Himmel. Charles raffte sich hoch und machte sich auf die Suche nach seinem Spurenleser.
Er patrouillierte mit seinem Zehn-Mann-Trupp vor Fort Harker einen Fünfundzwanzig-Meilen-Streifen entlang der Postkutschenroute südlich und westlich des Militärpostens. Jetzt hatten die Soldaten unter den Bäumen am Fluß Schutz vor der Julihitze gesucht. Viel nützte es nicht. Das rote Tuch um Charles' Hals fühlte sich wie ein nasser Lappen an. Seine nackte Brust glänzte vor Schweiß.
Der Spurenleser war ein Kiowa namens Großer Arm, den der Alte Charles zugewiesen hatte. Er war ein gutaussehender Indianer und ein geschickter Reiter, aber stets mürrisch gestimmt. Barnes sagte, er stamme von einer Kiowa-Bande unten im nördlichen Texas, wo er vor einigen Jahren bei einer Büffeljagd einen unverzeihlichen Fehler begangen hatte. Er war ungeduldig geworden, war vor den anderen Jägern losgestürmt und hatte so die Herde in die Flucht geschlagen. Niemand hatte auch nur einen Büffel erlegt. Die Besitztümer von Großer Arm wurden zerbrochen, und er wurde ausgestoßen. Zwei Winter hielt er das durch, dann trat er voller Haß in den Dienst des weißen Mannes - in seinem Fall war es ein Haufen Schwarzer oder Büffelsoldaten, wie sie von den Prärieindianern genannt wurden, da das wollige Kraushaar der Schwarzen an ein Büffelfell erinnerte.
»Was hältst du davon?« sagte Charles zu Großer Arm in gereiztem Tonfall. Der Kiowa, der nur mit Charles oder dessen Männern redete, wenn es unumgänglich erschien, war ihm aus tiefstem Herzen zuwider.
Großer Arm antwortete mit einem für ihn typischen Achselzucken, dann zog er ein glänzendes Messingteleskop aus dem Gürtel. Er wollte es gerade öffnen, als Charles es ihm aus der Hand schlug.