»Wie oft muß ich dir das noch sagen? Dieses Ding leuchtet wie ein Spiegel. Was brennt da? Die nächste Postkutschenstation?«
Mürrisch schüttelte Großer Arm den Kopf. »Zu nah für Station, muß neue Farm sein. Nicht da letztes Mal, als ich Fluß ritt.«
Alarmiert brüllte Charles: »Wallis! Blase zum Aufsitzen!«
Nach Verbüßung seines Arrestes hatte Shem Wallis seinen Dienst wieder aufgenommen und ein gewisses Talent als Trompeter gezeigt. Jetzt blies er das Kommando in scharfen, drängenden Tönen. Die schwarzen Kavalleristen rappelten sich fluchend auf. Charles teilte zwei Mann als Wache für den Versorgungswagen ein und rannte zu seinem angepflockten Schecken.
Trotz der Hitze zündete er sich eine Zigarre an. Die Nerven. Schweiß lief ihm über Brust und Rücken, als er an der Spitze der acht Männer in Zweierreihe aus dem Schatten der Bäume trabte.
Das mit Rasenstücken gedeckte Haus stand noch. Der Rauch stammte vom Gerippe eines Farmwagens. Charles ließ seine Männer antreten, und sie näherten sich mit schußbereiten Gewehren und Revolvern. Die Krempe von Charles' schwarzem Hut warf einen scharfen, diagonalen Schatten über sein Gesicht.
Seine Blicke huschten hin und her. Plötzlich drang ihm ein übler Geruch in die Nase. »Was zum Teufel ist das?«
Großer Arm wußte offensichtlich Bescheid. »Schlimm«, sagte er.
Sie hielten am Rand des zertrampelten Hofes. Vom Pferderücken aus las Charles die Spuren in dem zertretenen Gras neben dem kleinen, verdorrenden Gemüsegarten des Siedlers. »Ich zähle acht Ponys, vielleicht eins mehr.« Großer Arm grunzte zustimmend.
»Woher weiß er das?« murmelte einer seiner Männer hinter ihm. Charles zog es vor, sie in ständiger Ehrfurcht vor seinen Präriekenntnissen zu halten; nie erzählte er davon, daß Holzfuß ihm alles beigebracht hatte und daß kaum ein Tag verging, an dem er nicht die eine oder andere Lektion verwenden konnte. Sie wußten nicht, daß es so einfach war. Wenn er sie richtig geformt hatte, dann würde er ihnen vielleicht einige Geheimnisse enthüllen und mit dem ernsthaften Unterricht beginnen. Doch noch war es nicht soweit.
Er ließ absitzen und schickte drei Zwei-Mann-Teams los, um den Boden in verschiedenen Richtungen abzusuchen. Er selbst führte Magee, Großer Arm und einen weiteren Kavalleristen um das quadratische Haus herum, das aus Lehmziegeln mit einem Grasdach bestand. Hohe Gräser wuchsen aus den Rasenstücken, ein Unkrautfeld gegen den hitzeflimmernden Himmel.
Der Gestank wurde schlimmer.
»Riecht wie gekochtes Fleisch«, sagte der Kavallerist.
Sie bogen um die hintere Hausecke und sahen vor sich auf dem Boden das, was von dem weißen Siedler übriggeblieben war.
»Gott, sie haben Feuer auf ihm gemacht.«
Magee, der sich so leicht von nichts beeindrucken ließ, zeigte Verblüffung. »Das letzte Feuer auf seiner Brust.« Der andere Soldat rannte ins hohe Gras und übergab sich.
Charles gab Magee einen Stoß. »Okay, gehen wir eine Schaufel holen.« Beide wollten sie so schnell wie möglich von der Leiche wegkommen. Vorne sah er, wie Großer Arm mit seinem Teleskop gegen die Tür des Hauses stieß. »Um Himmels willen, geh da nicht rein, bis wir uns davon überzeugt haben, daß es sicher .«
Er war noch mitten im Satz, als Großer Arm die Tür aufstieß und eintrat. Dröhnender Donner schleuderte ihn wieder heraus. Von Rauchschwaden umgeben, landete er auf seinem Rücken. Aus einem Loch in der Brust seines Hirschlederhemdes quoll es rot hervor.
Charles drückte sich seitlich neben der Tür gegen die Wand. »Wir sind Soldaten. Armee der Vereinigten Staaten. Nicht mehr schießen.«
Er lauschte. Schwerer Atem. Dann ein Wimmern. Ein Schatten strich neben ihm über den Boden. Ein kreisender Geier.
»Nicht schießen. Ich komme rein.«
Unter den Blicken der anderen atmete Charles tief durch und trat in den Türrahmen. »Soldaten«, sagte er laut und schob sich in die fast undurchdringliche Dunkelheit hinein.
In einer Ecke inmitten zerbrochener Möbel lag die Frau des Siedlers, ein Mädchen mit kastanienbraunem Haar. Kleiderfetzen lagen um sie verstreut herum. Sie versuchte ihre Nacktheit zu verbergen, während ihre rechte Hand zitternd eine Pistole umklammerte. Charles warf nur einen kurzen Blick auf ihre feuchten Schenkel, aber es reichte, um sie zu demütigen. Er mußte nicht fragen, was sie ihr angetan hatten.
Veilchenblaue Augen füllten sich mit Tränen. »Eulus hat mir die Pistole gegeben. Ich sollte die letzte Kugel für mich selber aufheben. Sie haben mir die Waffe weggenommen, bevor sie -bevor sie - ist mit Eulus alles in Ordnung?«
Charles wäre am liebsten im Boden versunken. »Nein.«
Eine Art wahnsinnigen Elends blitzte in den veilchenblauen Augen auf. Ihre freie Hand glitt über ihre Schenkel, als wollte sie die Schandflecken wegwischen. Er versuchte seine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen und vernünftig zu denken.
»Hören Sie, es tut mir leid. Legen Sie sich hin, ich suche eine Decke für Sie. Dann holen wir unseren Wagen und bringen Sie - nicht!«
Er stürzte sich auf sie, aber zu spät. Seine ausgestreckte Hand fuhr einen Meter von ihr entfernt durch die Luft, als sie auf den Abzug der Pistole drückte, die sie sich in den Mund geschoben hatte.
Magic Magee berührte den Körper von Großer Arm mit seinem perlenbesetzten Mokassin. »Ich bin ja nur ein Stadtjunge, Lieutenant, aber mir scheint, daß dieser Fährtensucher hier sein Geschäft nicht besonders gut verstanden hat.«
Charles starrte zum weißen Horizont hinüber und biß auf seiner kalten Zigarre herum. »Verdammter Narr. Verdammte Wilde. Verdammter Hancock.« Er wandte sich ab, um den in ihm tobenden Sturm an Emotionen zu verbergen.
Magee sagt zu Shem Wallis, dem die Tränen in den Augen standen: »Wird ein mächtig langer Sommer.«
Vor kurzem war Hancocks Krieg, wie die Presse die Frühjahrsexpedition bezeichnete, zu Ende gegangen. Hancocks herausfordernde Demonstration der Stärke hätte den Frieden fördern sollen; das impulsive Niederbrennen des Dorfes an der Pawnee-Ga-belung hatte für Krieg gesorgt. Die Präriestämme betrachteten die Zerstörung von Tipis, Büffelfellkleidung und anderen persönlichen Besitztümern als Wiederholung von Sand Creek und als direkten Verstoß gegen den Little-Arkansas-Vertrag.
Und sie schlugen zurück.
Banden junger Sioux und Cheyenne, geführt von Hitzköpfen wie Pawnee Killer und Narbengesicht, strömten nach Kansas hinein und überfielen Heimstätten wie jene, die Charles gefunden hatte, brannten Postkutschenstationen nieder, stürzten sich auf unbewaffnete Bautrupps der U.P.E.D., die in einem verzweifelten Wettrennen zum hundertsten Meridian ihre Schienen verlegten. Zwischen Fort Harker, der gegenwärtigen Spitze des Schienenstrangs, und Fort Hays, einem noch primitiveren Militärposten sechzig Meilen westlich gelegen, weigerten sich die US-Trupps, ohne bewaffnete Schutztrupps zu arbeiten.
Von der Division aus erließ Sherman den Befehl, Kavallerie-und Infanterie-Einheiten zur Bewachung der Trupps abzustellen. Die eigenen Sicherheitskräfte der Eisenbahn, geführt von einem ehemaligen Pinkerton-Agenten namens J.O. Hartree, verstärkten die Armeekommandos. Hartree genoß den Ruf eines Killers, aber das reichte nicht aus, um die Überfälle zu stoppen. Die Direktoren der Eisenbahn schrien nach weiteren Männern, weiteren Waffen. Gouverneur Crawford von Kansas schrie nach Schutz für seine Bürger und begann ein Sonderkavallerieregiment des Staates aufzubauen. Sherman wollte die Armee zum Einsatz bringen: »Wir dürfen nicht in der Defensive bleiben. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit müssen wir sie verfolgen. Wir müssen die Gegend zwischen Platte und Arkansas von Indianern säubern.«
Das klang alles schön und gut, wenn man von der Reaktion all der Kongreßabgeordneten, Bürokraten, Prediger und Journalisten absah, die sich auf Seiten der Indianer schlugen und die jeder indianischen Untat eine zuvor erfolgte Untat der Weißen unterschoben. Von Bostoner Kanzeln und New Yorker Redaktionsräumen aus sprachen sie mit mächtiger, überzeugender Stimme. Sie nannten den Brand an der Pawnee-Gabelung einen feigen, provokativen Akt. Sie druckten Handzettel, veranstalteten Fackelumzüge und schickten Unmengen von Memoranden an Präsident Johnson. Zu den stärksten Trägern dieser Clique zählte Willas Indian Friendship Society - eine Tatsache, an die Charles nicht zu denken versuchte.