Ehe der Vorfall mit dem Siedlerpaar geschah, hatte er seinen Trupp mit einem guten Gefühl in den Einsatz geführt. Es war wesentlich besser, durch die Smoky Hills zu patrouillieren und Indianer zu jagen, als in den elenden, rattenverseuchten Schlammhütten in Fort Harker zu hausen. Bald schon war ihm klargeworden, daß es einem kleinen Trupp an der nötigen Feuerkraft fehlte, um große, herumstreunende Kriegsbanden zu verfolgen und zu vernichten. Schlimmer noch, es war ihnen auch nicht erlaubt. Sie durften nur reagieren, nicht agieren. Je bewußter ihm diese Tatsache wurde, desto übler wurde Charles' Laune; im Hochsommer spürte er das gleiche mörderische Gefühl in sich, das er bei der Entdeckung der Leichen von Boy und Jackson empfunden hatte.
Charles und seine Männer hatten die übelkeitserregende Aufgabe übernommen, die Siedler zu begraben und ihre wenigen Habseligkeiten durchzusehen, um sie identifizieren zu können. Sie hatten eine Bibel gefunden, allerdings ohne irgendeine Inschrift. Sie hatten nichts weiter als einen Namen, Eulus. Es war pure Ironie, daß angesichts dieser Metzelei die Friedensstifter vorübergehend das Kommando übernahmen. Senator Hender-son aus Missouri, ein mächtiges Mitglied der Friedenslobby, brachte ein Gesetz ein, mit dem eine weitere Kommission bevollmächtigt werden sollte, einen dauerhaften Frieden mit den Prärieindianern auszuhandeln.
Wie so viele in Uniform kam sich Charles verraten und verkauft vor; man hinderte ihn daran, einen Krieg zu gewinnen, der ständig unschuldige Opfer forderte wie den Siedler Eulus und dessen Frau. Charles glaubte, daß sich die Friedenslobby nicht ewig halten würde. Letzten Endes mußte man die Armee loslassen, mit der Erlaubnis, den Kampf bis zum endgültigen Sieg fortzuführen. Dann würde sich ihm die Chance bieten, seinen Racheschwur wahrzumachen, den er über den verstümmelten Leichen von Holzfuß und Boy abgelegt hatte.
Während Charles mit der Leiche von Großer Arm nach Fort Harker zurückkehrte, sagte er sich, daß er eigentlich dankbar sein müsse. Obwohl seine Schwarzen von ihren weißen Brüdern verachtet wurden, hätte er es anderswo wesentlich schlimmer treffen können. Zum Beispiel bei der Siebten Kavallerie.
Dieses Regiment wurde zwischen verschiedenen Parteien hin und her gerissen; es gab viel Ärger. Custer hatte an Hancocks Expedition teilgenommen und war anschließend den Republi-can River hochgeschickt worden, um Indianer zu jagen. Eine Anzahl von ihm angeordneter Gewaltmärsche hatte zu Massendesertionen geführt. Eines Nachts verschwanden fünfunddreißig Männer. Voller Wut hatte Custer ihnen seinen Bruder Tom, einen Adjutanten und einen Major Elliot nachgehetzt, mit dem Befehl, jeden Mann zu erschießen, den sie erwischten.
Die Verfolger schnappten fünf Mann; drei davon wurden verwundet. Custer verweigerte ihnen eine Zeitlang jede medizinische Versorgung. Einer starb in Fort Wallace, und Charles hörte, daß sich Custer rühmte, bei ihm würden es sich potentielle Deserteure zweimal überlegen, bevor sie flüchteten.
Kurz vor ihrem Aufbruch zur Patrouille hatte Charles noch etwas über den Boy General gehört. Anscheinend hatte er Fort Wallace ohne Erlaubnis verlassen und war durch Fort Hays und Fort Harker gehetzt, um seine Frau aufzusuchen, deren Gesundheit und Sicherheit ihm Sorge bereiteten. Zusätzlich zu dem Indianerproblem hing die Drohung einer Choleraepidemie in der Luft.
Captain Barnes betrachtete den stämmigen Indianer mit gerunzelter Stirn. »Lieutenant August, hier ist dein neuer Spurenleser, Graue Eule.«
Charles rutschte das Herz in die Hosentasche. Im Vergleich zu diesem Galgenvogel war Großer Arm eine schillernde Persönlichkeit gewesen. Der Indianer mochte um die Vierzig sein und steckte trotz der Hitze in einem Büffelfell. Er hatte breite, dunkle Backenknochen und eine Nase wie eine stumpfe Axt. Seine Flechten hatte er mit bemalten Hirschlederriemen zusammengebunden, aber davon abgesehen konnte Charles nichts entdecken, was einen Hinweis auf seinen Stamm gegeben hätte. Ganz sicher gehörte der Fährtensucher weder zu den Delaware noch zu den Osage. Vielleicht irgendein Sioux-Zweig? Sehr verwirrend. Die Sioux befanden sich auf dem Kriegspfad.
Barnes bemerkte Charles' starren Blick und sagte: »Er gehört zu den südlichen Cheyenne. Seit ich hier draußen bin, arbeitet er schon als Spurenleser für die Armee.«
»Ich will verdammt sein. Erzähl mir bloß nicht, er hat auch eine Büffelherde in die Flucht geschlagen.«
»Nein. Er kann sein Volk nicht leiden. Warum, will er nicht sagen.«
Charles sah ganz kurz den Schmerz in den Augen des Fährtensuchers aufblitzen, zumindest bildete er sich das ein. Es war ein merkwürdiges Gefühl, über den Indianer zu sprechen, als wäre er gar nicht anwesend. »Na gut, komm mit, Graue Eule. Ich werde dich meinen Männern vorstellen.«
»Jawohl. Schönen Dank«, sagte Graue Eule. Charles fuhr herum. Der Cheyenne sprach deutlich und fast akzentfrei. Er mußte viel Zeit unter Weißen zugebracht haben. In einem Punkt war er jedenfalls besser als Großer Arm: Er gab Antwort, wenn man ihn etwas fragte, und zwar mehr als nur einige Worte. Er hatte jedoch ein anderes Problem. Er war nicht mürrisch, aber er weigerte sich hartnäckig zu lächeln.
»Verstehst du, Magic«, sagte Charles zu seinem Corporal, »ich kann keine Leistung aus ihm rausholen, solange ich nicht an ihn herankomme. Und um an ihn heranzukommen, muß ich einiges über ihn wissen. Was er will, was er mag, wer er wirklich ist. Zweimal habe ich ihn nach dem Grund gefragt, weshalb er sich von seinem Stamm abgewandt hat. Er weigert sich, es mir zu sagen. Wir stehen im Begriff, ein gutes Kommando aufzubauen. Ich will nicht, daß er das kaputtmacht, so wie Großer Arm. Wir müssen ihn herumkriegen. Der erste Schritt dazu ist, dieses steinerne Gesicht zu knacken. Ich denke, du bist der richtige Mann dafür.«
»Ich möchte dir eine kleine Geschichte erzählen«, sagte Magee. »Aber zuerst muß ich was überprüfen. Soweit ich weiß, hast du dich eine Zeitlang bei den Forts herumgetrieben, richtig?«
Graue Eule nickte. Eingewickelt in sein Büffelfell saß er mit untergeschlagenen Beinen da und zeigte soviel Gefühl wie ein Felsbrocken vom Grunde eines Flusses.
Der kühler gewordene Wind ließ das Campfeuer aufflammen. Charles und seine Männer waren übereingekommen, Zelte in der Prärie zwischen Posten und Fluß aufzustellen, um nicht in diesen finsteren, stinkenden Hütten mit Ameisen, Läusen und Gott weiß was noch schlafen zu müssen.
»Dann weißt du vielleicht auch, was das ist?« sagte Magee und holte ein abgenutztes Kartenspiel hervor. »Du hast Kavalleristen mit solchen Karten spielen sehen, nicht wahr?«
Ein weiteres Nicken.
»Du bist also sicher, daß du weißt, was in so einem Kartenspiel steckt, ja?« Er breitete die Karten fächerförmig aus. »Die Augen, die Bilder? Siehst du, es gibt vier verschiedene Arten von Königen, vier verschiedene .«
»Ich habe Karten gesehen«, unterbrach ihn Graue Eule; Ärger blitzte kurz in seinen Augen auf.
»Also gut. Gut! Ich mußte bloß herausfinden, ob du auch die volle Bedeutung der Geschichte, die ich dir erzählen werde, zu schätzen weißt. Es ist eine gute Geschichte, denn sie zeigt, wie weit man es in dieser Armee bringen kann, wenn man den richtigen Ehrgeiz hat. Tatsächlich heißt die Geschichte >Der ehrgeizige Unteroffizier^«
Magee kniete vor Graue Eule nieder. »Dieser Unteroffizier, das war ein mächtig flinker junger Bursche namens Jack.« Er drehte die oberste Karte um, den Karobuben. Wallis und ein weiterer Kavallerist schlenderten herbei, um zuzusehen. »Jack war ehrgeizig wie der Teufel. Er wollte Erster Sergeant werden und wurde auch bald befördert.«