Magee winkte mit der Karte den Zuschauern zu. Charles saß rauchend da und betrachtete amüsiert die Darbietung.
»Der Jammer mit Jack war, daß er ein loses Mundwerk hatte. Er wurde einem der Offiziere gegenüber frech, und sie degradierten ihn.« Er streckte die Karten aus. »Lieutenant? Verdeckt. Wohin Sie wollen.«
Charles nahm den Buben und steckte ihn mitten ins Kartenspiel. Magee legte den Stoß Karten auf seine Handfläche. »Doch der alte Jack war immer noch ehrgeizig. Er schuftete schwer. Dauerte nicht lange, da machten sie ihn wieder zum Sergeant.«
Magee drehte die oberste Karte um. Der >Jack of Diamonds<, der Karobube.
Graue Eule schloß kurz die Augen, das Blinzeln eines Reptils. Das feuerte Magee an.
»Der arme Jack - trotz seines Ehrgeizes hatte er das übliche Problem, das wir Soldaten haben. Er nahm gern einen Schluck, und eines abends hatte er ein paar Schlucke zuviel. Er wurde zum zweitenmal degradiert.«
Auf ein Nicken von Magee hin nahm Wallis den Buben von oben und steckte ihn ins Spiel zurück. Wieder holte Magee den Buben als oberste Karte vom Stoß.
»Jack hatte auch viel für die Damen übrig. Er machte eine unschuldige Bemerkung, die die Frau eines Generals empörte, worauf er wieder degradiert wurde. Aber er war ehrgeizig.«
Wieder führte Magee den Trick vor, was bei dem Fährtensucher ein mehrmaliges Blinzeln zur Folge hatte.
»Sergeant Jack wurde so oft degradiert und arbeitete sich so oft wieder hoch, daß er zu einer Art Legende wurde. Jeder wollte so ein Stehaufmännchen werden wie Jack.« Er drehte die mittlerweile vertraute oberste Karte um und legte sie mit dem Bild nach unten ab. »Jedermann mochte Jacks unbändigen Ehrgeiz. Und weißt du, was? Bald wurde die ganze Armee davon angesteckt. Selbst die Fährtensucher.«
Er reichte Graue Eule das Kartenspiel, mit dem verdeckten Buben obenauf. Er bedeutete dem Indianer, die Karte zu nehmen und sie in das Spiel zurückzustecken. Mit heftig gerunzel-ter Stirn nahm Graue Eule die Karte, dachte eine Weile nach und schob sie dann vorsichtig ziemlich weit unten in den Kartenstoß. Magee nahm die Karten, hielt sie so, daß alle sie sehen konnten, und schnippte die oberste Karte um.
Charles klatschte. Wallis pfiff. Ungläubig nahm Graue Eule den Karobuben und untersuchte ihn von beiden Seiten. Er biß leicht darauf. Er bog die Karte um, schwenkte sie und schnippte mit dem Fingernagel dagegen. Magee wartete.
Graue Eule reichte die Karte zurück. Und lächelte.
Ein Kavallerist warf weiteren Büffelmist ins Feuer. Graue Eule schien so von Magee fasziniert zu sein, daß seine Zurückhaltung dahinschmolz. »Die Schamanen meines Volkes würden dich ehren.«
»Schamanen?« Magee kannte den Ausdruck nicht. »Soll das heißen, es gibt Indianer, die auch so einen Hokuspokus praktizieren?«
Graue Eule kannte den Ausdruck Hokuspokus nicht. »Zauber? Ja. Sie haben sehr starken Zauber. Ich habe gesehen, wie sie weiße Federn in weiße Steine verwandelten. Ich habe gesehen, wie der Körper eines Schamanen unsichtbar von einem Tipi ins andere gelangte, fünfzig Schritt entfernt.«
Magee verzog das Gesicht. »Tunnel«, verkündete er. »Sie müssen irgendwie einen Tunnel benützen.«
»Sie können sogar einem Mann den Kopf abschlagen und wieder draufsetzen. Unter den Cheyenne, die Wunder wirken, wärst du ein großer Mann. Geehrt. Gefürchtet.«
Magee warf einen nachdenklichen Blick auf sein Kartenspiel. Charles sagte zu ihm: »Denk dran, falls du jemals deine Haare retten mußt.«
In Harker verbrachten sie eine Woche, um sich mit Proviant zu versorgen und die Ausrüstung der Pferde zu reparieren. Charles rechnete täglich damit - zumindest wünschte er es sich -, daß die Post einen Brief von Willa bringen würde. Kein Brief kam. Er schrieb selbst zwei Briefe, konnte dann aber den entschuldigenden Tonfall nicht ausstehen, der sich einschlich, und zerriß sie wieder. Statt dessen sandte er eine Nachricht an Brigadier Duncan und legte für den kleinen Gus eine Adlerfeder dazu.
Graue Eule redete jetzt mit Charles. Gelegentlich lächelte er sogar. Sie kamen miteinander ganz gut aus. Der Spurenleser war auf seinem Gebiet ein Experte, wesentlich besser als Großer Arm, und führte Befehle, ohne zu murren, aus. Doch Charles war dem Geheimnis, weshalb Graue Eule sein Volk verlassen hatte, immer noch keinen Schritt nähergekommen. Bevor er das nicht wußte, konnte er dem Cheyenne nicht vollständig vertrauen.
Drei herumstreifende Rees querten ihren Weg. Das schlechtgelaunte Trio beschwerte sich über eine neue Whisky-Ranch, die einen halben Tagesritt nach Süden aufgemacht hatte. Die Besitzer - Halbblutbrüder - verkauften Waffen und Whisky, dessen Herkunft im dunkeln lag. Einer der Rees wäre beinahe an einer Überdosis Whisky gestorben.
Charles entschied, daß die Geschichte der Wahrheit entsprach, und so machte sich das Kommando auf den Weg nach Süden. Whisky-Ranches waren nichts weiter als schlichte Saloons draußen in der Wildnis, betrieben von skrupellosen Männern, die davon profitierten, daß sie die Indianer bewaffneten und trunken machten. Die Soldaten fanden die Ranch zwischen einigen Sandhügeln, stürmten sie, nachdem sie ein paar Salven abgefeuert hatten, und nahmen die Besitzer ohne Schwierigkeiten in Gewahrsam.
Die beiden schäbigen Händler hatten auch noch die Gunst einer melancholischen, plumpen Comanchen-Frau verkauft, die Graue Eule erzählte, sie sei aus der Hütte ihres Mannes in Texas entführt worden.
Als Charles erklärte, er werde die Händler zurück nach Fort Harker schicken und dem Indianerbüro übergeben, setzte der ältere Bruder plötzlich zu einer Tirade über seine Angst vor dem Gefängnis an. Abrupt fuhr seine rechte Hand unter seinen Mantel. Charles jagte ihm eine Kugel in jedes Bein, bevor die Hand wieder auftauchte.
Magee kniete nieder und bog die schlaffen Finger des Mannes auf; er war ohnmächtig geworden. Magee hielt ein Bündel Banknoten in Händen.
Charles untersuchte das Geld. »Eine Bestechung. Mit Geld der Konföderierten, dieser verdammte Narr.« Er schleuderte das Papiergeld in die Luft. Der Präriewind wirbelte die Wolken wertlosen Reichtums nach oben. Den Blick auf den blutenden Mann gerichtet, sagte er: »Man kann nie wissen, was ein Mann unter seinem Mantel trägt.«
Später in der Nacht flüsterte Wallis empört Magee zu: »Er hätte nicht auf diesen Händler schießen müssen.«
»Doch, mußte er«, sagte Magee; es war keine Entschuldigung, sondern lediglich eine Feststellung.
Charles ließ die Frau laufen und schickte die beiden Brüder mit zwei Mann Bewachung zurück nach Fort Harker. Die Soldaten brannten die Whisky-Ranch am 28. Juli nieder, dem gleichen Tag, an dem die Armee George A. Custer wegen Desertion vom Dienst unter Arrest stellte.
Die Kriegsfeuer breiteten sich über die südlichen Prärien aus und steckten auch den Norden an. Auf einer Wiese in der Nähe von Fort C.F. Smith am Bozeman's Trail wehrten zweiunddreißig Soldaten und Zivilisten erfolgreich eine Attacke von mehreren hundert Cheyenne ab. Am nächsten Tag ereignete sich ein ähnlicher Vorfall, der später als >Wagenburg-Kampf< bezeichnet wurde; eine kleine Gruppe aus Fort Phil Kearny schlug eine Sioux-Bande unter Führung von Rote Wolke in die Flucht.
In verständlichem Stolz erhöhte die Armee bald schon die Anzahl der Cheyenne-Angreifer auf achthundert, die Zahl der Sioux auf tausend. Diese Vorfälle brachten neues Selbstvertrauen. Die Präriestämme waren nicht unbesiegbar. Sie waren nur unüberwindlich erschienen, weil reguläre Soldaten sich nicht an den indianischen Guerillakrieg gewöhnen konnten. Wenn die Stämme der konzentrierten Feuerkraft der Armee standhalten mußten, dann wurden sie aufgerieben.
Zurück in Fort Harker, bekam Charles all das zu hören und verfluchte sein Pech, daß er zur falschen Zeit bei der falschen Truppe war.