Nachträglich zeigte sich, daß der Tag der Wiesenschlacht für das Zehnte Regiment von noch größerer Bedeutung war. Cap-tain Armes und zweiunddreißig Männer der F-Kompanie hatten einige Cheyenne den Saline hochgejagt und sie gefangen; anschließend hatten sie sich in einem über fünfzehn Meilen hinziehenden Kampf den Weg freischießen müssen. Bill Christy, ein allgemein beliebter kleiner Mann, der einst eine Farm in Pennsylvania gehabt hatte, fing sich einen tödlichen Kopfschuß ein. Lovetta Barnes zerschnitt ein großes, schwarzgefärbtes Tuch, der Alte verteilte die Streifen, und jeder Offizier und Soldat der C-Kompanie band sich einen davon um seinen linken Ärmel. Andere Kompanien folgten dem Beispiel. Das Zehnte Regiment trauerte um seinen ersten Gefallenen.
Die Nachricht von dem bevorstehenden Umzug von Grier-sons Hauptquartier nach Fort Riley klang da schon ein bißchen besser. Endlich würden er und seine Männer dem bigotten General Hoffman entkommen.
Obwohl die Überfälle auf die Eisenbahnlinie, die Postkutschenroute und einsame Heimstätten anhielten, sah Charles seine Felle davonschwimmen. Die Friedenslobby hatte sich in Washington gehalten: Eine Friedenskommission war gebildet worden, und für den Herbst war eine Friedensexpedition geplant. Wieder bereitete er sich, auf seine Chance lauernd, darauf vor, sein Kommando hinauszuführen.
»Dafür kommst du besser zurück«, sagte Barnes am Morgen ihres Aufbruchs. Er gab Charles einen Handzettel aus Lavendelpapier.
EINZIGE WESTERN-SONDERTOURNEE IN DIESER SAISON
Mr. SAM' L.H. TRUMP, Esq. >Amerikas Schauspieleras<
In einer vollständigen Abendaufführung erheiternder und bewegender
SZENEN VON SHAKESPEARE
assistiert von Mrs. Parker und anderen Mitgliedern dieser weltbekannten Theatertruppe aus St. Louis - Eintritt 50 Cent -Programm absolut geeignet für Frauen und Kinder
Charles erinnerte sich, daß Willa etwas von einer Tournee gesagt hatte. Sam Trumps Name war doppelt so groß gesetzt wie der von Mr. Shakespeare. Bei der Zeile über Mrs. Parker brauchte man schon ein Vergrößerungsglas.
»Das ist sie, nicht wahr?« fragte der Alte. »Von der du vor einiger Zeit geredet hast?«
»Ja, das ist sie«, sagte Charles; sein Lächeln verblaßte.
»Nun, du hast meine Erlaubnis, das Kommando am Abend zuvor reinzubringen, wenn du nicht gerade in einer Klemme steckst.« Ganz unten auf dem Handzettel standen mit Tinte geschrieben die Worte Ft. Harker 3. Nov. - Ellsworth City 4. Nov.
Und so ritt er an diesem Morgen mit dem Wissen hinaus, daß er Willa wiedersehen konnte, und dem Gefühl, daß er sie sehen wollte. Er fragte sich, wie ein Wiedersehen über die Bühne gehen würde. Glücklich? Explosiv? Würden sich die Schmerzen verstärken, die ihn wie Zahnschmerzen begleiteten, seit er von ihr in St. Louis fortgeritten war?
Im November würde er das sicherlich erfahren.
MADELINES JOURNAL
August 1867. Gen. D. Sickles ist zum bestgehaßten Mann im Staat geworden. Er mischt sich in die Zivilgesetze ein - er erlaubt Negern den Zugang zu Jurys und öffentlichen Transportmitteln. Aber was noch schlimmer ist (so heißt es allgemein), er registriert befreite Negersklaven für die Wahl in den 109 Bezirken, in die S.C. nun aufgeteilt ist. Vielleicht hält sich Sickles nicht mehr lange. Es heißt, daß Andrew J. ihn für zu radikal hält.
... Noch ein Yankee-Eindringling. Ein Mann namens Klawdell ist in den Bezirk gekommen, um eine Union League oder Loyal League zu gründen. Wie ich erfahren habe, wurde die Union League während des Kriegs im Norden gegründet, um Lincoln und seinen Generälen patriotische Unterstützung zukommen zu lassen. Patriotismus wird jetzt durch Politik ersetzt. Die neuen Bünde sollen zu Clubs zur Erziehung der Schwarzen in Regierungsangelegenheiten wie beispielsweise den Wahlen werden. Im Grunde ein durchaus aufrichtiges Anliegen - aber wird man den Schwarzen von der Demokratischen Partei ebenso berichten wie von der Republikanischen Partei? Ich bezweifle es.
Andy fragte mich, was ich davon hielte, wenn er zu einem dieser Treffen ginge. Ich erinnerte ihn daran, daß er meine Erlaubnis nicht benötigte, warnte ihn aber gleichzeitig davor, daß das weiße Gesindel durch dieses letzte Beispiel radikaler Einmischung noch viel gewalttätiger werden könnte ...
Randall Gettys' Reaktion auf die Nachricht von einem politischen Organisator im Bezirk war genau die, die Madeline erwartet hatte. Wut und Zorn. Er konnte sich kaum auf seinen monatlichen Bericht über die Profite seines Dixie-Ladens konzentrieren. Den Bericht hatte er an eine Adresse in Washington, D.C., zu schicken, was auch für die Berichte der anderen 43 Dixie-Läden galt, die nun in South Carolina betrieben wurden.
Die Firma, an die Gettys seine Berichte, seine Warenbestellungen und zweimal im Jahr Geldüberweisungen sandte - die Profite des Ladens waren enorm -, nannte sich Mercantile Enterpri-ses. Er hatte keine Ahnung, was da für Leute dahintersteckten. Wer immer die Yankee-Besitzer sein mochten, sie hielten sich im dunkeln. Zweimal hatten sie ihm über einen Rechtsanwalt namens J. Dills, Esq., Anweisungen erteilt.
Gettys beendete seinen Bericht. Er warf einen Blick auf den schlecht gedruckten Wandkalender. Heute war Samstag. Er konnte mit einem flotten Verkauf von Whisky an Captain Jolly und einige der anderen Weißen im Bezirk rechnen - vielleicht sogar mit etwas Spaß, falls ein Schwarzer so dumm sein sollte, sich heute - an dem anerkannten Vergnügungstag des weißen Mannes - in die Nähe der Summerton-Kreuzung zu wagen.
Auf den unteren Rand des Kalenders hatte Gettys geschrieben: Des fällig am 1. Okt. Sobald sein Freund entlassen war, würde er ihm als erstes von dieser Schandtat berichten, diesem Club für Nigger. Jetzt mußte er sich erst einmal um die andere Korrespondenz kümmern, die sich in den letzten Wochen angesammelt hatte. Da war eine pathetische Bitte von einem Verwandten, der Geld für eine Augenoperation benötigte. Gettys zerriß den Brief. Zwei schäbige Rundbriefe von deutsch geführten Ramschläden warben für >die besten Güter und die vollständigen Bibliotheken führender Carolina-Familien zu Schleuderpreisen^ Gettys warf sie weg.
Ganz unten im Stoß fand Gettys einen Umschlag mit der Adresse von Sitwell Gettys, einem weiteren Verwandten. Sitwell war oben im York County, wo vielleicht die glühendsten Südstaatenanhänger wohnten, Schullehrer und loyaler Demokrat. Sitwell hatte einen ausgeschnittenen Artikel >vom Pulaski, Tenn. Citizen, der dich vielleicht interessieren könnte<, beigelegt.
Was auch der Fall war. In wenigen Absätzen wurde ein Gesellschafts- oder Sportclub der Weißen beschrieben, der vor ein paar Monaten in Pulaski von mehreren Kriegsveteranen gegründet worden war. Gettys' besonderes Interesse konzentrierte sich auf die Tatsache, daß die Mitglieder in phantastischen Kostümen, hinter denen sich ihre Gesichter verbargen, nachts durch die Gegend zogen. Sie besuchten zu frech gewordene Neger, gaben sich als wiederauferstandene Tote der Konföderierten aus und versetzten die Schwarzen mit Erfolg in Angst und Schrecken.
Der Club hatte einen eigenartigen Namen. Wenn sich Randall recht an seine Schulzeiten erinnerte, dann bedeutete das Wort kuklos Kreis, wovon der Name der Organisation offensichtlich abgeleitet worden war. Mit wachsender Erregung las er den Artikel ein zweites Mal und spießte ihn dann auf einen Nagel an der Wand. Sobald Des aus dem Gefängnis entlassen worden war, mußte er ihm von diesem neuen Ku-Klux-Klan erzählen. Für ihr eigenes Problem bot das eine verblüffend einfache Lösung: Anonymität. Mit Des' Billigung würde er sich bemühen, weitere Einzelheiten in Erfahrung zu bringen.
In Charleston. Bei Judith zu Hause. Marie-Louise hatte sich einen Tag von ihren Studien in Mrs. Allwick 's Female Academy freigenommen, einer von Dutzenden solcher Akademien, die in diesem Staat ihre Pforten geöffnet haben, um jungen Damen und Herren eine anständige Südstaatenerziehung unter (ausschließlich weißen) Gleichgestellten zu bieten. M.-L. ist mit ihrem Vater zur Inspektion der Charleston & Savannah-Eisenbahn gefahren. Cooper gehört zu einer Gruppe von Investoren, die die Schuldscheine der zahlungsunfähigen Linie aufgekauft haben. Selbst für 30.000 Dollar ist das kein tolles Geschäft. Die Linie ist bankrott, die Schienen laufen ungefähr 60 Meilen bis zum Coosawhatchie und enden am Charleston, wo eine Fähre benötigt würde; die Bockbrücke über den Ashley ist noch nicht wieder aufgebaut worden.