Vor allem war es eine Zeit, die voller Möglichkeiten für einen Wandel der Präriearmee steckte. Sie mußten begrenzten Patrouillendienst verrichten, während die große Friedenskommission, die noch nicht einmal ein einziges erfolgreiches Treffen mit den nördlichen Sioux zustande gebracht hatte, durch das herbstliche Kansas nach Süden zog, um einen weiteren Versuch bei den südlichen Stämmen zu starten.
Der Himmel war bläulich metallisch gefärbt, als die Kavalkade Harker verließ. Trommeln und Pfeifen spielten den Erkennungsmarsch >Garry Owen< der hundertfünfzig Kavalleristen der Siebten, denen eine Infanterieabteilung folgte, wiederum gefolgt von der B-Batterie der Vierten Artillerie, die zwei neue Gatlings mit sich führte. Charles fragte sich, ob eine Gatling mit ihren zehn Läufen wirklich hundertfünfzig Schuß in der Minute abfeuern konnte. Ike Barnes meinte, Gatlings würden sich schnell überhitzen und dann Ladehemmung kriegen. Die Siebte hatte noch keine Gatling getestet; Custer bezeichnete sie als wertlose Spielzeuge, und A.J. Smith weigerte sich, die Munition für einen Schußtest zu genehmigen, weil er befürchtete, das Kriegsministerium könnte es ihm von seinem Lohn abziehen.
Die Regierungskommissare und ihr Zivilistengefolge saßen in hochrädrigen, planenbedeckten Armeeambulanzen. Sieben Mann bildeten die Kommission: Senator J.B. Henderson aus Missouri, der die diesbezügliche Gesetzesvorlage eingebracht hatte; der Kommissar für indianische Angelegenheiten, N.G. Taylor; Colonel Sam Tappan, der erste Mann in der Armee, der sich heftig für eine Untersuchung von Sand Creek eingesetzt hatte; General John Sanborn, einer der Unterzeichner des Little-Arkansas-Vertrages; der heikle General Alfred Terry, der das Dakota-Department kommandierte; und General C.C. Augur vom Platte-Department als Ersatz für Sherman, der nach Washington zurückbeordert worden war, um Grant Rede und Antwort zu stehen, nachdem er einige unbeherrschte Worte der Kritik an der Kommission geäußert hatte. Das Kommando führte General William Harney, ein wuchtiger, weißbärtiger Soldat mit einem beachtlichen Ruf als Indianerkämpfer. Ein wirklich hübscher, kriegerischer Haufen, der da die Feuer in den Prärien eindämmen sollte, dachte Charles, während er beobachtete, wie die Karawane nach Süden auf Fort Larned zu verschwand.
Gouverneur Crawford befand sich ebenso wie Senator Ross bei der Expedition. Elf Reporter und ein Fotograf fuhren in Ambulanzen und Versorgungswagen mit, deren Gesamtzahl sich auf fünfundsechzig belief. Die Wagen waren mit Handels-gütern beladen, einschließlich Messern und Glasperlen, ausgemusterten Armeeuniformen, Hüten, Stiefeln und vierunddreißig alten Signalhörnern - ein brillant dämlicher Einfall von General Sanborn.
Charles sah zu, wie die Karawane verschwand, und fragte sich, was für unverschämte, anmaßende Indianer ihnen über den Weg laufen würden. Cheyenne-Banden streiften immer noch durch Kansas, zerstörten Postkutschenstationen und griffen Züge und Arbeitstrupps an.
Charles hatte keinen Zweifel, daß Narbengesicht und dessen Freunde unter ihnen waren. Wer würde zurückbleiben, um den Regierungs-Kommissaren vorzulügen, daß sie mit ihren wenigen Stimmen für Hunderte von anderen Indianern sprachen?
Sein Name war Träumender Stein. Er war zerbrechlich und zählte achtzig Winter. Er besaß keinen einzigen Zahn mehr, und sein Haar ähnelte einigen dünnen Fäden grauer Wolle. Doch seine Augen blickten stolz, und sein Verstand hatte ihn nicht verlassen, wie das sonst bei alten Männern häufig der Fall war.
Er wurde Träumender Stein genannt, weil er in seiner Jugend Visionen gesucht hatte. Wenn er sich von allen anderen entfernte, fastete und zu dem Einen betete, der alle Dinge gemacht hatte, dann verschleierten sich seine Augen kurz, und daraufhin stiegen die unterschiedlich großen Steine in die Luft, blieben über ihm hängen und sprachen abwechselnd zu ihm über tiefschürfende, bedeutsame Angelegenheiten.
Steine waren, wie viele andere Naturobjekte auch, den Cheyenne heilig. Steine symbolisierten Beständigkeit, die unwandelbaren Wahrheiten des Lebens, die ewige Erde und den Einen, der all das aus dem Nichts geformt hatte. Träumender Stein hatte aus seiner Vision gelernt, daß im Vergleich zu diesen Dingen Ehrgeiz, Liebe, Haß der Sterblichen nichts weiter waren als vom Sturm gepeitschte Grashalme.
Als er aus der Wildnis zurückkehrte, berichtete er dem Rat von seiner Vision. Die Alten waren beeindruckt. Da hatten sie einen jungen Mann vor sich, der eindeutig für ein spezielles Leben bestimmt war. Er wurde angewiesen, sich der Gemeinschaft der Bogensehnen anzuschließen, einer Gemeinschaft der Tapferen, der Reinen und der Unverheirateten, die es durchaus miteinander vereinbaren konnten, im Kampf Feinde zu töten und dann über Frieden und Stammesleben zu philosophieren.
Und so stieg er in diesen Reihen auf. Bogensehne, Bogensehnen-Gemeinschaftsführer, Dorfhäuptling, als er für den Kampf zu alt geworden war, Friedenshäuptling, als er noch älter geworden war. Im Oktober 1867 schlug er sein Tipi unter zweihundertfünfzig anderen Tipis am Westrand des Beckens des Medi-cine Lodge Valley auf; hier hausten ungefähr tausendfünfhundert Cheyenne. Das Becken lag ungefähr drei Tagesritte von dem Platz des Sonnentanzes entfernt, der von der großen Karawane der weißen Häuptlinge benutzt werden sollte, die von Norden her herangezogen kam, um Frieden mit den Fünf südlichen Stämmen zu schließen.
Ungefähr dreitausend Comanchen, Kiowa, Kiowa-Apachen und Arapahoe im Umkreis von zwanzig Meilen vom Vertragsort. Die Cheyenne kamen nicht so nahe heran wie die anderen Stämme, da sie gewisse einzigartige Erinnerungen hatten. Chi-vington. Sand Creek. Die Pawnee-Gabelung.
Die Friedensverhandlungen begannen nicht weit entfernt von der Grenzlinie zwischen Kansas und dem Indianerterritorium. Ein spezieller Abgesandter ritt den weiten Weg bis ins Cheyenne-Lager, um sie zu bitten, sich ebenfalls mit den weißen Häuptlingen zu treffen. Nacheinander wurden alle Räte und Würdenträger konsultiert. »Was hältst du davon, Träumender Stein?« wurde er gefragt.
»Wir sollten gehen«, sagte er. »Aber nicht der Geschenke wegen. Wir sollten gehen, weil es Dummheit ist, einen Krieg heraufzubeschwören, den wir nicht gewinnen können. Es gibt zu viele Weiße. Wir sind zu wenige. Wenn wir nicht in Harmonie mit ihnen leben, dann werden sie uns zertrampeln.«
Er haßte es, solch bittere Worte sprechen zu müssen, aber er glaubte daran. Ein abtrünniger Whiskyhändler hatte Träumender Stein einmal ein Bild von einer Stadt des weißen Mannes gezeigt: Es war eine Gravur der Fifth Avenue in New York, was Träumender Stein allerdings nicht wußte. Er bedeckte lediglich seinen Mund und starrte mit herausquellenden Augen auf die unaussprechlichen Wunder, die er da sah. Und das war nur ein winziger Teil eines Dorfes des weißen Mannes, hatte ihm der Händler erzählt, und es gab Hunderte solcher Dörfer.
Deshalb sprach sich Träumender Stein, der seine letzten Winter in Frieden verbringen wollte, für eine gütliche Einigung aus. Einige andere, zu denen auch sein Freund, der Friedenshäuptling Schwarzer Kessel, gehörte, stimmten dem zu. Einige Kriegshäuptlinge jedoch waren anderer Meinung, ebenso wie die meisten der jungen Männer, vor allem jene, die nach der Führung in den Soldatengemeinschaften griffen. Wenn Träumender Stein das halsstarrige Benehmen dieser Gruppe betrachtete, gelangte er zu dem traurigen Schluß, daß das Alter nicht länger respektiert wurde und die traditionelle Stammesdisziplin allmählich zusammenbrach. Einer der am meisten gefürchteten und bewunderten jungen Männer, ohne jeden Zweifel tapfer, aber nach der Meinung von Träumender Stein unnötig grausam, schwor, daß er sich niemals den weißen Häuptlingen unterwerfen würde, solange noch ein Atemzug in ihm steckte.
Diese Worte von Mann-bereit-für-den-Krieg hatten besonderes Gewicht, denn es galt als sicher, daß er im Frühling bei der jährlichen Umgestaltung seiner Gemeinschaft zum Träger der Hundeschnur gewählt werden würde. Die Hundeschnur war eine breite Schärpe aus gegerbter Tierhaut, ungefähr neun Fuß lang und mit Farbe, Stachelschweinborsten und Adlerfedern dekoriert. Vier Männer der Hundegemeinschaft wurden jedes Jahr aufgrund ihrer Tapferkeit mit dieser Schärpe, die sie auch im Kampf trugen, ausgezeichnet.