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Duncan runzelte die Stirn. »Bis die Geduld der anderen erschöpft ist, denke ich. Geduld und auch Zuneigung.«

Sie konzentrierte sich darauf, ihre Serviette zu falten. »Das letztere niemals. Doch was die Geduld anbelangt - ich weiß nicht recht. Meine Geduld ist manchmal wirklich fast am Ende. Ich weigere mich, all das zu leugnen, an das ich glaube, bloß um Charles einen Gefallen zu tun.«

»Charles ist stark, genau wie du. Ob richtig oder falsch, er wird seinen Rachefeldzug gegen die Indianer nicht aufgeben.«

»Und ich hasse das. Ich hasse es für alles, was es verkörpert und was es ihm antut.« Sie machte eine Pause. »Ich habe fast Angst, ihn in Ellsworth zu sehen.«

Die Hand des alten Soldaten schloß sich über der ihren. Sie wandte sich ab, die Augen voller Tränen. Der Druck seiner kraftvollen Finger sagte, daß er ihre Angst verstand. Seine Augen sagten, daß sie Grund dazu hatte.

Charles' Kommando kam am Abend vor der Vorstellung zurück. Er fand Ike Barnes und Floyd Hook vor, die über Einzelheiten eines Clubs der C-Kompanie diskutierten, der nach dem Vorbild der Internationalen Guttempler, einer Gesellschaft zur Förderung der Temperenz, aufgebaut werden sollte. In vielen Militärposten des Westens gab es solche Gruppen. Wie der Alte erklärte, war die allgemein in der Armee grassierende Trunksucht noch nicht bis in seine Truppe vorgedrungen, und der Club würde dafür sorgen, daß es auch dabei blieb. First Sergeant Sternengucker Williams war für die Einberufung der Gründungssitzung verantwortlich.

Der Gedanke, Willa wiederzusehen, machte Charles nervös, obwohl er es andererseits kaum erwarten konnte, sie zu sehen; er rasierte sich und putzte sich mit einer sauberen Uniform und einem großen gelben Halstuch heraus. Da sich Satan ausruhen sollte, nahm er ein anderes Kompaniepferd für den Fünf-Meilen-Ritt am Nordufer des Smoky Hill entlang. Beim Reiten pfiff er die Melodie vor sich hin, die Willa für ihn niedergeschrieben hatte. Seine Carolina-Musik, wie er sie bei sich nannte.

Ein Großteil des von der Ellsworth Town Company eingeebneten ursprünglichen Bauplatzes war im Juni zerstört worden, als der normalerweise sanfte Smoky Hill über seine Ufer trat und die dürftigen Hütten und Läden wegspülte. Kaum waren sie verschwunden, da kauften die Stadtgründer neues, höher gelegenes Land im Nordwesten. Sie ließen eine neue Parzelle in Salina eintragen, um dort neues Baugelände zu erschließen; bald zeigte sich, daß dies wahrscheinlich das richtige Ellsworth werden würde. Es hatte bereits seinen eigenen Bahnhof, als Ergänzung des Bahnhofs von Fort Harker; der erste Zug war am 1. Juli von Osten her eingerollt.

Der Novemberabend war klar und kalt. Charles hatte sich in seinen knielangen Büffelfellmantel gehüllt. Als er sich durch die vielen Wagen und Pferde der Hauptstraße kämpfte, bemerkte er ein Dutzend hintereinander fahrender Wagen. Rotfleckige Planen bauschten sich. Breite Streifen getrockneten Blutes markierten die Seiten der Wagen. Vor dem Wagen ritt ein junger Mann, den Charles erkannte. Der Reiter neben dem jungen Mann erkannte Charles.

»Wie geht's? Du bist Main. Wir sind uns im Golden Rule House begegnet.«

Charles war es nicht gewöhnt, seinen richtigen Namen zu hören, ließ sich aber nichts anmerken. »Ich erinnere mich. Du bist Griffenstein.« Er zog den Handschuh aus und gab ihm die Hand.

»Das hier ist mein Boß, Mr. Cody.«

Charles gab auch dem jungen Mann die Hand. »Griffenstein meinte, Sie würden nicht im Hotelgeschäft bleiben. Seid ihr Jäger für die Eisenbahn?« Der in der Luft hängende Blutgeruch war unverkennbar.

Cody sagte: »Für Goddard Brothers, die Fleischlieferanten der Eisenbahn. Sie zahlen fünfhundert im Monat, dafür garantieren ich und meine Jungs, daß sie genügend Büffelfleisch für ihre Mannschaften kriegen. Wir schießen die Büffel so schnell ab, da springt ein ganz schöner Profit heraus.«

Charles musterte die Wagen, deren stinkende Fracht sich in der Silhouette gegen den Himmel abzeichnete. Dutch Henry Griffenstein grinste. »Du weißt gar nicht, was das Wort schnell bedeutet, bevor du nicht Buffalo Billy bei der Arbeit gesehen hast. In der Zeit, die wir anderen brauchen, um eine Winchester zu laden, legt er elf, zwölf Büffel um.«

»Ganz schön langweilig«, sagte Cody. »Hätte nichts dagegen, wieder als Scout zu arbeiten. Wir beeilen uns besser, Jungs. Ist bald dunkel.«

Er winkte die Wagen vor und ritt weiter. Dutch Henry grinste in seinen gewaltigen, brustlangen Bart. »Wenn du das Soldatenleben mal satt hast, Main, dann komm zu uns. Einen guten Schützen können wir immer brauchen.«

Nachdem Dutch Henry davongetrabt war, sah sich Charles vorsichtig nach allen Seiten um, ob jemand vielleicht seinen Namen gehört haben könnte.

»Unsere Festlichkeiten sind nun vorbei. In Luft, in dünne Luft haben sich unsere Schauspieler aufgelöst.«

Mit überschwenglichen Gesten schleuderte Sam Trump Pros-peros Abschied dem Publikum entgegen. Diesen Teil hatten sie vom Ende des vierten Aktes des Maskenspiels entliehen. Trump war zuversichtlich, daß niemand es bemerken würde. Im Halbkreis angeordnete abgeschirmte Lampen beleuchteten die improvisierte Bühne. An Seilen aufgehängte Decken dienten als Seitenvorhänge. Der Speisesaal des noch unfertigen Drover-town-Hotels diente als Theater.

Charles war zu spät gekommen, um einen Sitz auf den für diesen Abend aufgestellten Bänken zu ergattern. Er stand hinten zwischen einigen anderen Offizieren aus dem Fort, ebenfalls Junggesellen. Vor ihm saßen Offiziere, deren Frauen und schlicht gekleidete Einwohner der Stadt, aber kein einziger schwarzer Soldat.

Über die Köpfe des Publikums hinweg entdeckte ihn Willa, kaum daß er hereingekommen war. Sofort unterlief ihr ein Versprecher bei Julias Text der Balkonszene. Sie spielte gegen Trumps heiterkeitserzeugenden Romeo an. Trump war nicht nur zu dick und zu alt, sondern er schlug sich auch noch an jeder romantischen Stelle mit beiden Händen aufs Herz.

Das Publikum jedoch dürstete nach Unterhaltung, war eindeutig von den Shakespeare-Auszügen begeistert und lauschte zwei Stunden lang sehr aufmerksam. Während dieser Zeit mußte lediglich ein beschwipster Kutscher entfernt werden.

Trump hatte kaum seine letzte Zeile gesprochen, da setzte er in Erwartung einer Ovation zu einer tiefen Verbeugung an. Er bekam sie. Willa, Trueblood und die stämmige Charakterdarstellerin eilten hinter den Decken hervor. Alle reichten sich die Hände und verbeugten sich. Ike Barnes' Frau sprang auf und schrie: »Bravo! Bravo!«, was Trump veranlaßte, zu einer Soloverbeugung vorzutreten, wobei er eine Lampe umstieß. Ein Soldat in der vordersten Reihe verhinderte eine Katastrophe, indem er das auslaufende, aufflammende Öl austrat. Trump achtete nicht darauf.

Jedesmal wenn sich Willa verbeugte, blieb ihr Blick auf Charles gerichtet. Er hielt seine Hände hoch, damit sie ihn klatschen sehen konnte. Oh Gott, wie schön sie aussah; bei ihrem Anblick wurde ihm ganz warm ums Herz. Für einen Augenblick spürte er Frieden; er fühlte sich frei von Haß, von seiner Vergangenheit - von all seinen Schmerzen.

Als sich das Publikum erhob, drängte er zusammen mit anderen nach vorn, um dem Ensemble zu gratulieren. »Mein lieber Junge«, brüllte Trump, als er Charles erspähte; er stürzte vor, um ihm die Hand zu schütteln. »Wie schön, dich hier zu haben. Ich bin froh, daß du diese Vorstellung gesehen hast. Diese Tournee ist ein einziger Triumph. Ich bin sicher, daß sie im Osten bereits von uns gehört haben. Wenn sie nach uns verlangen, werde ich den Rest der Tour absagen müssen.« Und damit wandte er sich dem nächsten Bewunderer zu.

Charles eilte auf Willa zu, griff nach ihren Armen und küßte ihre Stirn. »Du warst wunderbar.«

Sie umarmte ihn. »Und du tust meinen Schauspielkünsten ganz und gar nicht gut. Bringst du mich hier raus?«

»Auf der Stelle«, sagte er, ihre Hand umklammernd.