Der Kapitän trat mit dem Amerikaner einige Schritte abseits und fragte:
„Sie haben die Worte dieser Dame gehört?“
„Natürlich, Kapitän!“
„Sie kommen in politischen Beziehungen zu mir?“
„Gewiß.“
„Fast scheint es, als ob diese Engländerin aus ähnlichen Gründen nach Frankreich gekommen sei.“
„Man möchte es beinahe vermuten.“
„Sie haben sich jedenfalls im Coupé mit ihr unterhalten. Gab es da keinen Anhaltspunkt, um bestimmen zu können, ob diese meine Vermutung die richtige sei?“
„Nein, gar nicht.“
„So werde ich sie in Thionville wiederfinden müssen. Aber ich dachte, daß selbst die kürzeste Unterhaltung einen Punkt bietet, welcher geeignet ist, auf anderes schließen zu lassen.“
„Wir haben von ihr gar nicht gesprochen. Ich stellte mich ihr vor, und dann kam die Rede sofort auf die Entgleisung, welche wir zu erwarten hatten.“
Der Alte horchte erstaunt auf.
„Zu erwarten hatten?“ fragte er. „Das klingt ja gerade, als ob Sie gewußt hätten, daß der Zug entgleisen werde!“
„So ist es auch.“
„Aber bitte, das ist ja unmöglich.“
„Ich habe es aus Verschiedenem geschlossen, kam aber allerdings mit einem Schluß erst dann zustande, als wir uns dem Ort bereits so nahe befanden, daß das Unglück nicht mehr zu verhüten war.“
Des Alten bemächtigte sich eine Aufregung, welche er nur durch seine ganze Selbstbeherrschung verbergen konnte.
„Darf ich wissen“, fragte er, „welche Prämissen Sie hatten, um diesen Schluß zu ziehen?“
Der Amerikaner zögerte mit der Antwort, er blickte ein kurzes Weilchen lang hinaus ins Weite. Seine Züge hatten einen Ausdruck der Starrheit angenommen, wenn man überhaupt von einem solchen sprechen kann. Er ging mit sich über das zu Rate, was er beantworten solle. Endlich sagte er:
„Man hatte es bei dieser Entgleisung nicht auf den Zug, sondern auf mich abgesehen.“
Der Kapitän erschrak, versuchte aber, dies zu verbergen.
„Auf Sie?“ sagte er. „Unmöglich!“
„Sogar ganz gewiß.“
„Das ist nicht denkbar!“
„O im Gegenteil leicht erklärlich! Man wußte, daß ich mit diesem Zug kommen werde und daß ich sehr bedeutende Summen bei mir trage.“
„Nun? Weiter!“
„Man beschloß, den Zug entgleisen zu lassen, und dann bei meiner Leiche die volle Brieftasche zu finden.“
Jetzt mußte der Alte sich aufs äußerste anstrengen, um sich nicht zu verraten. Er räusperte sich, er zog an den Spitzen seines Schnurrbarts. Endlich stieß er hervor:
„Das klingt wie Wahnsinn!“
„Ist aber die nackte, wahre Wirklichkeit!“
„Beweise!“
„Man hat mich ja bereits für tot gehalten und mir, während ich im umgestürzten Coupé lag, die Brieftasche abgenommen.“
„Alle Teufel!“
„Ja, so ist es!“
„Aber das beweist ja noch nichts. Man hat die Brieftasche wahrscheinlich zufällig bei Ihnen gefunden.“
Der Amerikaner zögerte, mehr zu sagen. Die Physiognomie des Alten gefiel ihm ganz und gar nicht. Dieser aber meinte nun im zuversichtlichen Ton:
„Sie sehen also, daß Ihre Vermutung hinfällig ist.“
„Möglich. Übrigens hätte ich mir nicht erklären können, wie man von meiner Brieftasche erfahren konnte.“
„Es wissen ja nur zwei, daß Sie erwartet werden, nämlich Graf Rallion und ich.“
„Und Sie beide werden sich jedenfalls gehütet haben, unser Geheimnis auszuplaudern!“
„Gewiß. Aber, Sapperment, wie steht es denn da mit Ihrem Portefeuille? Es ist fort?“
„Es war fort. Ich habe es wieder.“
„Ah! Man hat es dem Dieb abgenommen?“
„Den Dieben. Es waren zwei.“
„Ah! Dieselben, welche entkommen sind?“
Der Amerikaner blickte erstaunt auf. Er war in Gesellschaft von Emma von Königsau so sehr mit Hilfeleistungen beschäftigt gewesen, daß er auf die anderen Vorgänge gar nicht geachtet hatte.
„Entkommen sind die beiden da oben im Coupé?“ fragte er.
„Ja. Der Offizier hat sie entkommen lassen. Jetzt steht man im Begriff, ihnen nachzujagen.“
„Welch eine unbegreifliche Nachlässigkeit! Das ist –“ er hielt inne und blickte nachdenklich vor sich hin, dann fuhr er fort:
„Doch ich hoffe, daß man sie wieder ergreift!“
„Jedenfalls, Monsieur! Also, Sie werden mein Gast sein. Leider habe ich nicht Zeit, mich länger hier zu verweilen. In welcher Weise werden Sie diesen Ort verlassen?“
„Jedenfalls in einem der Bahnwagen da oben.“
„Schön! Werden Sie mir erlauben, Ihnen meinen Kutscher zum Bahnhof zu senden?“
„Ich werde diese Aufmerksamkeit zu würdigen wissen.“
„Dann Adieu für jetzt!“
Sie reichten sich höflich die Hände, und dann entfernte sich der Alte, um zu seinem Pferd zurückzukehren, welches jenseits des Damms ruhig graste.
Als sich die Nachricht verbreitete, daß die Gefangenen verschwunden seien, und eine Anzahl Soldaten abgeschickt wurden, ihre Spur zu suchen, schloß Fritz sich ihnen an. Er fühlte sich in einer geradezu wütenden Stimmung über diesen Streich, mußte aber bald einsehen, daß er zur Wiederhabhaftwerdung der Entsprungenen nichts beizutragen vermöge. Er hatte keine Zeit, nach ihnen in der Gegend herumzulaufen. Er kehrte also nach der Unglücksstätte zurück.
Gerade als er zwischen den Büschen hervortreten wollte, erblickte er den alten Kapitän, welcher vom Damm herabkam, um zu seinem Pferd zu gehen. Zu gleicher Zeit sah man einen Reiter und eine Reiterin quer über die Wiese herbeigesprengt kommen. Es war Doktor Müller mit Marion.
Der Alte bemerkte diese beiden und blieb stehen, um sie zu erwarten. Sie hielten vor ihm, und Müller sprang ab, um der schönen Baronesse beim Absteigen behilflich zu sein.
„Lassen Sie das, wenn ich da bin“, herrschte ihm der Alte zu.
Er half seiner Enkelin herab und gab ihr den Arm, um sie den Damm hinaufzuführen. Sie tat gar nicht, als ob es vorher zwischen ihm und ihr eine Szene gegeben hätte.
„Da oben ist's?“ fragte sie ihn im Emporsteigen.
„Jenseits unten! Du hast deinen Willen durchgesetzt; aber wirst du auch stark genug sein, den Anblick zu ertragen?“
„Ich denke es!“
„So komm!“
Oben angelangt, blieb er halten, um ihr einen Überblick zu lassen. Sie schauderte zusammen. Er fühlte es.
„Nun, jetzt kommt die Ohnmacht?“ höhte er.
„Wohl nicht“, antwortete sie. „Es gehört jedoch ein ganz und gar gefühlloses und entmenschtes Herz dazu, hier nicht zu erschrecken!“
„Schön! Ich verstehe dich, ein solches Herz habe ich.“
„Wie es scheint.“
„Pah! Ich finde mich wohl dabei. Was aber nun?“
„Was nun? Was ist da noch zu fragen? Ich werde mithelfen Verbände anlegen.“
„Du?“ fragte er zornig. „Die Baronesse de Sainte-Marie?“
„Ja, ich! Eine Baronesse hat dieselben Menschenpflichten wie jedes andere Weib.“
„Das klingt ganz nach Sozialdemokratie und Kommune. Aber, hm, ich will nichts dagegen haben, stelle jedoch eine Bedingung.“
„Bei der Erfüllung meiner Pflicht lasse ich mir natürlich keine Bedingungen stellen.“
„Teufel! Du bist seit einigen Tagen ganz außerordentlich emanzipiert. Ich werde Sorge tragen, daß dir die Flügel etwas beschnitten werden.“
„So werden sie mich fortgetragen haben, ehe die Schere sie berührt!“
„Werden sehen! Da du auf keine Bedingungen eingehen willst, gebe ich dir einen Befehl. Verstanden?“
„Ja. Der Befehl imponiert mir nicht, und dir wird er nicht viel nützen.“
„Oho. Ich werde ihm Nachdruck zu geben wissen.“
„Das ist entweder unnötig oder erfolglos. Verlangst du etwas, was ich nicht tun kann, so werde ich es eben unterlassen; ist es aber etwas, was sich mit meinen Anschauungen vereinbaren läßt, so wäre gar kein Befehl nötig; eine Bitte, ein Wunsch würde genügen.“