„Ich bin ihm im Wald begegnet.“
„Er scheint mehr zu sein als das, wofür er sich ausgibt.“
„Hm. Möglich.“
Der Amerikaner fixierte Müller abermals. Er sagte:
„Sie sprechen diese Worte mit einer so eigentümlichen Betonung aus. Steckt vielleicht irgendein verborgener Sinn hinter ihnen?“
„Ja.“
„Welcher?“
„Das zu erklären, bitte ich, mir zu erlassen.“
„Wetter noch einmal! Sie spielen den Geheimnisvollen?“
„Geradeso wie Sie.“
„Monsieur! Ich begreife Sie wieder nicht!“
„Aber ich Sie. Sie werden diesen Pflanzensammler für seine Tat belohnen?“
„Ganz gewiß werde ich das.“
„Sie werden ihn also aufsuchen oder ihn nach Ortry kommen lassen?“
„Jedenfalls. Ich muß doch unserem Retter dem Kapitän vorstellen. Er hat ja auch die Schwester dieser Gesellschafterin gerettet.“
„Und doch werden Sie das nicht tun.“
„Nicht? Ihn nicht kommen lassen und auch nicht belohnen?“
„Auch nicht. Er würde nichts von Ihnen annehmen.“
„Sie kennen ihn also genauer, als Sie vorhin ahnen ließen?“
„Ja.“
„Monsieur Müller, so habe ich mich in Ihnen getäuscht. Sie sind nicht wirklich ein Deutscher.“
„Warum nicht?“
„Weil Sie ein Freund des sogenannten Pflanzensammlers sind. Habe ich recht?“
„Ich bin allerdings sein Freund. Ich nenne ihn sogar du, wenn wir uns unter vier Augen befinden.“
„Nun gut, so sind Sie auch kein Deutscher. Der Kapitän wird niemals einen Deutschen anstellen, und ein Deutscher wird, wenn er Ehre besitzt, nicht gegen sein Vaterland konspirieren.“
„Ah, ich konspiriere gegen Deutschland?“
„Ja. Der Pflanzensammler ist ein Eingeweihter, und Sie als sein Freund können es nicht weniger sein.“
„Ja, er ist eingeweiht, und ich bin noch unterrichteter als er, sogar unterrichteter als der Kapitän.“
Der Amerikaner machte doch ein sehr verwundertes Gesicht. Das hatte er nicht erwartet.
„Noch mehr als der Kapitän?“ fragte er.
„Ja, sogar noch unterrichteter als Graf Rallion.“
„Donnerwetter! Sie wissen alles?“
„Alles. Zunächst erwarte ich, daß Sie ein Ehrenmann sind?“
„Zweifeln Sie etwa daran?“ brauste der andere auf.
„Nein. Es liegt in Ihrem Interesse, daß Sie mir Vertrauen schenken. Ich habe eine Bitte, versichere Ihnen aber, daß ich nichts verlangen werde, was gegen Ihre Ehre oder auch nur gegen Ihren Vorteil sein würde.“
„Was wünschen Sie?“
„Ihr Ehrenwort, über alles, was wir jetzt gesprochen haben und noch sprechen werden, zu schweigen.“
Der Amerikaner blickte nachdenklich auf die Hand, welche Müller ihm entgegenstreckte, sagte dann aber doch:
„Sie sind eingeweiht, Sie machen auf mich einen guten Eindruck, den Eindruck, daß ich Ihnen vertrauen kann; gut, hier meine Hand! Ich werde schweigen, solange Sie es wünschen.“
Sie schlugen ein. Dann sagte Müller:
„Ich bin nicht der, welcher ich scheine –“
„Das habe ich mir bald gesagt“, fiel Deep-hill ein.
„Ich halte Fäden in der Hand, von denen Rallion und Richemonte keine Ahnung haben. Sie selbst, Monsieur, wissen noch weniger als diese beiden.“
„Das ist richtig. Ich hoffe aber, genügendes zu erfahren.“
„Das werden Sie. Sie sind gekommen, um Frankreich mit Geld zu unterstützen?“
„Frankreich eigentlich nicht, sondern die Arrangeurs des Freischarenwesens.“
„Als solche sind Ihnen nur Rallion und Richemonte bekannt, wenn ich mich nicht irre?“
„Allerdings.“
„Man wußte, mit welchem Zug Sie kamen?“
„Ganz genau.“
„Und daß Sie das Geld bei sich hatten?“
„Auch das.“
„Man wollte sich in den Besitz dieser Summen setzen, ohne sich Ihnen zu verpflichten –“
„Mich berauben, meinen Sie?“
„Ja.“
„Und töten?“
„Ja.“
„Durch die Entgleisung der Eisenbahn?“
„Ja.“
„Ich glaube es, denn das ist nunmehr nachgewiesen. Nur eines ist mir da unbegreiflich.“
„Sie werden es wohl bald begreifen.“
„Ich meine nämlich, daß die Mörder diese Umstände so genau wissen konnten.“
„Darüber bin ich mir sehr im klaren.“
„Aber Rallion und Richemonte waren ja ganz allein im Geheimnis!“
„Das eben beweist, wer die Mörder sind.“
Der Amerikaner öffnete die Augen weit und blickte Müller erschrocken an.
„Alle tausend Teufel!“ sagte er. „Sie meinen doch nicht etwa gar, daß –“
„Nun, was? Aber sprechen Sie leise!“
„Daß Rallion –“, fuhr der Amerikaner fort.
Müller nickte bloß.
„Und der Kapitän?“
„Jawohl.“
„Die Mörder gedungen haben?“
„Gerade das und nichts anderes meine ich.“
„Das wäre ja fürchterlich!“
„Oh, diese beiden haben noch ganz anderes vollbracht! Hören Sie, was ich Ihnen sagen werde. Der Kapitän hat sich heute vor Ihnen noch nicht sehen lassen, um nicht gezwungen zu sein, mit Ihnen über den Fall zu sprechen.“
„Er ließ sich mit Unwohlsein entschuldigen.“
„Welches Zimmer bewohnen Sie?“
„Da oben die drei Fenster.“
Er deutete empor. Es war dieselbe Wohnung, in welcher der Fabrikdirektor ermordet worden war. Müller nickte, er hatte bereits seine Beobachtungen gemacht.
„Gut“, sagte er. „Denken Sie einmal, daß ich allwissend bin. Der Kapitän hat heute ein Gift präpariert –“
„Donnerwetter! Doch nicht etwa für mich?“
„Für Sie.“
„Ich danke sehr!“
„Keine Sorge. Sie sollen nicht sterben, wenigstens jetzt noch nicht, sondern nur fest schlafen.“
„Wozu?“
„Jedenfalls will er Ihre Brieftasche untersuchen, in welcher Weise deren Inhalt Wert auch für ihn hat.“
„Ohne meine Unterschrift gar keinen.“
„Weiß er das?“
„Ich denke.“
„Trotzdem wird er kommen. Ich habe ihn beobachtet. Er hat den Eintritt bei Ihnen ganz genau untersucht und sich dann von dem Gift in einer Phiole gegossen; also handelt es sich um Sie.“
„Ich schieße ihn nieder!“
„Das werden Sie nicht tun, denn gegenwärtig befindet sich in dieser Phiole und auch in der Flasche, aus welcher sie gefüllt wurde, nur Wasser. Ich habe heimlich Zutritt bei ihm genommen und die Umtauschung bewerkstelligt. Nun steht zu erwarten, daß er Ihnen den Inhalt der Phiole heimlich beibringt.“
„Den Teufel werde ich trinken!“
„Nein, gerade alles werden Sie trinken, was man Ihnen vorsetzt. Der Alte wird dann überzeugt sein, daß das Gift bei Ihnen wirkt, und in Ihr Zimmer kommen, um Ihre Brieftasche zu untersuchen.“
„Woher wissen Sie das alles?“
„Ich weiß es nicht, sondern ich vermute es; ich kombiniere es mir. Es ist aber eben so gewiß, als ob ich es genau weiß.“
„Ich bewundere Sie. Was aber soll ich tun? Was Sie mir da raten, ist zu gefährlich.“
„Nein. Ich garantiere Ihnen mit meinem Ehrenworte, daß Sie keinen Schaden leiden werden.“
„Ihr Ehrenwort? Hm! Ja. Ich kenne Sie nicht. Sie sind der Hauslehrer Müller. Kann man einem solchen Mann so mir nichts, dir nichts das Leben und Vermögen anvertrauen?“
Da kam dem Erzieher ein Gedanke. Er ließ ein überlegenes Lächeln sehen und sagte:
„Gut, Sie sollen mich kennen lernen und Vertrauen zu mir haben. Ich mußte Ihnen die Wahrheit verschweigen, weil ich Ihrer noch nicht sicher war. Ich bin in England gewesen.“
Der Amerikaner horchte auf.
„Wirklich?“
„Ja. Ich bin sogar ein Engländer.“
„Alle Wetter! Und diese Ähnlichkeit –“