»Gern, Junge ! Du musst mir nur sagen, was.«
»Caro hat mir gestern ja die Villa Hohwenser gezeigt. Es ist wirklich der perfekte Ort für unser Fest. Weil es aber ein Privathaus ist, brauchen wir noch einen Caterer. Am besten einen, der auch Stühle, Tische und so weiter hat. Also ein richtig guter Partyservice. Und natürlich richtig gutes Essen.«
Richtig gutes Essen – da sind die Geschmäcker doch sehr verschieden. Vielleicht sollte ich mich auch an der Suche beteiligen, damit später auch richtig gute Fleischwurst angeliefert wird ! Aber wie ich meine Menschen kenne, spielt das leider wieder keine Rolle. Na, Hauptsache, Hedwig ist glücklich und kann mal ihre überschüssigen Energien abbauen.
»Das mach ich, Marc. Darauf kannst du dich verlassen. Ich brauche nur noch die genaue Adresse von der Villa, dann lege ich los.«
»Moment.« Marc steht auf und holt einen Zettel und einen Stift aus dem Wohnzimmer. »So, ich schreibe dir alles auf.« Er kramt sein Handy aus der Hosentasche. »Hier ist auch die Telefonnummer von Frau Hohwenser, dann kannst du dich direkt mit ihr abstimmen. Eine sehr angenehme Frau. Und bitte nett zu ihr sein, ist nämlich gleichzeitig eine extrem wichtige Kundin von Carolin.«
Hedwig schüttelt den Kopf.
»Also wirklich Marc, wie kommst du denn dazu, mir das extra zu sagen ? Ich bin immer nett.«
Marc zuckt mit den Schultern.
»Wie ich darauf komme ? Keine Ahnung. War nur so ein Gedanke. So, ich muss wieder in die Praxis. Danke für die Hilfe !«
Als er aus der Küche ist, murmelt Hedwig etwas, das wie Unverschämtheit ! klingt, und räumt die restlichen Kaffeetassen weg. Dann wischt sie den Tisch und schaut auf die Uhr.
»So, Herkules. Dann will ich mal hoffen, dass Luisa gleich aus der Schule kommt und mir bei diesem Facebook hilft. Irgendwie bekomme ich das allein nicht hin. Bevor ich den Caterer suche, müssen wir doch wissen, wie viele Gäste es wirklich werden.« Sie kichert vor sich hin. »Na, das wird eine Überraschung für die beiden werden !«
O ja. Das wird es garantiert. Allerdings ist mir völlig schleierhaft, warum Hedwig glaubt, dass es eine freudige sein wird. Andererseits: Wenn sie weiterhin denkt, dass Marc und Caro bei ihrem Chor in Begeisterung ausbrechen werden, dann ist sie eben einfach beratungsresistent. Ich wünschte, ich könnte Caro und Marc irgendwie warnen ! Dann wäre das Schlimmste vielleicht noch zu verhindern. Aber ich fürchte, es gibt keinen Weg, wie ich als kleiner Dackel hier die Notbremse ziehen könnte. Mist. Man müsste mit Menschen sprechen können.
Über den Flur kommt ein Quäken. Henri ist wach. Das Quäken kommt näher. Ist er etwa von allein aus seinem Gitterbett geflüchtet ? Das wäre schlecht, denn die Tatsache, dass Henri dort bisher nicht von selbst herauskommt, ist zuweilen sehr praktisch. Babyknast, nennt Luisa das Bettchen manchmal. Ich laufe zur Küchentür, um nachzuschauen.
Nein. Es ist Caro, die mit Henri auf dem Arm in unsere Richtung kommt.
»So, Hedwig. Der Lütte ist wach. Nimmst du ihn ? Ich muss noch mal los.«
Hedwig nickt, steht auf und geht zu Caro hinüber. Kaum sieht Henri seine Oma, schon streckt er die Arme zu ihr aus. Eben ein echter Hedwig-Fan, was sehr selten ist dieser Tage.
»Komm zu Omili ! Wollen wir vielleicht einen Kakao zusammen trinken ?«
Henri strahlt und nickt. Okay, auch wenn er noch nicht in ganzen Sätzen spricht, der Meister der Silbenverdopplung, versteht er jedes Wort.
Ich will gerade hinter Caro herlaufen, da dreht sie sich noch einmal zu Hedwig um.
»Ach, kann ich dir Herkules hierlassen ? Ich muss noch einmal ins Standesamt, da fehlt noch eine Gebühr. Ist mit Hund immer ein bisschen doof.«
»Ja, mach ruhig. Dann schicke ich Luisa später mit ihm Gassi gehen.«
Caro bedankt sich, und weg ist sie. Stört mich nicht weiter. Gassi gehen mit Luisa klingt nach einem ziemlich guten Programm.
Kurz darauf kommt sie auch schon durch die Wohnungstür und schmeißt ihren Schulranzen in die Ecke. Ich warte an der Tür auf sie, die Leine im Maul.
»Hey, hey, Herkules ! Lust auf einen Spaziergang, richtig ? Aber ich muss erst mal irgendetwas essen, hab ’nen Riesenhunger.«
Jaul. Nie wird hier auf meine Bedürfnisse Rücksicht genommen. Keine Fleischwurst zur Hochzeit, zu viele Gäste zum Fest, kein Gassigehen nach der Schule. Immerhin bückt sich Luisa zu mir und krault mich ein wenig, bevor sie zur Küche weitergeht.
»Hallo, Oma ! Ich hab einen Bärenhunger, gibt es noch etwas zu essen ?«
»Natürlich, mein Kind !«
Hedwig stellt einen Teller mit Milchreis, der noch vom Mittagessen mit Henri übrig geblieben ist, auf den Tisch.
»Gut, dass du da bist ! Du musst mir gleich mal mit dem Computer helfen. Ich versuche herauszufinden, wer denn nun alles unserer geheimen Einladung folgen wird. Und ich muss unseren Gästen noch mitteilen, wohin genau sie am 15. Juni kommen sollen. Ich habe mir überlegt, dass wir sie nicht zum Standesamt, sondern gleich zur Party lotsen. So haben dann Papa und Caro die Trauung im kleinen Kreis, und danach steigt die Hochzeitsfeier mit allen Gästen.«
»Ich helfe dir gleich«, murmelt Luisa mit vollem Mund.
Zwei Teller später geht sie mit Hedwig zum Computer rüber, ich hefte mich an ihre Fersen, auch Henri krabbelt hinterher. Luisa setzt sich vor den Computer und tippt los.
»So, mal sehen, wer sich schon gemeldet hat.«
Sie tippt weiter, wartet einen Moment. Und sagt dann nur noch oh, oh. Von unterhalb des Schreibtisches kann ich ihren Gesichtsausdruck dazu nicht sehen, aber die zwei kleinen Ohs klangen irgendwie unheilvoll.
»Sag mal, Oma, ist dir eigentlich klar, dass du alle dreihundertzweiundvierzig Facebook-Freunde von Papa zur Hochzeit eingeladen hast ?«
»Äh, nein. Du hattest mir doch diese Liste gemacht mit den fünfzig Namen. Ich dachte, ich hätte nur die … äh … hab ich etwa nicht ?«
Luisa schüttelt den Kopf.
»Nee. Haste nicht. Und die schlechte Nachricht ist: Es gibt schon zweihunderteinundachtzig Zusagen, sechzehn Leute kommen vielleicht, und nur fünfundvierzig haben abgesagt.«
Hedwig ringt nach Luft.
»Um Gottes willen ! Zweihunderteinundachtzig Zusagen ! Das ist ja entsetzlich !«
Luisa grinst.
»Cool, Oma. Du hast eine Facebook-Party gestartet ! Vielleicht kommen wir damit ins Fernsehen.«
»Aber … aber … was machen wir denn jetzt ?«
»Tja, ich würde sagen: Genug zu essen bestellen. Oder willst du jetzt absagen ?«
»Das geht doch nicht ! Ich kann doch nicht einem Teil absagen, und der andere Teil darf kommen. Unmöglich ! Die Leute kennen sich doch wahrscheinlich untereinander, wie sieht das denn aus ? Nachher fällt da noch etwas auf deinen Vater zurück, das will ich auf keinen Fall.«
Luisa zuckt mit den Schultern.
»Dann musst du da wohl durch. Aber keine Sorge: Ich helfe dir. Wenn du möchtest, bastle ich Tischkärtchen für alle. Und wenn das jetzt zu teuer wird: Ich kann dir auch Geld leihen. Auf meinem Mäusesparbuch sind schon fast 250 Euro.«
»Ach, mein Engelchen«, Hedwig streicht Luisa über den Kopf. »Das ist wirklich sehr lieb von dir. Aber Oma hat die Suppe eingebrockt, Oma löffelt die Suppe wieder aus. Ich habe auch noch einen gut gefüllten Sparstrumpf. Hauptsache, wir finden noch einen Partyservice, der das innerhalb von zwei Wochen hinkriegt. Da wird mir schon ein bisschen bang. Zweihundertachtzig Leute, ogottogottogott …«
»Ich kann Brötchen schmieren helfen. Das kann ich sogar sehr gut.«
»Danke, im Notfall machen wir das so. Dann spanne ich noch meine Chordamen zum Kellnern ein, singen müssen sie nun ja nicht mehr. Ich hoffe aber ganz stark, dass ich mit dem nötigen Kleingeld die passenden Helfer finde – ich werde wohl mein Konto plündern müssen.«
»Sag mal, Omaaa …«
Aha. Das Kind will irgendetwas. Ich kann es genau hören.
»Ooomaaa ?«
»Ja ?«
»Wenn es jetzt sooo viele Gäste sind, dann könnte ich doch auch noch jemanden einladen, oder ? Das fällt gar nicht auf, finde ich.«