»Eine Strategie habe ich nicht. Aber ich hätte noch die Wahrheit anzubieten: Wenn man selbst Liebeskummer hat, achtet man vielleicht nicht genug auf die Gefühle seiner Mitmenschen.«
Das kann ich nur bestätigen. Wie ich aus eigener leidvoller Erfahrung weiß, achten liebeskummerkranke Menschen auch nicht auf die Gefühle ihrer Haustiere. Bevor Caro mit Marc zusammenkam, hatte sie einmal fürchterlichen Liebeskummer wegen Thomas. Ich habe alles versucht, um sie aufzumuntern – zwecklos. Sie hörte nur stundenlang schaurige Musik, sodass mir schon die Ohren schepperten, und zur Krönung machte sie eines Tages eine Flasche Cognac nieder, wurde bewusstlos, übergab sich neben mich auf den Teppich, und ich musste sie retten. Es war eines meiner gruseligsten Menschenerlebnisse überhaupt.
»Hab schon gehört – mit Claudia ist auch Schluss. Tut mir natürlich leid.«
»Danke. Aber es wäre mit uns auch nicht gutgegangen. Ich wollte meine Seele nicht dem großen Yoga-Mann verschreiben. Und Claudia war nur noch gepestet von mir. Deswegen war ich froh, als mir Alex den Tipp mit seinem Zimmer gegeben hat. Du hast natürlich recht: Wäre netter gewesen, dich vorher mal zu fragen oder es dir zumindest zu sagen. Hab ich nicht böse gemeint – ich wollte einfach nur raus bei Claudia.«
»Danke. Ich war aber auch zu empfindlich. Mir ist schon klar, dass ich an der ganzen Geschichte selbst schuld bin, aber traurig bin ich trotzdem. Und deswegen war ich an dem Tag, als wir uns gestritten haben, eine hysterische Zicke.« Sie lächelt.
»Hey, ein Geständnis !« Daniel lacht und steht vom Sofa auf, dann reicht er Nina die Hand. »Vertragen ?«
Sie nickt und schlägt ein.
»Vertragen !«
»Ich habe übrigens eine echte Weltklasseidee, was wir als Trauzeugenpaar noch zur Hochzeit beisteuern könnten. Und wo wir doch gerade beide gleichzeitig Liebeskummer haben, wäre es eigentlich auch eine gute Traumatherapie, Frau Psychologin.«
»Oha ! Sind wir jetzt Kollegen ? Lass hören !«
»Was hältst du davon, wenn wir den beiden eine, oder besser, mehrere Best-of-CDs unserer liebsten Abtanz- und Liebeslieder zusammenstellen ? So vier, fünf Stunden lang. Das schmeißen wir dann in dieser Villa in die Anlage, und wenn wir zum gemütlichen Teil des Abends übergehen, kann getanzt werden. Für fünfundzwanzig Leute lohnt sich ja kein DJ, aber ein bisschen gute Musik wäre nicht schlecht, oder ?«
Nina legt den Kopf schief und überlegt.
»Nicht übel, Herr Kollege, aber ich vermisse den therapeutischen Ansatz.«
»Echt ? Dabei liegt der doch klar auf der Hand: Wir müssen uns vorher treffen, stundenlang gemeinsam Lieblingslieder hören und von alten Zeiten schwärmen. Wenn das nicht Balsam für die Seele ist, weiß ich auch nicht.«
Nina lacht.
»Schon klar. Also, wann treffen wir uns ?«
»Wie wär’s mit übermorgen ? Bis zur Hochzeit sind’s nur noch zehn Tage, da wird es langsam Zeit.«
»Okay. Dann übermorgen um 20 Uhr bei mir. Als Therapieunterstützung halte ich einen guten Rotwein bereit.«
Sehr gut ! Ich mag es, wenn sich alle in meinem Rudel vertragen. Für einen Jagdhund bin ich eben ganz schön friedliebend.
Als ich höre, dass Hedwig zur Villa Hohwenser fahren will, um vor Ort alles mit der Hausherrin und dem Partyservice zu besprechen, weiche ich nicht mehr von ihrer Seite. Da will ich unbedingt mit ! Eine Runde mit Biene an der Elbe entlangzutoben ist nämlich mit Sicherheit viel spannender, als Luisa weiter beim heimlichen Basteln von dreihundert Tischkärtchen zuzuschauen.
Tatsächlich ist meine Taktik erfolgreich, und ich darf mitkommen. Mit Bus und Bahn und einem quengelnden Henri in der Karre dauert die Anreise zwar eine halbe Ewigkeit, aber die Vorfreude auf ausgelassene Stunden mit einem guten Kumpel macht das locker wett.
Frau Hohwenser hat die Tür noch nicht ganz geöffnet, da bin ich auf der Suche nach Biene schon an ihr vorbeigesaust. In der Halle drehe ich eine große Runde und belle ein paarmal. Aber nix. Keine Antwort. Ratlos laufe ich zu den Frauen zurück, die noch am Eingang stehen und damit beschäftigt sind, für Henri Faxen zu machen, um das nörgelige Kerlchen zum Lachen zu bringen. Auf mich achtet natürlich mal wieder niemand ! Hey, wo ist Biene ? Ich springe auf die Hinterläufe und mache neben der Karre Männchen.
»Pfui, Herkules, runter mit dir !«, schimpft Hedwig.
Aber Frau Hohwenser errät sofort, was mit mir los ist.
»Du suchst Biene, richtig ? Da hast du heute leider Pech. Unsere Haushälterin ist eben mit ihr zum Hundefriseur gefahren. Bienchen musste dringend getrimmt werden. So verzottelt, wie das Bienchen war, dauert das bestimmt ein paar Stunden. Tut mir leid !«
O nein ! Nun habe ich mich extra mit öffentlichen Verkehrsmitteln hierhergequält, habe ertragen, dass der schlecht gelaunte Henri ständig versucht hat, mich an den Ohren zu ziehen, und dass er ab der Hälfte der Strecke so infernalisch stank, dass Hedwig ihn noch schnell auf der Bank eines Wartehäuschens wickeln musste – und wofür das alles ? Nur um mir jetzt die nächste Stunde anhören zu müssen, welchen Stuhl man am besten wohin stellt. Da hätte ich gleich zu Hause bleiben und mir weiter das Tischkärtchenbasteln anschauen können. Bravo !
Missmutig schleiche ich hinter den beiden Damen her, während Frau Hohwenser Hedwig erklärt, wo die Festtafel aufgebaut werden kann, welche Bestuhlung wohl sinnvoll wäre und wo das Büfett stehen soll. Gähn !
»Ich freue mich, dass Sie den Partyservice beauftragt haben, den ich Ihnen empfohlen habe. Das sind echte Profis, die das Haus hier auch schon kennen. Die letzten zwei Filmteams haben mit denen zusammengearbeitet, und es hat, soweit ich das mitbekommen habe, alles geklappt wie am Schnürchen. Ist ja nicht ganz unwesentlich, wenn sich die Gästezahl auf einmal verzehnfacht.«
Sie lacht, und Hedwig stimmt mit ein, allerdings etwas verhalten.
»Es war mir ehrlich gesagt ganz unangenehm, dass Sie über die wahre Gästezahl nicht informiert waren und ich Sie damit so überfallen musste. Aber es soll eben eine richtige Überraschung für meinen Sohn und seine Verlobte werden.«
»Aber das muss Ihnen doch nicht unangenehm sein – ich finde Ihre Idee von der Überraschungsparty genial ! Ich bin selbst ganz begeistert davon, dass wir hier endlich mal wieder groß feiern. Sie werden sehen – Ihre Kinder werden sich ganz bestimmt freuen !«
Klar. Ganz bestimmt. Und im Himmel ist Jahrmarkt ! Ich kann immer noch nicht fassen, dass Hedwig das für einen tollen Plan hält. Und dass es offensichtlich Leute gibt, die diese Einschätzung teilen.
»Ach, danke, das freut mich, dass Sie das so entspannt sehen.«
»Tu ich. Und was kann Ihrem Sohn denn Besseres passieren ? Sie planen alles und bezahlen sogar alles. Großzügiger geht’s doch nicht.«
Hedwig nickt. Man sieht, wie gut ihr dieser Zuspruch tut.
»Apropos planen: Haben Sie vielleicht ein Faxgerät ? Ich muss dem Partyservice noch die Menüfolge und die endgültige Gästezahl schicken. Normalerweise gehe ich immer in die Praxis meines Sohnes, wenn ich etwas faxen möchte. Aber diesmal hatte ich Sorge, dass ich auffliege, wenn ich der Sprechstundenhilfe das Blatt zum Faxen gebe.«
»Verstehe. Geheime Verschlusssache.« Frau Hohwenser lächelt. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo mein Büro ist. Dort steht auch ein Faxgerät.«
Hm, ich habe verstanden. Das Blatt ist gewissermaßen ein Beweismittel. Auf ihm steht, wie viele Gäste Hedwig tatsächlich eingeladen hat. Wenn ich also irgendwie an dieses Blatt käme und es zu Caro schleppen könnte, dann wüsste sie, was los ist. Nur: Wie kommt ein Vierbeiner wie ich unauffällig an ein ziemlich großes Blatt ? Immerhin ist das, was Hedwig da gerade aus ihrer Handtasche zieht, kein kleines Zettelchen, das ich mal eben im Maul transportieren könnte.
Frau Hohwenser geht mit Hedwig in den ersten Stock, ich folge den beiden. In einem kleineren Zimmer hinter dem Raum mit den Instrumenten stehen alle möglichen Möbel herum, die ich auch aus der Praxis von Marc kenne. Das muss das Büro sein. Hedwig gibt Frau Hohwenser das Blatt, die legt es auf eine Art Tischchen und tippt an der Stirnseite des Tischchens auf irgendetwas herum. Kurz darauf verschwindet das Blatt in der einen Seite des Tisches, nur um gleich wieder auf der anderen Seite aufzutauchen. Dann fängt das Gerät an zu rattern und laut zu piepen. Höchst interessant !